bleiben, um ein Souper bei D. Niemayer, wozu ich mich 8 Tage vorher versprochen, mitaufzuessen. Es war alles herlich und -- kriege- risch (denn ich disputiere überal), und die Niemeyer hab ich recht innig lieb. --
Heute fuhr Reichard mit mir in 4 Stunden hieher. Seine Gefälligkeit5 für mich übersteigt meine Hofnung und Erwiederung. Seine Frau hat[86] die schönste stilste Seele und die schönste Nase, die mir noch vorgekom- men. -- Ausser Halle must ich blos das Albinos Bier (den Broyhahn) trinken. -- Die Berlepsch ist in Eger. Ich reise nie mehr mit einer Dame; die 6 Ld'or, -- die Reise-rata, die ich ihr zahlte, abgerechnet10 die eingebüßten [!] geliehenen rtl. und Groschen -- hätt' ich mit besserer und ökonom[ischerer] Wahl der Freude verreisen können. --
d. 1 August.
So mus ich den ganzen Kalender zum Brief-Datum machen. Ich kan dir vor lauter Zerstreuungen, da ich fast jeden Tag irgend anderswo15 esse oder size, sie nicht malen.
Schreibe mir etwas von Wernlein. Sage unserer Amöne, daß mein nächster Brief nach Hof an sie ist. -- Hier hast du einen vom Ren- danten, der mich sehr erweicht hat ob ich gleich den Brief nicht dazu brauchte. --20
Thümmel wolte mich mit Weisse besuchen, er komt aber in 8 Tagen wieder.
Von meinen Palingenesien kanst du 1. Band haben, wenn du ihn ohne den 2ten wilst.
Lebe wohl mein Treuer! Meine Seele bleibt wahrscheinlich bis25 November aus vielen Gründen in wundreibender Bewegung.
R.
Frankiere den Brief an Gotlieb nicht, er hat bei dem Mönchberger Postmeister das Recht des R[eichs]Hofraths.
Reichard komt vielleicht im August mit einer Kommission nach Hof.30 Dein Bruder korrespondiert mit ihm. Wenn du aus dieser Note etwas fürHerold ziehen oder thun kanst: so thu es aber mit Verschweigen der Quelle. Ich und R[eichard] sind weltpolen-weit aus einander, mir kan nur sein Erzählen und ihm von mir mein Zuhören gefallen. Über Künste und Menschen und Empfindungen sind wir ewig getrent.35
bleiben, um ein Souper bei D. Niemayer, wozu ich mich 8 Tage vorher verſprochen, mitaufzueſſen. Es war alles herlich und — kriege- riſch (denn ich diſputiere überal), und die Niemeyer hab ich recht innig lieb. —
Heute fuhr Reichard mit mir in 4 Stunden hieher. Seine Gefälligkeit5 für mich überſteigt meine Hofnung und Erwiederung. Seine Frau hat[86] die ſchönſte ſtilſte Seele und die ſchönſte Naſe, die mir noch vorgekom- men. — Auſſer Halle muſt ich blos das Albinos Bier (den Broyhahn) trinken. — Die Berlepsch iſt in Eger. Ich reiſe nie mehr mit einer Dame; die 6 Ld’or, — die Reiſe-rata, die ich ihr zahlte, abgerechnet10 die eingebüßten [!] geliehenen rtl. und Groſchen — hätt’ ich mit beſſerer und ökonom[iſcherer] Wahl der Freude verreiſen können. —
d. 1 Auguſt.
So mus ich den ganzen Kalender zum Brief-Datum machen. Ich kan dir vor lauter Zerſtreuungen, da ich faſt jeden Tag irgend anderswo15 eſſe oder ſize, ſie nicht malen.
Schreibe mir etwas von Wernlein. Sage unſerer Amöne, daß mein nächſter Brief nach Hof an ſie iſt. — Hier haſt du einen vom Ren- danten, der mich ſehr erweicht hat ob ich gleich den Brief nicht dazu brauchte. —20
Thümmel wolte mich mit Weiſſe beſuchen, er komt aber in 8 Tagen wieder.
Von meinen Palingenesien kanſt du 1. Band haben, wenn du ihn ohne den 2ten wilſt.
Lebe wohl mein Treuer! Meine Seele bleibt wahrſcheinlich bis25 November aus vielen Gründen in wundreibender Bewegung.
R.
Frankiere den Brief an Gotlieb nicht, er hat bei dem Mönchberger Poſtmeiſter das Recht des R[eichs]Hofraths.
Reichard komt vielleicht im Auguſt mit einer Kommiſſion nach Hof.30 Dein Bruder korreſpondiert mit ihm. Wenn du aus dieſer Note etwas fürHerold ziehen oder thun kanſt: ſo thu es aber mit Verſchweigen der Quelle. Ich und R[eichard] ſind weltpolen-weit aus einander, mir kan nur ſein Erzählen und ihm von mir mein Zuhören gefallen. Über Künſte und Menſchen und Empfindungen ſind wir ewig getrent.35
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riſch (denn ich diſputiere überal), und die Niemeyer hab ich recht innig
lieb. —
Heute fuhr Reichard mit mir in 4 Stunden hieher. Seine Gefälligkeit 5
für mich überſteigt meine Hofnung und Erwiederung. Seine Frau hat
die ſchönſte ſtilſte Seele und die ſchönſte Naſe, die mir noch vorgekom-
men. — Auſſer Halle muſt ich blos das Albinos Bier (den Broyhahn)
trinken. — Die Berlepsch iſt in Eger. Ich reiſe nie mehr mit einer
Dame; die 6 Ld’or, — die Reiſe-rata, die ich ihr zahlte, abgerechnet 10
die eingebüßten [!] geliehenen rtl. und Groſchen — hätt’ ich mit beſſerer
und ökonom[iſcherer] Wahl der Freude verreiſen können. —
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d. 1 Auguſt.
So mus ich den ganzen Kalender zum Brief-Datum machen. Ich
kan dir vor lauter Zerſtreuungen, da ich faſt jeden Tag irgend anderswo 15
eſſe oder ſize, ſie nicht malen.
Schreibe mir etwas von Wernlein. Sage unſerer Amöne, daß mein
nächſter Brief nach Hof an ſie iſt. — Hier haſt du einen vom Ren-
danten, der mich ſehr erweicht hat ob ich gleich den Brief nicht dazu
brauchte. — 20
Thümmel wolte mich mit Weiſſe beſuchen, er komt aber in 8 Tagen
wieder.
Von meinen Palingenesien kanſt du 1. Band haben, wenn du ihn
ohne den 2ten wilſt.
Lebe wohl mein Treuer! Meine Seele bleibt wahrſcheinlich bis 25
November aus vielen Gründen in wundreibender Bewegung.
R.
Frankiere den Brief an Gotlieb nicht, er hat bei dem Mönchberger
Poſtmeiſter das Recht des R[eichs]Hofraths.
Reichard komt vielleicht im Auguſt mit einer Kommiſſion nach Hof. 30
Dein Bruder korreſpondiert mit ihm. Wenn du aus dieſer Note etwas
für Herold ziehen oder thun kanſt: ſo thu es aber mit Verſchweigen
der Quelle. Ich und R[eichard] ſind weltpolen-weit aus einander, mir
kan nur ſein Erzählen und ihm von mir mein Zuhören gefallen. Über
Künſte und Menſchen und Empfindungen ſind wir ewig getrent. 35
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 79. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/87>, abgerufen am 23.09.2024.
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