dieses Vielleicht widerlegen) sogar hier durch Gedanken mit ihnen im Lande der Geister zusammengehören. Und dann haben Sie Ihren Herder überall um sich. Gott tröste auch die herliche Luise, die ich jezt ordentlich noch mehr liebe, weil ich weiß, welcher schwere, schwere Grabstein auf den schönsten Blumen dieser liebenden Tochter nun5 liegt und drükt. -- Ihren vortreflichen Doktor grüss ich recht herz- lich. -- Meine Caroline grüsset Sie alle durch mich.
R.
452. An Emanuel.
Coburg d. 13. März 1804.10
Schon wieder red' ich drei Worte mit Ihnen. Ich habe jezt eine Liebhaberei für Briefe an Sie. An jemand anders schreib' ich jezt fast kaum mehr. -- Zuerst über das Duel! Es ist keines möglich, seitdem W[angenheim] in der Konferenz öffentlich den Verkauf von E[rkersreuth] einen "Betrug" genant. Wer einen solchen Vorwurf15 noch auf sich trägt: ist nicht stifts- und degenfähig und ebenbürtig zu Stich und Schus. Man mus nach Duel-Gesezen, noch einige Ehre im Leibe haben, um durch leztern geschossen zu werden. Jezt sizt der Sieges-Adler wieder W. auf der Schulter; der G. R. Lange findet schon ein deficit von 70,000 und sein Prinz trit ihm folglich bei*);20 auch konferiert jezt W. mit L. -- Vorgestern sah ich den M[inister] [315]sehr traurig am Hofe. Er rührte mich wider Willen und ich kan es überhaupt zu keinem rechten Hasse gegen ihn bringen. Ich weis recht gut warum: 1) mich hat er persönlich nie gedrükt sondern beglükt -- 2) ich habe immer mehr Verstand als Gefühl und Religiosität bei25 ihm gesucht; und wurde folglich nicht erst entzaubert -- 3) Kraft ist immer edel; seine ewige Thätigkeit des Lernens und Thuns; sein Hinübergreifen in alle fernsten Fächer, seine persönliche kalte Selbst- Wehr (ungeachtet seines Zornfeuers bei kleinen Verhältnissen) und seine augenblikliche Mobil-Machung des ganzen Ideen-Lagers, die ich30 noch bei keinem Menschen so gefunden; aber was am meisten ist
d. 16.
-- ja das weis ich jezt nicht mehr, wenn es nicht die Achtung ist, die man für jede grosse Geistes Kraft (daher man Eroberern so viel ver-
*) Neuerdings wieder nicht mehr so wahr.35
dieſes Vielleicht widerlegen) ſogar hier durch Gedanken mit ihnen im Lande der Geiſter zuſammengehören. Und dann haben Sie Ihren Herder überall um ſich. Gott tröſte auch die herliche Luise, die ich jezt ordentlich noch mehr liebe, weil ich weiß, welcher ſchwere, ſchwere Grabſtein auf den ſchönſten Blumen dieſer liebenden Tochter nun5 liegt und drükt. — Ihren vortreflichen Doktor grüſſ ich recht herz- lich. — Meine Caroline grüſſet Sie alle durch mich.
R.
452. An Emanuel.
Coburg d. 13. März 1804.10
Schon wieder red’ ich drei Worte mit Ihnen. Ich habe jezt eine Liebhaberei für Briefe an Sie. An jemand anders ſchreib’ ich jezt faſt kaum mehr. — Zuerſt über das Duel! Es iſt keines möglich, ſeitdem W[angenheim] in der Konferenz öffentlich den Verkauf von E[rkersreuth] einen „Betrug“ genant. Wer einen ſolchen Vorwurf15 noch auf ſich trägt: iſt nicht ſtifts- und degenfähig und ebenbürtig zu Stich und Schus. Man mus nach Duel-Geſezen, noch einige Ehre im Leibe haben, um durch leztern geſchoſſen zu werden. Jezt ſizt der Sieges-Adler wieder W. auf der Schulter; der G. R. Lange findet ſchon ein deficit von 70,000 und ſein Prinz trit ihm folglich bei*);20 auch konferiert jezt W. mit L. — Vorgeſtern ſah ich den M[iniſter] [315]ſehr traurig am Hofe. Er rührte mich wider Willen und ich kan es überhaupt zu keinem rechten Haſſe gegen ihn bringen. Ich weis recht gut warum: 1) mich hat er perſönlich nie gedrükt ſondern beglükt — 2) ich habe immer mehr Verſtand als Gefühl und Religioſität bei25 ihm geſucht; und wurde folglich nicht erſt entzaubert — 3) Kraft iſt immer edel; ſeine ewige Thätigkeit des Lernens und Thuns; ſein Hinübergreifen in alle fernſten Fächer, ſeine perſönliche kalte Selbſt- Wehr (ungeachtet ſeines Zornfeuers bei kleinen Verhältniſſen) und ſeine augenblikliche Mobil-Machung des ganzen Ideen-Lagers, die ich30 noch bei keinem Menſchen ſo gefunden; aber was am meiſten iſt
d. 16.
— ja das weis ich jezt nicht mehr, wenn es nicht die Achtung iſt, die man für jede groſſe Geiſtes Kraft (daher man Eroberern ſo viel ver-
*) Neuerdings wieder nicht mehr ſo wahr.35
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dieſes Vielleicht widerlegen) ſogar hier durch Gedanken mit ihnen im
Lande der Geiſter zuſammengehören. Und dann haben Sie Ihren
Herder überall um ſich. Gott tröſte auch die herliche Luise, die ich
jezt ordentlich noch mehr liebe, weil ich weiß, welcher ſchwere, ſchwere
Grabſtein auf den ſchönſten Blumen dieſer liebenden Tochter nun 5
liegt und drükt. — Ihren vortreflichen Doktor grüſſ ich recht herz-
lich. — Meine Caroline grüſſet Sie alle durch mich.
R.
452. An Emanuel.
Coburg d. 13. März 1804. 10
Schon wieder red’ ich drei Worte mit Ihnen. Ich habe jezt eine
Liebhaberei für Briefe an Sie. An jemand anders ſchreib’ ich jezt
faſt kaum mehr. — Zuerſt über das Duel! Es iſt keines möglich,
ſeitdem W[angenheim] in der Konferenz öffentlich den Verkauf von
E[rkersreuth] einen „Betrug“ genant. Wer einen ſolchen Vorwurf 15
noch auf ſich trägt: iſt nicht ſtifts- und degenfähig und ebenbürtig zu
Stich und Schus. Man mus nach Duel-Geſezen, noch einige Ehre im
Leibe haben, um durch leztern geſchoſſen zu werden. Jezt ſizt der
Sieges-Adler wieder W. auf der Schulter; der G. R. Lange findet
ſchon ein deficit von 70,000 und ſein Prinz trit ihm folglich bei *); 20
auch konferiert jezt W. mit L. — Vorgeſtern ſah ich den M[iniſter]
ſehr traurig am Hofe. Er rührte mich wider Willen und ich kan es
überhaupt zu keinem rechten Haſſe gegen ihn bringen. Ich weis recht
gut warum: 1) mich hat er perſönlich nie gedrükt ſondern beglükt —
2) ich habe immer mehr Verſtand als Gefühl und Religioſität bei 25
ihm geſucht; und wurde folglich nicht erſt entzaubert — 3) Kraft iſt
immer edel; ſeine ewige Thätigkeit des Lernens und Thuns; ſein
Hinübergreifen in alle fernſten Fächer, ſeine perſönliche kalte Selbſt-
Wehr (ungeachtet ſeines Zornfeuers bei kleinen Verhältniſſen) und
ſeine augenblikliche Mobil-Machung des ganzen Ideen-Lagers, die ich 30
noch bei keinem Menſchen ſo gefunden; aber was am meiſten iſt
[315]
d. 16.
— ja das weis ich jezt nicht mehr, wenn es nicht die Achtung iſt, die
man für jede groſſe Geiſtes Kraft (daher man Eroberern ſo viel ver-
*) Neuerdings wieder nicht mehr ſo wahr. 35
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 4. Berlin, 1960, S. 282. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960/294>, abgerufen am 26.09.2024.
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