Kunst aufopferte, diese einer kahlen Eitelkeit preisgäbe? (Der Sallat ist wegen der Malerei des körperlichen Spiels und wegen des Froulay) Ja ich bin oft eitel, aber frank und frei und spielend, weil ich immer etwas in mir habe, was sich um keinen Beifal schiert. In meinem 10. Jahr erhob ich mich ohne Muster und Nachahmer schon über5 Stand und Kleider und war ein Republikaner im 18ten; und finde noch jezt hier einen Muth und eine Denkungsart gegen Fürsten in mir, die ich bei den grossen Männern hier eben nicht so finde. Überhaupt steig ich ja in die Nester der höhern Stände nur der Weiber wegen hinauf, die da wie bei den Raubvögeln grösser sind als die Mängen.10 -- Du sagst zu meinem Geschmak, ich sol öfter aus Gefälligkeit als Überzeugung nachgeben. -- An den guten B[öttig]er*) dacht ich nie und zum Glük widerspricht der Zug "Schäpe schlug die 4te und 5te Bitte immer andern ab etc." ihm ganz. -- Über kleinere Dinge rett' ich mich mündlich. -- Nunmehr ist aber alles vorbei und du brauchst15 keine Antwort auf Vorwürfe zu geben, die schon erstorben sind. --
d. 5. Jul.
Die Schroeder wil mir etwas zum Einschlagen schicken; sinds die Bilder, so kommen einige 100 Briefe mit.
Das lezte Kapitel des Titans ist noch unvolendet.20
Die Kalb -- mit der ich wieder Frieden habe -- sagte mir von der [231]Schroeder gehört zu haben, daß du dich mit Amoene verlobet; und davon erfährt dein Freund, der dir alles schreibt, sogar seine Sünden, nichts? -- O lieber Otto!
Adieu! Ich habe noch 1000 Dinge zu schreiben gehabt! Aber der25 Schroeder wegen mus es heute schon fort. -- Deine Schwester hat lange geschwiegen. -- Lies den treflichen Shakespear v. Schlegel und den 2ten Theil der Bambocciaden.
291. An Emilie und K. L. von Knebel.
Weimar d. 8. Jul. 99.30
Das Wohlwollen, gütigste Freundin, womit Sie alle meine Lebens- tage gern so verschönern möchten als meine wenigen bei Ihnen, ver-
*) Was er mir nur geben und thun kan, thut er; ich verlangte für die 30 Seiten der Corday nur 8 Ld'or, und er, der Spediteur des Mspts., foderte von selber 10 L. und 10 Freiexemplare. Auch vertheidige ich ihn überal.35
Kunſt aufopferte, dieſe einer kahlen Eitelkeit preisgäbe? (Der Sallat iſt wegen der Malerei des körperlichen Spiels und wegen des Froulay) Ja ich bin oft eitel, aber frank und frei und ſpielend, weil ich immer etwas in mir habe, was ſich um keinen Beifal ſchiert. In meinem 10. Jahr erhob ich mich ohne Muſter und Nachahmer ſchon über5 Stand und Kleider und war ein Republikaner im 18ten; und finde noch jezt hier einen Muth und eine Denkungsart gegen Fürſten in mir, die ich bei den groſſen Männern hier eben nicht ſo finde. Überhaupt ſteig ich ja in die Neſter der höhern Stände nur der Weiber wegen hinauf, die da wie bei den Raubvögeln gröſſer ſind als die Mängen.10 — Du ſagſt zu meinem Geſchmak, ich ſol öfter aus Gefälligkeit als Überzeugung nachgeben. — An den guten B[öttig]er*) dacht ich nie und zum Glük widerſpricht der Zug „Schäpe ſchlug die 4te und 5te Bitte immer andern ab ꝛc.“ ihm ganz. — Über kleinere Dinge rett’ ich mich mündlich. — Nunmehr iſt aber alles vorbei und du brauchſt15 keine Antwort auf Vorwürfe zu geben, die ſchon erſtorben ſind. —
d. 5. Jul.
Die Schroeder wil mir etwas zum Einſchlagen ſchicken; ſinds die Bilder, ſo kommen einige 100 Briefe mit.
Das lezte Kapitel des Titans iſt noch unvolendet.20
Die Kalb — mit der ich wieder Frieden habe — ſagte mir von der [231]Schroeder gehört zu haben, daß du dich mit Amoene verlobet; und davon erfährt dein Freund, der dir alles ſchreibt, ſogar ſeine Sünden, nichts? — O lieber Otto!
Adieu! Ich habe noch 1000 Dinge zu ſchreiben gehabt! Aber der25 Schroeder wegen mus es heute ſchon fort. — Deine Schweſter hat lange geſchwiegen. — Lies den treflichen Shakeſpear v. Schlegel und den 2ten Theil der Bambocciaden.
291. An Emilie und K. L. von Knebel.
Weimar d. 8. Jul. 99.30
Das Wohlwollen, gütigſte Freundin, womit Sie alle meine Lebens- tage gern ſo verſchönern möchten als meine wenigen bei Ihnen, ver-
*) Was er mir nur geben und thun kan, thut er; ich verlangte für die 30 Seiten der Corday nur 8 Ld’or, und er, der Spediteur des Mſpts., foderte von ſelber 10 L. und 10 Freiexemplare. Auch vertheidige ich ihn überal.35
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Ja ich bin oft eitel, aber frank und frei und ſpielend, weil ich immer
etwas in mir habe, was ſich um keinen Beifal ſchiert. In meinem
10. Jahr erhob ich mich ohne Muſter und Nachahmer ſchon über 5
Stand und Kleider und war ein Republikaner im 18ten; und finde
noch jezt hier einen Muth und eine Denkungsart gegen Fürſten in mir,
die ich bei den groſſen Männern hier eben nicht ſo finde. Überhaupt
ſteig ich ja in die Neſter der höhern Stände nur der Weiber wegen
hinauf, die da wie bei den Raubvögeln gröſſer ſind als die Mängen. 10
— Du ſagſt zu meinem Geſchmak, ich ſol öfter aus Gefälligkeit als
Überzeugung nachgeben. — An den guten B[öttig]er *) dacht ich nie
und zum Glük widerſpricht der Zug „Schäpe ſchlug die 4te und 5te
Bitte immer andern ab ꝛc.“ ihm ganz. — Über kleinere Dinge rett’
ich mich mündlich. — Nunmehr iſt aber alles vorbei und du brauchſt 15
keine Antwort auf Vorwürfe zu geben, die ſchon erſtorben ſind. —
d. 5. Jul.
Die Schroeder wil mir etwas zum Einſchlagen ſchicken; ſinds die
Bilder, ſo kommen einige 100 Briefe mit.
Das lezte Kapitel des Titans iſt noch unvolendet. 20
Die Kalb — mit der ich wieder Frieden habe — ſagte mir von der
Schroeder gehört zu haben, daß du dich mit Amoene verlobet; und
davon erfährt dein Freund, der dir alles ſchreibt, ſogar ſeine Sünden,
nichts? — O lieber Otto!
[231]
Adieu! Ich habe noch 1000 Dinge zu ſchreiben gehabt! Aber der 25
Schroeder wegen mus es heute ſchon fort. — Deine Schweſter hat
lange geſchwiegen. — Lies den treflichen Shakeſpear v. Schlegel und
den 2ten Theil der Bambocciaden.
291. An Emilie und K. L. von Knebel.
Weimar d. 8. Jul. 99. 30
Das Wohlwollen, gütigſte Freundin, womit Sie alle meine Lebens-
tage gern ſo verſchönern möchten als meine wenigen bei Ihnen, ver-
*) Was er mir nur geben und thun kan, thut er; ich verlangte für die 30 Seiten
der Corday nur 8 Ld’or, und er, der Spediteur des Mſpts., foderte von ſelber
10 L. und 10 Freiexemplare. Auch vertheidige ich ihn überal. 35
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 210. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/225>, abgerufen am 25.09.2024.
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