[-- Warum hab ich noch kein eheliches Band zusammen gewoben als weil ich dato auf 4 Wirkstühlen auf einmal size und heute da eine oder 11/2 Elle fertig webe, morgen dort. --]
Deine Blätter über den Titan betreffend siehst du mich durch ein Glas an, das von fremden Vorurtheilen angelaufen ist.5
[Da mich die Frikzionen der Veränderungen erziehen, fodere ich Veränderungen von denen, die in keinen leben.]
d. 28 Jun.
[Lücke]wiewohl er den Reflex seiner Strahlen oft für meine hält. In der grossen Welt veracht ich die Männer Siehe Beilage NN10 und ihre freudenlosen Freuden; aber ich achte die Weiber. Allein sie ist mir nöthig, um den Geist der Zeit zu erforschen; auch bin ich in ihr freier und selber erkanter als in der kleinstädtischen. (Was hab' ich denn Hof namentlich in den Briefen gethan?) Übrigens sagt ich gestern zu Herder: hab ich geheirathet, so kriech ich in ein Loch und15 stecke nur den Schreibfinger heraus. -- Ach ihr wisset nicht, wie mir ist, aber ihr werdet es im Titan unter einem andern Namen einmal erfahren. -- Von Wernleins ofnen herlichen Himmel hatte mir schon Amöne erzählt; aber leider sonst nichts aus deinen Briefen. Mit meinen gedrukten ist das boshafte Weimar doch zufrieden, sogar Goethe:20 sage du auch etwas darüber!
Geld wil ich gegen Michaelis zusammenmachen. -- Herders Meta- kritik hab ich verliehen, du bekomst sie. -- Du hast etwas Wichtiges vergessen: ob Roquairol Obrister wird oder nicht. --
Die Wiederholungen kommen vom öftern Umschreiben, wo ich nicht25 mehr behalten konte, ob ich etwas schon einmal geschrieben -- manche sind scheinbare*) -- die andern sollen weg, wie alles Affektierte und Geschmaklose. Das närrische coupierte, ankündigende Erzählen hab ich mir leider von Tristram angewöhnt. Das Schlimste ist, daß ich unter dem Machen immer selber mir die Vorwürfe machte, die du mir[228]30 machst. Ich werde dir oft folgen, aber nicht immer; du bist wie die Weiber, zu sehr auf Geschichte aus und gegen das Komische auch von zu zärtlichem Geschmak. Smollet lässet einen Nachtstuhl umrühren -- denk' an Shakespear, Swift, Göthes Faust. Deine geistige Idiosyn-
*) z. B. zu sagen: er bricht sich einen Zweig vom Freiheitsbaum -- und ein35 Jahr darauf zu sagen: er legt eine Harzscharre daran an, ist keine Wiederholung.
[— Warum hab ich noch kein eheliches Band zuſammen gewoben als weil ich dato auf 4 Wirkſtühlen auf einmal ſize und heute da eine oder 1½ Elle fertig webe, morgen dort. —]
Deine Blätter über den Titan betreffend ſiehſt du mich durch ein Glas an, das von fremden Vorurtheilen angelaufen iſt.5
[Da mich die Frikzionen der Veränderungen erziehen, fodere ich Veränderungen von denen, die in keinen leben.]
d. 28 Jun.
[Lücke]wiewohl er den Reflex ſeiner Strahlen oft für meine hält. In der groſſen Welt veracht ich die Männer 〈Siehe Beilage NN〉10 und ihre freudenloſen Freuden; aber ich achte die Weiber. Allein ſie iſt mir nöthig, um den Geiſt der Zeit zu erforſchen; auch bin ich in ihr freier und ſelber erkanter als in der kleinſtädtiſchen. (Was hab’ ich denn Hof namentlich in den Briefen gethan?) Übrigens ſagt ich geſtern zu Herder: hab ich geheirathet, ſo kriech ich in ein Loch und15 ſtecke nur den Schreibfinger heraus. — Ach ihr wiſſet nicht, wie mir iſt, aber ihr werdet es im Titan unter einem andern Namen einmal erfahren. — Von Wernleins ofnen herlichen Himmel hatte mir ſchon Amöne erzählt; aber leider ſonſt nichts aus deinen Briefen. Mit meinen gedrukten iſt das boshafte Weimar doch zufrieden, ſogar Goethe:20 ſage du auch etwas darüber!
Geld wil ich gegen Michaelis zuſammenmachen. — Herders Meta- kritik hab ich verliehen, du bekomſt ſie. — Du haſt etwas Wichtiges vergeſſen: ob Roquairol Obriſter wird oder nicht. —
Die Wiederholungen kommen vom öftern Umſchreiben, wo ich nicht25 mehr behalten konte, ob ich etwas ſchon einmal geſchrieben — manche ſind ſcheinbare*) — die andern ſollen weg, wie alles Affektierte und Geſchmakloſe. Das närriſche coupierte, ankündigende Erzählen hab ich mir leider von Tristram angewöhnt. Das Schlimſte iſt, daß ich unter dem Machen immer ſelber mir die Vorwürfe machte, die du mir[228]30 machſt. Ich werde dir oft folgen, aber nicht immer; du biſt wie die Weiber, zu ſehr auf Geſchichte aus und gegen das Komiſche auch von zu zärtlichem Geſchmak. Smollet läſſet einen Nachtſtuhl umrühren — denk’ an Shakeſpear, Swift, Göthes Fauſt. Deine geiſtige Idioſyn-
*) z. B. zu ſagen: er bricht ſich einen Zweig vom Freiheitsbaum — und ein35 Jahr darauf zu ſagen: er legt eine Harzſcharre daran an, iſt keine Wiederholung.
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[— Warum hab ich noch kein eheliches Band zuſammen gewoben
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Deine Blätter über den Titan betreffend ſiehſt du mich durch ein
Glas an, das von fremden Vorurtheilen angelaufen iſt. 5
[Da mich die Frikzionen der Veränderungen erziehen, fodere ich
Veränderungen von denen, die in keinen leben.]
d. 28 Jun.
wiewohl er den Reflex ſeiner Strahlen oft für meine hält.
In der groſſen Welt veracht ich die Männer 〈Siehe Beilage NN〉 10
und ihre freudenloſen Freuden; aber ich achte die Weiber. Allein ſie
iſt mir nöthig, um den Geiſt der Zeit zu erforſchen; auch bin ich in ihr
freier und ſelber erkanter als in der kleinſtädtiſchen. (Was hab’ ich
denn Hof namentlich in den Briefen gethan?) Übrigens ſagt ich
geſtern zu Herder: hab ich geheirathet, ſo kriech ich in ein Loch und 15
ſtecke nur den Schreibfinger heraus. — Ach ihr wiſſet nicht, wie mir
iſt, aber ihr werdet es im Titan unter einem andern Namen einmal
erfahren. — Von Wernleins ofnen herlichen Himmel hatte mir ſchon
Amöne erzählt; aber leider ſonſt nichts aus deinen Briefen. Mit meinen
gedrukten iſt das boshafte Weimar doch zufrieden, ſogar Goethe: 20
ſage du auch etwas darüber!
Geld wil ich gegen Michaelis zuſammenmachen. — Herders Meta-
kritik hab ich verliehen, du bekomſt ſie. — Du haſt etwas Wichtiges
vergeſſen: ob Roquairol Obriſter wird oder nicht. —
Die Wiederholungen kommen vom öftern Umſchreiben, wo ich nicht 25
mehr behalten konte, ob ich etwas ſchon einmal geſchrieben — manche
ſind ſcheinbare *) — die andern ſollen weg, wie alles Affektierte und
Geſchmakloſe. Das närriſche coupierte, ankündigende Erzählen hab
ich mir leider von Tristram angewöhnt. Das Schlimſte iſt, daß ich
unter dem Machen immer ſelber mir die Vorwürfe machte, die du mir 30
machſt. Ich werde dir oft folgen, aber nicht immer; du biſt wie die
Weiber, zu ſehr auf Geſchichte aus und gegen das Komiſche auch von
zu zärtlichem Geſchmak. Smollet läſſet einen Nachtſtuhl umrühren
— denk’ an Shakeſpear, Swift, Göthes Fauſt. Deine geiſtige Idioſyn-
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*) z. B. zu ſagen: er bricht ſich einen Zweig vom Freiheitsbaum — und ein 35
Jahr darauf zu ſagen: er legt eine Harzſcharre daran an, iſt keine Wiederholung.
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 207. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/222>, abgerufen am 25.09.2024.
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