darauf, die ich ohnehin so eilig zu geben habe. Grüsse erstlich meinen in einer retraite meiner Herzkammern wohnenden geliebtesten Ema- nuel, der keinen Fehler hat als seine italienische Buchhandlung[!] im Briefschreiben; bei Renaten entschuldigt er das Schweigen durch mütterliche Geschäfte, bei mir aber nicht durch väterliche. -- Über5 und in den R[eichs]Anzeiger hab ich selber etwas Sanftes eingeschikt. Mach immer deine Sache gegen Schlegel. Gott gebe, daß ich das Blat gegen ihn nicht wieder vergesse. Ich werde täglich kälter gegen solche Klozios redivivos. -- Zu Emanuel komm ich im Frühling gewis. -- Die Koehler war gotlob nicht bei mir. Du weist schon, daß ich nach10 Solons Psephisma, den Höfern ausserordentlich entweder gut bin oder aufsässig. -- Ich denke den 22 Oct. in Weimar zu sein; in Weissen- fels bleib ich bei Hardenberg, und den andern Abend bei Wieland, um an einem Morgen mit so vielen Arbeiten einzufahren. Ich bedarf eines gymnastischen Orts, wo meine Seele eine Palästra findet; einen15 Kampf- und Waffenplaz; Leute, die einen anstrengen und übertreffen; in <ad> altiora sagt der Geist -- denn hier ist plattes Land. -- Ich logiere bei dem Satler Kienholz auf dem Markt. -- Gestern war Thümmel mit Weisse bei mir. Gerade wie -- nur feiner und ge- bildeter -- wie dein Onkel Joerdens (in Zedwiz) sieht er aus. Vom20 homme de monde und d'esprit kont' ich bei ihm nichts vermerken; aber schönen redlichen Germanismus der Treue. Nur als er mir sagte, daß er im 6ten (vielleicht zu Ostern kommenden) Bande noch schlim sei und erst im 7ten (und leider lezten) sich bekehre, fuhr ein sarkastischer Glanz über das deutsche Gesicht. --25
Die Berlepsch ist hier, sie hat ihre Briefe abgefodert. Ihr und[115] mein Betragen ist abgemessen -- Gott gebe, daß es so rastädtisch und regenspurgisch bleibe -- Darin stekt mein Friede. --
Hier kan man sein Haar entweder a la Brutus, oder Titus oder Caracalla oder Alcibiades verschneiden; unsere Köpfe wollen so30 gut -- und nicht um ein Haar schlechter -- die Alten nachahmen als die grosse Nazion. -- Die Weiber windeln leider jezt den Kopf ganz in einen Seiden-Turban ein; die Pariserinnen sollen wie ich höre ihren glat abscheeren. --
Lebe wohl! -- Du kanst mir die Briefe noch hieher schicken.35
darauf, die ich ohnehin ſo eilig zu geben habe. Grüſſe erſtlich meinen in einer retraite meiner Herzkammern wohnenden geliebteſten Ema- nuel, der keinen Fehler hat als ſeine italieniſche Buchhandlung[!] im Briefſchreiben; bei Renaten entſchuldigt er das Schweigen durch mütterliche Geſchäfte, bei mir aber nicht durch väterliche. — Über5 und in den R[eichs]Anzeiger hab ich ſelber etwas Sanftes eingeſchikt. Mach immer deine Sache gegen Schlegel. Gott gebe, daß ich das Blat gegen ihn nicht wieder vergeſſe. Ich werde täglich kälter gegen ſolche Klozios redivivos. — Zu Emanuel komm ich im Frühling gewis. — Die Koehler war gotlob nicht bei mir. Du weiſt ſchon, daß ich nach10 Solons Pſephisma, den Höfern auſſerordentlich entweder gut bin oder aufſäſſig. — Ich denke den 22 Oct. in Weimar zu ſein; in Weiſſen- fels bleib ich bei Hardenberg, und den andern Abend bei Wieland, um an einem Morgen mit ſo vielen Arbeiten einzufahren. Ich bedarf eines gymnaſtiſchen Orts, wo meine Seele eine Paläſtra findet; einen15 Kampf- und Waffenplaz; Leute, die einen anſtrengen und übertreffen; in <ad> altiora ſagt der Geiſt — denn hier iſt plattes Land. — Ich logiere bei dem Satler Kienholz auf dem Markt. — Geſtern war Thümmel mit Weisse bei mir. Gerade wie — nur feiner und ge- bildeter — wie dein Onkel Joerdens (in Zedwiz) ſieht er aus. Vom20 homme de monde und d’esprit kont’ ich bei ihm nichts vermerken; aber ſchönen redlichen Germaniſmus der Treue. Nur als er mir ſagte, daß er im 6ten (vielleicht zu Oſtern kommenden) Bande noch ſchlim ſei und erſt im 7ten (und leider lezten) ſich bekehre, fuhr ein ſarkaſtiſcher Glanz über das deutſche Geſicht. —25
Die Berlepsch iſt hier, ſie hat ihre Briefe abgefodert. Ihr und[115] mein Betragen iſt abgemeſſen — Gott gebe, daß es ſo raſtädtiſch und regenſpurgiſch bleibe — Darin ſtekt mein Friede. —
Hier kan man ſein Haar entweder à la Brutus, oder Titus oder Caracalla oder Alcibiades verſchneiden; unſere Köpfe wollen ſo30 gut — und nicht um ein Haar ſchlechter — die Alten nachahmen als die groſſe Nazion. — Die Weiber windeln leider jezt den Kopf ganz in einen Seiden-Turban ein; die Pariſerinnen ſollen wie ich höre ihren glat abſcheeren. —
Lebe wohl! — Du kanſt mir die Briefe noch hieher ſchicken.35
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darauf, die ich ohnehin ſo eilig zu geben habe. Grüſſe erſtlich meinen
in einer retraite meiner Herzkammern wohnenden geliebteſten Ema-
nuel, der keinen Fehler hat als ſeine italieniſche Buchhandlung[!] im
Briefſchreiben; bei Renaten entſchuldigt er das Schweigen durch
mütterliche Geſchäfte, bei mir aber nicht durch väterliche. — Über 5
und in den R[eichs]Anzeiger hab ich ſelber etwas Sanftes eingeſchikt.
Mach immer deine Sache gegen Schlegel. Gott gebe, daß ich das Blat
gegen ihn nicht wieder vergeſſe. Ich werde täglich kälter gegen ſolche
Klozios redivivos. — Zu Emanuel komm ich im Frühling gewis. —
Die Koehler war gotlob nicht bei mir. Du weiſt ſchon, daß ich nach 10
Solons Pſephisma, den Höfern auſſerordentlich entweder gut bin
oder aufſäſſig. — Ich denke den 22 Oct. in Weimar zu ſein; in Weiſſen-
fels bleib ich bei Hardenberg, und den andern Abend bei Wieland,
um an einem Morgen mit ſo vielen Arbeiten einzufahren. Ich bedarf
eines gymnaſtiſchen Orts, wo meine Seele eine Paläſtra findet; einen 15
Kampf- und Waffenplaz; Leute, die einen anſtrengen und übertreffen;
in <ad> altiora ſagt der Geiſt — denn hier iſt plattes Land. — Ich
logiere bei dem Satler Kienholz auf dem Markt. — Geſtern war
Thümmel mit Weisse bei mir. Gerade wie — nur feiner und ge-
bildeter — wie dein Onkel Joerdens (in Zedwiz) ſieht er aus. Vom 20
homme de monde und d’esprit kont’ ich bei ihm nichts vermerken;
aber ſchönen redlichen Germaniſmus der Treue. Nur als er mir ſagte,
daß er im 6ten (vielleicht zu Oſtern kommenden) Bande noch ſchlim
ſei und erſt im 7ten (und leider lezten) ſich bekehre, fuhr ein ſarkaſtiſcher
Glanz über das deutſche Geſicht. — 25
Die Berlepsch iſt hier, ſie hat ihre Briefe abgefodert. Ihr und
mein Betragen iſt abgemeſſen — Gott gebe, daß es ſo raſtädtiſch und
regenſpurgiſch bleibe — Darin ſtekt mein Friede. —
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Hier kan man ſein Haar entweder à la Brutus, oder Titus oder
Caracalla oder Alcibiades verſchneiden; unſere Köpfe wollen ſo 30
gut — und nicht um ein Haar ſchlechter — die Alten nachahmen als
die groſſe Nazion. — Die Weiber windeln leider jezt den Kopf ganz
in einen Seiden-Turban ein; die Pariſerinnen ſollen wie ich höre
ihren glat abſcheeren. —
Lebe wohl! — Du kanſt mir die Briefe noch hieher ſchicken. 35
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 105. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/114>, abgerufen am 23.09.2024.
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