[87]Mein guter theuerer Vater! Es wird lange, bis dieses warmes Wort über so viele Stazionen zu Ihnen gelangt, und ich möchte lieber es an Ihrem Tische sagen als an meinem. --5
Dieses Blat wurde nur durch die für die "Ruhestunden" bestimte Satire verspätet, die ich stat an H. Nachtigal an Sie geschicket hätte, wenn ich Ihrer Anwesenheit gewis gewesen wäre. Fodern Sie sie von ihm zum Durchblättern, weil ich gegen den ästhetischen Kopfabschneider Schlegel, der im 2ten Stük des Athenäums auch an meinen die Bein-10 säge wüthend ansezte, in einer Note einige Fingerspizen vol Fliegen- und Wanzentod ausgesäet habe.
Der 2te Band der Palingenesien ist noch nicht volendet: doch möcht' ich Ihr Urtheil über den ersten.
Erst nach meiner ganz nahen Reise nach Weimar und Gotha weis15 ich über meine künftige nach Halberstadt den Willen des Geschiks.
Ach ich war sehr glüklich an Ihrem warmen ganzen festen Herzen, guter Gleim! Meine höchsten Entzückungen bei Menschen werden immer zu sehr durch moralische Mistöne gestört; aber bei Ihnen wurden sie blos von der reinen Melodie reiner Seelen begleitet! Sie20 sind tief und fest in meinem Herzen mit Ihrem feurigen, geliebter Vater! Und Ihr neuester Freund trägt und bewahrt Sie darin so warm, wie Ihr ältester!
-- -- Sonderbar! In dieser Zeile komt Ihr liebes Briefgen. Ich danke für Ihre Fragen: ich kam froh und trocken unter den Wolken25 hinweg, die mir stat des Wassers nur Schatten herunterwarfen; und nach 2 Nächten in Giebichenstein fuhr Reichard mit mir hieher.
Ihr Oeser schikt Ihnen Dank und Grüsse. Ihn drükt noch der Verlust des Sohnes und der Frau.
Der Himmel umringe Sie mit seinen schönsten Sternen und in30 Ihrer dichtenden Seele spiegle sich nur Frühling und Freude!
Fr. Richter
115. An Luise Ahrends in Halberstadt.
[Kopie][Leipzig, 8. Aug. 1798]
[88]In dieser Minute der Anrede seh' ich Sie wie in einem Spiegel-35 zimmer an mehreren Orten zugleich, weich bewegt an Ihrem Klavier
114. An Gleim in Halberſtadt.
Leipzig d. 8 Aug. 1798.
[87]Mein guter theuerer Vater! Es wird lange, bis dieſes warmes Wort über ſo viele Stazionen zu Ihnen gelangt, und ich möchte lieber es an Ihrem Tiſche ſagen als an meinem. —5
Dieſes Blat wurde nur durch die für die „Ruheſtunden“ beſtimte Satire verſpätet, die ich ſtat an H. Nachtigal an Sie geſchicket hätte, wenn ich Ihrer Anweſenheit gewis geweſen wäre. Fodern Sie ſie von ihm zum Durchblättern, weil ich gegen den äſthetiſchen Kopfabſchneider Schlegel, der im 2ten Stük des Athenäums auch an meinen die Bein-10 ſäge wüthend anſezte, in einer Note einige Fingerſpizen vol Fliegen- und Wanzentod ausgeſäet habe.
Der 2te Band der Palingeneſien iſt noch nicht volendet: doch möcht’ ich Ihr Urtheil über den erſten.
Erſt nach meiner ganz nahen Reiſe nach Weimar und Gotha weis15 ich über meine künftige nach Halberstadt den Willen des Geſchiks.
Ach ich war ſehr glüklich an Ihrem warmen ganzen feſten Herzen, guter Gleim! Meine höchſten Entzückungen bei Menſchen werden immer zu ſehr durch moraliſche Mistöne geſtört; aber bei Ihnen wurden ſie blos von der reinen Melodie reiner Seelen begleitet! Sie20 ſind tief und feſt in meinem Herzen mit Ihrem feurigen, geliebter Vater! Und Ihr neueſter Freund trägt und bewahrt Sie darin ſo warm, wie Ihr älteſter!
— — Sonderbar! In dieſer Zeile komt Ihr liebes Briefgen. Ich danke für Ihre Fragen: ich kam froh und trocken unter den Wolken25 hinweg, die mir ſtat des Waſſers nur Schatten herunterwarfen; und nach 2 Nächten in Giebichenſtein fuhr Reichard mit mir hieher.
Ihr Oeſer ſchikt Ihnen Dank und Grüſſe. Ihn drükt noch der Verluſt des Sohnes und der Frau.
Der Himmel umringe Sie mit ſeinen ſchönſten Sternen und in30 Ihrer dichtenden Seele ſpiegle ſich nur Frühling und Freude!
Fr. Richter
115. An Luiſe Ahrends in Halberſtadt.
[Kopie][Leipzig, 8. Aug. 1798]
[88]In dieſer Minute der Anrede ſeh’ ich Sie wie in einem Spiegel-35 zimmer an mehreren Orten zugleich, weich bewegt an Ihrem Klavier
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114. An Gleim in Halberſtadt.
Leipzig d. 8 Aug. 1798.
Mein guter theuerer Vater! Es wird lange, bis dieſes warmes Wort
über ſo viele Stazionen zu Ihnen gelangt, und ich möchte lieber es
an Ihrem Tiſche ſagen als an meinem. — 5
[87]Dieſes Blat wurde nur durch die für die „Ruheſtunden“ beſtimte
Satire verſpätet, die ich ſtat an H. Nachtigal an Sie geſchicket hätte,
wenn ich Ihrer Anweſenheit gewis geweſen wäre. Fodern Sie ſie von
ihm zum Durchblättern, weil ich gegen den äſthetiſchen Kopfabſchneider
Schlegel, der im 2ten Stük des Athenäums auch an meinen die Bein- 10
ſäge wüthend anſezte, in einer Note einige Fingerſpizen vol Fliegen-
und Wanzentod ausgeſäet habe.
Der 2te Band der Palingeneſien iſt noch nicht volendet: doch
möcht’ ich Ihr Urtheil über den erſten.
Erſt nach meiner ganz nahen Reiſe nach Weimar und Gotha weis 15
ich über meine künftige nach Halberstadt den Willen des Geſchiks.
Ach ich war ſehr glüklich an Ihrem warmen ganzen feſten Herzen,
guter Gleim! Meine höchſten Entzückungen bei Menſchen werden
immer zu ſehr durch moraliſche Mistöne geſtört; aber bei Ihnen
wurden ſie blos von der reinen Melodie reiner Seelen begleitet! Sie 20
ſind tief und feſt in meinem Herzen mit Ihrem feurigen, geliebter
Vater! Und Ihr neueſter Freund trägt und bewahrt Sie darin ſo
warm, wie Ihr älteſter!
— — Sonderbar! In dieſer Zeile komt Ihr liebes Briefgen. Ich
danke für Ihre Fragen: ich kam froh und trocken unter den Wolken 25
hinweg, die mir ſtat des Waſſers nur Schatten herunterwarfen; und
nach 2 Nächten in Giebichenſtein fuhr Reichard mit mir hieher.
Ihr Oeſer ſchikt Ihnen Dank und Grüſſe. Ihn drükt noch der Verluſt
des Sohnes und der Frau.
Der Himmel umringe Sie mit ſeinen ſchönſten Sternen und in 30
Ihrer dichtenden Seele ſpiegle ſich nur Frühling und Freude!
Fr. Richter
115. An Luiſe Ahrends in Halberſtadt.
[Leipzig, 8. Aug. 1798]
In dieſer Minute der Anrede ſeh’ ich Sie wie in einem Spiegel- 35
zimmer an mehreren Orten zugleich, weich bewegt an Ihrem Klavier
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:05:42Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 3. Berlin, 1959, S. 80. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe03_1959/88>, abgerufen am 23.09.2024.
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