[376]5. Wilst du den Titel, so hab ich in Hildburghausen andere Be- kante, wodurch ich dir einen Konzipienten schaffe.
Grüsse meinen theuern, edeln, scharfsinnigen, ewigen, spashaften Emanuel*); selten ist reinste Güte und Weisheit zugleich so originel.
Dein Brief hat mich sehr erquikt und beschenkt, auch durch das5 schöne Laub, das er über seine Früchte legt.
6. Ich spiele zwar hier wie an m[anchen] O[rten] mit philosophischen Beweisen aus lauter Verachtung gegen sie, weil sie wie Schweizer jedem dienen; aber das unbewuste oder reine Ich kan erstlich nicht wollen**) und also nicht handeln; also nicht das empirische. Zweitens10 wäre das Handeln gegen sich selber eben das bestrittene, das idealistisch- unmoralische. (S. die Maestoso's)
-- Grüsse deine Frau von mir recht herzlich. --
Schreibe mir immer Neuigkeiten. Hof und Bayreuth, sowenig ihre Wirklichkeit für mich taugt, sind die Grundierung meiner blühendsten15 Vergangenheit und meiner jezigen indischen Träume. Ach damals, damals! -- So glüklich kan mich jezt kein Gott machen als mich damals hätte der Teufel machen können; mit dem Unglük ists auch so.
Lebe wohl mein Geliebter, fest an mein Herz geknüpfter! Ich liebe dich immer mehr -- ach wie selten kan der Mensch das sagen?20
R.
483. An Karoline von Feuchtersleben.
[Kopie][Weimar, 8. Juli 1800]
etc. Hier ruht unser Schmerz und kein Gott kan ihn nehmen -- den Schmerz der Unähnl[ichkeiten] bedekt -- Wir sind gleichförmig im25 höhern Streben, wir spielen dieselbe höhere Melodie, aber jedes trägt sie in einer andern Tonart d. i. Individualität vor und dadurch wird das Aehnlichste das Unähnlichste; die Sekunde ist der gröste Miston. Die heftigsten Gefühle springen am leichtesten in ihr Gegentheil um [377]und die höchste Liebe verwundet sich tödtlich am kleinsten Unterschied.30 O es hilft nichts, daß der Mensch zu sich sagt, ich wil mich ändern. Er sezt sichs im Enthusiasmus der Liebe vor; aber die Aenderung würde er gerade im aufgehobnen Enthusiasmus zu machen haben und also nicht
*) Er darf Carolinens Briefe alle lesen.
**) Wollen wäre schon eine Bestimmung des Unbestimten oder Unendlichen.35
[376]5. Wilſt du den Titel, ſo hab ich in Hildburghausen andere Be- kante, wodurch ich dir einen Konzipienten ſchaffe.
Dein Brief hat mich ſehr erquikt und beſchenkt, auch durch das5 ſchöne Laub, das er über ſeine Früchte legt.
6. Ich ſpiele zwar hier wie an m[anchen] O[rten] mit philoſophiſchen Beweiſen aus lauter Verachtung gegen ſie, weil ſie wie Schweizer jedem dienen; aber das unbewuſte oder reine Ich kan erſtlich nicht wollen**) und alſo nicht handeln; alſo nicht das empiriſche. Zweitens10 wäre das Handeln gegen ſich ſelber eben das beſtrittene, das idealiſtiſch- unmoraliſche. (S. die Maestoso’s)
— Grüſſe deine Frau von mir recht herzlich. —
Schreibe mir immer Neuigkeiten. Hof und Bayreuth, ſowenig ihre Wirklichkeit für mich taugt, ſind die Grundierung meiner blühendſten15 Vergangenheit und meiner jezigen indiſchen Träume. Ach damals, damals! — So glüklich kan mich jezt kein Gott machen als mich damals hätte der Teufel machen können; mit dem Unglük iſts auch ſo.
Lebe wohl mein Geliebter, feſt an mein Herz geknüpfter! Ich liebe dich immer mehr — ach wie ſelten kan der Menſch das ſagen?20
R.
483. An Karoline von Feuchtersleben.
[Kopie][Weimar, 8. Juli 1800]
ꝛc. Hier ruht unſer Schmerz und kein Gott kan ihn nehmen — den Schmerz der Unähnl[ichkeiten] bedekt — Wir ſind gleichförmig im25 höhern Streben, wir ſpielen dieſelbe höhere Melodie, aber jedes trägt ſie in einer andern Tonart d. i. Individualität vor und dadurch wird das Aehnlichſte das Unähnlichſte; die Sekunde iſt der gröſte Miston. Die heftigſten Gefühle ſpringen am leichteſten in ihr Gegentheil um [377]und die höchſte Liebe verwundet ſich tödtlich am kleinſten Unterſchied.30 O es hilft nichts, daß der Menſch zu ſich ſagt, ich wil mich ändern. Er ſezt ſichs im Enthuſiaſmus der Liebe vor; aber die Aenderung würde er gerade im aufgehobnen Enthuſiaſmus zu machen haben und alſo nicht
*) Er darf Carolinens Briefe alle leſen.
**) Wollen wäre ſchon eine Beſtimmung des Unbeſtimten oder Unendlichen.35
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5. Wilſt du den Titel, ſo hab ich in Hildburghausen andere Be-
kante, wodurch ich dir einen Konzipienten ſchaffe.
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Grüſſe meinen theuern, edeln, ſcharfſinnigen, ewigen, ſpashaften
Emanuel *); ſelten iſt reinſte Güte und Weisheit zugleich ſo originel.
Dein Brief hat mich ſehr erquikt und beſchenkt, auch durch das 5
ſchöne Laub, das er über ſeine Früchte legt.
6. Ich ſpiele zwar hier wie an m[anchen] O[rten] mit philoſophiſchen
Beweiſen aus lauter Verachtung gegen ſie, weil ſie wie Schweizer
jedem dienen; aber das unbewuſte oder reine Ich kan erſtlich nicht
wollen **) und alſo nicht handeln; alſo nicht das empiriſche. Zweitens 10
wäre das Handeln gegen ſich ſelber eben das beſtrittene, das idealiſtiſch-
unmoraliſche. (S. die Maestoso’s)
— Grüſſe deine Frau von mir recht herzlich. —
Schreibe mir immer Neuigkeiten. Hof und Bayreuth, ſowenig ihre
Wirklichkeit für mich taugt, ſind die Grundierung meiner blühendſten 15
Vergangenheit und meiner jezigen indiſchen Träume. Ach damals,
damals! — So glüklich kan mich jezt kein Gott machen als mich
damals hätte der Teufel machen können; mit dem Unglük iſts auch ſo.
Lebe wohl mein Geliebter, feſt an mein Herz geknüpfter! Ich liebe
dich immer mehr — ach wie ſelten kan der Menſch das ſagen? 20
R.
483. An Karoline von Feuchtersleben.
[Weimar, 8. Juli 1800]
ꝛc. Hier ruht unſer Schmerz und kein Gott kan ihn nehmen — den
Schmerz der Unähnl[ichkeiten] bedekt — Wir ſind gleichförmig im 25
höhern Streben, wir ſpielen dieſelbe höhere Melodie, aber jedes trägt
ſie in einer andern Tonart d. i. Individualität vor und dadurch wird
das Aehnlichſte das Unähnlichſte; die Sekunde iſt der gröſte Miston.
Die heftigſten Gefühle ſpringen am leichteſten in ihr Gegentheil um
und die höchſte Liebe verwundet ſich tödtlich am kleinſten Unterſchied. 30
O es hilft nichts, daß der Menſch zu ſich ſagt, ich wil mich ändern. Er
ſezt ſichs im Enthuſiaſmus der Liebe vor; aber die Aenderung würde er
gerade im aufgehobnen Enthuſiaſmus zu machen haben und alſo nicht
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*) Er darf Carolinens Briefe alle leſen.
**) Wollen wäre ſchon eine Beſtimmung des Unbeſtimten oder Unendlichen. 35
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 350. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/370>, abgerufen am 23.09.2024.
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