-- Lichte sieht, d. h. der mit der Götheschen Lorgnette Gute und Schlimme, theilnamlos obwohl unpartheiisch, lobend aber nicht liebend, tadelnd aber nicht hassend, als Dramaturg über das Theater laufen sieht. --
Ich wohne bei Gleim. D. h. ich habe die schönste Stube mit einem5 Luxus, der grösser ist als mein Lexikon davon, zwischen lauter Bücher- zimmern in Besiz -- und gegenwärtiges wird da gemacht. Seine [85]Niece (von 18 oder 20 Jahren) gefält mir wegen ihres Frohsins, Gefühls, wegen ihrer Ausbildung und weiblichen Leichtigkeit so sehr als der beste Bücherschrank hart an mir. --10
Lieber Otto, 10 Tausend Dinge und Personalien gehen unbeschrieben verloren: ich wolt' du ständest dabei. --
Vermischte Nachrichten
Halberstadt ist sehr schön, und auch die weiblichen Wesen darin; der Brocken wendet sein Riesenhaupt hieher --15
Leipzig d. 30 Jul. [Montag]
Heute kam ich an. 1000 etc. Dinge sizen auf meiner Zunge; ich geh aber chronologisch und topographisch und sage ein Paar.
Gleim und die Halberstädter und Halberstadt und die Nachbarschaft des Harzes gefallen mir zu sehr. Gleim macht von 4 bis 6 Uhr20 Morgens Verse, deren Erscheinung ihm gleichgilt (seine opera omnia sind ohne seinen Willen da). Er hat das Feuer und die Blindheit eines Jünglings; ich lieb' ihn unsäglich und wir weinten beide beim Trennen. Den 27ten Jul. ris ich mich ab; muste in Aschersleben beim Pastor Görte bleiben (dem Stiefvater der Niece); und abends wurde eine25 meiner erschriebenen Brüdergemeinde[n besucht], die aus einem Kon- sistorialrath, Rektor (Sangerhausen), Subrektor, Bürgermeister, Syndikus, Doktor bestand, die mich sämtlich sehr -- ansahen und den andern Tag für ein 2tes Konzilium der Gegend aufheben wolten. Diese Gewisheit, daß meine Dinte sich durch alle Amtskleider etc.30 frisset, erfreuet mich sehr und oft; aber nicht blos einige Moralität, sondern auch viel Freiheit geht auf solchen Zier-Prangern zum Teufel. Ach ich finde keinen Menschen für mein Herz, zwar Menschen, deren Schüler, aber nicht deren Freund ich sein kan! Und ich mus so den Be- strebungen, mich zu loben und zu lieben und zu errathen, mit zusehen!35 -- Den 28ten kam ich nach Giebichenstein. Ich muste den Sontag
— Lichte ſieht, d. h. der mit der Götheſchen Lorgnette Gute und Schlimme, theilnamlos obwohl unpartheiiſch, lobend aber nicht liebend, tadelnd aber nicht haſſend, als Dramaturg über das Theater laufen ſieht. —
Ich wohne bei Gleim. D. h. ich habe die ſchönſte Stube mit einem5 Luxus, der gröſſer iſt als mein Lexikon davon, zwiſchen lauter Bücher- zimmern in Beſiz — und gegenwärtiges wird da gemacht. Seine [85]Niece (von 18 oder 20 Jahren) gefält mir wegen ihres Frohſins, Gefühls, wegen ihrer Ausbildung und weiblichen Leichtigkeit ſo ſehr als der beſte Bücherſchrank hart an mir. —10
Lieber Otto, 10 Tauſend Dinge und Perſonalien gehen unbeſchrieben verloren: ich wolt’ du ſtändeſt dabei. —
Vermiſchte Nachrichten
Halberstadt iſt ſehr ſchön, und auch die weiblichen Weſen darin; der Brocken wendet ſein Rieſenhaupt hieher —15
Leipzig d. 30 Jul. [Montag]
Heute kam ich an. 1000 ꝛc. Dinge ſizen auf meiner Zunge; ich geh aber chronologiſch und topographiſch und ſage ein Paar.
Gleim und die Halberſtädter und Halberſtadt und die Nachbarſchaft des Harzes gefallen mir zu ſehr. Gleim macht von 4 bis 6 Uhr20 Morgens Verſe, deren Erſcheinung ihm gleichgilt (ſeine opera omnia ſind ohne ſeinen Willen da). Er hat das Feuer und die Blindheit eines Jünglings; ich lieb’ ihn unſäglich und wir weinten beide beim Trennen. Den 27ten Jul. ris ich mich ab; muſte in Aſchersleben beim Paſtor Görte bleiben (dem Stiefvater der Niece); und abends wurde eine25 meiner erſchriebenen Brüdergemeinde[n beſucht], die aus einem Kon- ſiſtorialrath, Rektor (Sangerhauſen), Subrektor, Bürgermeiſter, Syndikus, Doktor beſtand, die mich ſämtlich ſehr — anſahen und den andern Tag für ein 2tes Konzilium der Gegend aufheben wolten. Dieſe Gewisheit, daß meine Dinte ſich durch alle Amtskleider ꝛc.30 friſſet, erfreuet mich ſehr und oft; aber nicht blos einige Moralität, ſondern auch viel Freiheit geht auf ſolchen Zier-Prangern zum Teufel. Ach ich finde keinen Menſchen für mein Herz, zwar Menſchen, deren Schüler, aber nicht deren Freund ich ſein kan! Und ich mus ſo den Be- ſtrebungen, mich zu loben und zu lieben und zu errathen, mit zuſehen!35 — Den 28ten kam ich nach Giebichenstein. Ich muſte den Sontag
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— Lichte ſieht, d. h. der mit der Götheſchen Lorgnette Gute und
Schlimme, theilnamlos obwohl unpartheiiſch, lobend aber nicht
liebend, tadelnd aber nicht haſſend, als Dramaturg über das Theater
laufen ſieht. —
Ich wohne bei Gleim. D. h. ich habe die ſchönſte Stube mit einem 5
Luxus, der gröſſer iſt als mein Lexikon davon, zwiſchen lauter Bücher-
zimmern in Beſiz — und gegenwärtiges wird da gemacht. Seine
Niece (von 18 oder 20 Jahren) gefält mir wegen ihres Frohſins,
Gefühls, wegen ihrer Ausbildung und weiblichen Leichtigkeit ſo ſehr
als der beſte Bücherſchrank hart an mir. — 10
[85]Lieber Otto, 10 Tauſend Dinge und Perſonalien gehen unbeſchrieben
verloren: ich wolt’ du ſtändeſt dabei. —
Vermiſchte Nachrichten
Halberstadt iſt ſehr ſchön, und auch die weiblichen Weſen darin;
der Brocken wendet ſein Rieſenhaupt hieher — 15
Leipzig d. 30 Jul. [Montag]
Heute kam ich an. 1000 ꝛc. Dinge ſizen auf meiner Zunge; ich geh
aber chronologiſch und topographiſch und ſage ein Paar.
Gleim und die Halberſtädter und Halberſtadt und die Nachbarſchaft
des Harzes gefallen mir zu ſehr. Gleim macht von 4 bis 6 Uhr 20
Morgens Verſe, deren Erſcheinung ihm gleichgilt (ſeine opera omnia
ſind ohne ſeinen Willen da). Er hat das Feuer und die Blindheit eines
Jünglings; ich lieb’ ihn unſäglich und wir weinten beide beim Trennen.
Den 27ten Jul. ris ich mich ab; muſte in Aſchersleben beim Paſtor
Görte bleiben (dem Stiefvater der Niece); und abends wurde eine 25
meiner erſchriebenen Brüdergemeinde[n beſucht], die aus einem Kon-
ſiſtorialrath, Rektor (Sangerhauſen), Subrektor, Bürgermeiſter,
Syndikus, Doktor beſtand, die mich ſämtlich ſehr — anſahen und den
andern Tag für ein 2tes Konzilium der Gegend aufheben wolten.
Dieſe Gewisheit, daß meine Dinte ſich durch alle Amtskleider ꝛc. 30
friſſet, erfreuet mich ſehr und oft; aber nicht blos einige Moralität,
ſondern auch viel Freiheit geht auf ſolchen Zier-Prangern zum Teufel.
Ach ich finde keinen Menſchen für mein Herz, zwar Menſchen, deren
Schüler, aber nicht deren Freund ich ſein kan! Und ich mus ſo den Be-
ſtrebungen, mich zu loben und zu lieben und zu errathen, mit zuſehen! 35
— Den 28ten kam ich nach Giebichenstein. Ich muſte den Sontag
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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 78. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/86>, abgerufen am 23.09.2024.
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