Nach einem Sehnenden sehnt man sich wieder. Ihr unerwarteter Brief brachte mir viel, da ich mir Ihr Schweigen nur durch eine Reise rechtfertigen konnte, auf die man Sie statt Ihres H. Bruders ge-5 schickt hatte. Ich saß in Arbeit bis an die Schreibfinger; denn 20 Druck- bogen sind 40 andere Bogen. Auch hatte der Frühling die Blumen, die er mir sonst reicht, bisher noch in seiner Erde. Wollen Sie Ihren fleißigsten Korrespondenten, mich verlieren, indem ich nach Bayreuth ziehe? Ich weiß, Otto wird Ihnen rathen, mir eher ab- als zuzu-10 rathen; "denn Er bildet sich sonst wieder alles Schöne vor mit seiner Phantasie, so wenig Ers glaubt, ob Ihm gleich drei Städte schon widersprechen" wird er sagen.
Nach Gotha, dessen Gegend ich hasse wie mehr da, schrieb ich blos eine Bitte, den neuen Herzog über die Pensionen auszuforschen, die15 er mir auswerfen würde; denn ohne diese dächt' ich nicht daran. Der Bücher- und Gelehrtenverein da, der in Bayreuth fehlen wird, ge- fällt mir. Wie wenig ich von hier wegzugehen dachte, wird man aus den Packwagen voll neuer Möbeln sehen, womit ich mich und sie beladen. Ohne Sie und Otto bliebe mir Bayreuth trotz Bier und20 Gegend unaushaltbar; und so sehr mich mein Herz immer wieder ins Vaterland zurückzieht, so mein' ich doch mehr das poetisch vor- gemalte als das wirklich im Dreck dastehende.
Ob ich Renaten einen Kupfer-Stich von mir geben kann, weiß ich noch nicht. Das Schlimme ist, daß jeder Stich 8 oder 12 rtl. kostet,25 wozu man freilich einen Jahrgang der eleganten Zeitung darein be- kommt.
Eben jetzt trank ich den allerletzten Tropfen bayreuther Bier aus.[324] Der Fuhrmann wird (das gebe Gott und Sie) einige Krüge 3, 4, 5, etc. etc. Trost mit in die Kutsche zurück nehmen, damit ich mich so30 lange damit decke, bis er einen vollen 21/2 Eimer Ende dieser Woche oder Anfangs der andern mir zugebracht. Die leeren Fässer bringt er dann Ihnen bis auf ein mir gestohlnes kleines. Ich werde Ihnen einmal länger erklären, wie ich mich und den kleinen Vorrath bis daher einen Winter durch gefristet habe.35
Meine politischen Verhältnisse müßten Sie unendlich interessieren und frappieren; aber ich vertraue einer Fuhrmannstasche nicht gern
19*
464. An Emanuel.
Coburg d. 8. Mai 1804.
Nach einem Sehnenden ſehnt man ſich wieder. Ihr unerwarteter Brief brachte mir viel, da ich mir Ihr Schweigen nur durch eine Reiſe rechtfertigen konnte, auf die man Sie ſtatt Ihres H. Bruders ge-5 ſchickt hatte. Ich ſaß in Arbeit bis an die Schreibfinger; denn 20 Druck- bogen ſind 40 andere Bogen. Auch hatte der Frühling die Blumen, die er mir ſonſt reicht, bisher noch in ſeiner Erde. Wollen Sie Ihren fleißigſten Korreſpondenten, mich verlieren, indem ich nach Bayreuth ziehe? Ich weiß, Otto wird Ihnen rathen, mir eher ab- als zuzu-10 rathen; „denn Er bildet ſich ſonſt wieder alles Schöne vor mit ſeiner Phantaſie, ſo wenig Ers glaubt, ob Ihm gleich drei Städte ſchon widerſprechen“ wird er ſagen.
Nach Gotha, deſſen Gegend ich haſſe wie mehr da, ſchrieb ich blos eine Bitte, den neuen Herzog über die Penſionen auszuforſchen, die15 er mir auswerfen würde; denn ohne dieſe dächt’ ich nicht daran. Der Bücher- und Gelehrtenverein da, der in Bayreuth fehlen wird, ge- fällt mir. Wie wenig ich von hier wegzugehen dachte, wird man aus den Packwagen voll neuer Möbeln ſehen, womit ich mich und ſie beladen. Ohne Sie und Otto bliebe mir Bayreuth trotz Bier und20 Gegend unaushaltbar; und ſo ſehr mich mein Herz immer wieder ins Vaterland zurückzieht, ſo mein’ ich doch mehr das poetiſch vor- gemalte als das wirklich im Dreck daſtehende.
Ob ich Renaten einen Kupfer-Stich von mir geben kann, weiß ich noch nicht. Das Schlimme iſt, daß jeder Stich 8 oder 12 rtl. koſtet,25 wozu man freilich einen Jahrgang der eleganten Zeitung darein be- kommt.
Eben jetzt trank ich den allerletzten Tropfen bayreuther Bier aus.[324] Der Fuhrmann wird (das gebe Gott und Sie) einige Krüge 〈3, 4, 5, etc. etc.〉 Troſt mit in die Kutſche zurück nehmen, damit ich mich ſo30 lange damit decke, bis er einen vollen 2½ Eimer Ende dieſer Woche oder Anfangs der andern mir zugebracht. Die leeren Fäſſer bringt er dann Ihnen bis auf ein mir geſtohlnes kleines. Ich werde Ihnen einmal länger erklären, wie ich mich und den kleinen Vorrath bis daher 〈einen Winter durch〉 gefriſtet habe.35
Meine politiſchen Verhältniſſe müßten Sie unendlich intereſſieren und frappieren; aber ich vertraue einer Fuhrmannstaſche nicht gern
19*
<TEI><text><body><pbfacs="#f0303"n="291"/><divtype="letter"n="1"><head>464. An <hirendition="#g">Emanuel.</hi></head><lb/><dateline><hirendition="#right"><hirendition="#aq">Coburg</hi> d. 8. Mai 1804.</hi></dateline><lb/><p>Nach einem Sehnenden ſehnt man ſich wieder. Ihr unerwarteter<lb/>
Brief brachte mir viel, da ich mir Ihr Schweigen nur durch eine Reiſe<lb/>
rechtfertigen konnte, auf die man Sie ſtatt Ihres H. Bruders ge-<lbn="5"/>ſchickt hatte. Ich ſaß in Arbeit bis an die Schreibfinger; denn 20 Druck-<lb/>
bogen ſind 40 andere Bogen. Auch hatte der Frühling die Blumen,<lb/>
die er mir ſonſt reicht, bisher noch in ſeiner Erde. Wollen Sie Ihren<lb/>
fleißigſten Korreſpondenten, mich verlieren, indem ich nach <hirendition="#aq">Bayreuth</hi><lb/>
ziehe? Ich weiß, Otto wird Ihnen rathen, mir eher ab- als zuzu-<lbn="10"/>
rathen; „denn Er bildet ſich ſonſt wieder alles Schöne vor mit ſeiner<lb/>
Phantaſie, ſo wenig Ers glaubt, ob Ihm gleich drei Städte ſchon<lb/>
widerſprechen“ wird er ſagen.</p><lb/><p>Nach Gotha, deſſen Gegend ich haſſe wie mehr da, ſchrieb ich blos<lb/>
eine Bitte, den neuen Herzog über die Penſionen auszuforſchen, die<lbn="15"/>
er mir auswerfen würde; denn ohne dieſe dächt’ ich nicht daran. Der<lb/>
Bücher- und Gelehrtenverein da, der in <hirendition="#aq">Bayreuth</hi> fehlen wird, ge-<lb/>
fällt mir. Wie wenig ich von hier wegzugehen dachte, wird man aus<lb/>
den Packwagen voll neuer Möbeln ſehen, womit ich mich und ſie<lb/>
beladen. Ohne Sie und <hirendition="#aq">Otto</hi> bliebe mir Bayreuth trotz Bier und<lbn="20"/>
Gegend unaushaltbar; und ſo ſehr mich mein Herz immer wieder<lb/>
ins Vaterland zurückzieht, ſo mein’ ich doch mehr das poetiſch vor-<lb/>
gemalte als das wirklich im Dreck daſtehende.</p><lb/><p>Ob ich Renaten einen Kupfer-Stich von mir geben kann, weiß ich<lb/>
noch nicht. Das Schlimme iſt, daß jeder Stich 8 oder 12 rtl. koſtet,<lbn="25"/>
wozu man freilich einen Jahrgang der eleganten Zeitung darein be-<lb/>
kommt.</p><lb/><p>Eben <hirendition="#g">jetzt</hi> trank ich den <hirendition="#g">allerletzten</hi> Tropfen bayreuther Bier aus.<noteplace="right"><reftarget="1922_Bd4_324">[324]</ref></note><lb/>
Der Fuhrmann wird (das gebe Gott und Sie) einige Krüge 〈3, 4, 5,<lb/><hirendition="#aq">etc. etc.</hi>〉 Troſt mit in die Kutſche zurück nehmen, damit ich mich ſo<lbn="30"/>
lange damit decke, bis er einen vollen 2½ Eimer Ende dieſer Woche<lb/>
oder Anfangs der andern mir zugebracht. Die leeren Fäſſer bringt<lb/>
er dann Ihnen bis auf ein mir geſtohlnes kleines. Ich werde Ihnen<lb/>
einmal länger erklären, wie ich mich und den kleinen Vorrath bis daher<lb/>〈einen Winter durch〉 gefriſtet habe.<lbn="35"/></p><p>Meine politiſchen Verhältniſſe müßten Sie unendlich intereſſieren<lb/>
und frappieren; aber ich vertraue einer Fuhrmannstaſche nicht gern<lb/><fwplace="bottom"type="sig">19*</fw><lb/></p></div></body></text></TEI>
[291/0303]
464. An Emanuel.
Coburg d. 8. Mai 1804.
Nach einem Sehnenden ſehnt man ſich wieder. Ihr unerwarteter
Brief brachte mir viel, da ich mir Ihr Schweigen nur durch eine Reiſe
rechtfertigen konnte, auf die man Sie ſtatt Ihres H. Bruders ge- 5
ſchickt hatte. Ich ſaß in Arbeit bis an die Schreibfinger; denn 20 Druck-
bogen ſind 40 andere Bogen. Auch hatte der Frühling die Blumen,
die er mir ſonſt reicht, bisher noch in ſeiner Erde. Wollen Sie Ihren
fleißigſten Korreſpondenten, mich verlieren, indem ich nach Bayreuth
ziehe? Ich weiß, Otto wird Ihnen rathen, mir eher ab- als zuzu- 10
rathen; „denn Er bildet ſich ſonſt wieder alles Schöne vor mit ſeiner
Phantaſie, ſo wenig Ers glaubt, ob Ihm gleich drei Städte ſchon
widerſprechen“ wird er ſagen.
Nach Gotha, deſſen Gegend ich haſſe wie mehr da, ſchrieb ich blos
eine Bitte, den neuen Herzog über die Penſionen auszuforſchen, die 15
er mir auswerfen würde; denn ohne dieſe dächt’ ich nicht daran. Der
Bücher- und Gelehrtenverein da, der in Bayreuth fehlen wird, ge-
fällt mir. Wie wenig ich von hier wegzugehen dachte, wird man aus
den Packwagen voll neuer Möbeln ſehen, womit ich mich und ſie
beladen. Ohne Sie und Otto bliebe mir Bayreuth trotz Bier und 20
Gegend unaushaltbar; und ſo ſehr mich mein Herz immer wieder
ins Vaterland zurückzieht, ſo mein’ ich doch mehr das poetiſch vor-
gemalte als das wirklich im Dreck daſtehende.
Ob ich Renaten einen Kupfer-Stich von mir geben kann, weiß ich
noch nicht. Das Schlimme iſt, daß jeder Stich 8 oder 12 rtl. koſtet, 25
wozu man freilich einen Jahrgang der eleganten Zeitung darein be-
kommt.
Eben jetzt trank ich den allerletzten Tropfen bayreuther Bier aus.
Der Fuhrmann wird (das gebe Gott und Sie) einige Krüge 〈3, 4, 5,
etc. etc.〉 Troſt mit in die Kutſche zurück nehmen, damit ich mich ſo 30
lange damit decke, bis er einen vollen 2½ Eimer Ende dieſer Woche
oder Anfangs der andern mir zugebracht. Die leeren Fäſſer bringt
er dann Ihnen bis auf ein mir geſtohlnes kleines. Ich werde Ihnen
einmal länger erklären, wie ich mich und den kleinen Vorrath bis daher
〈einen Winter durch〉 gefriſtet habe. 35
[324]Meine politiſchen Verhältniſſe müßten Sie unendlich intereſſieren
und frappieren; aber ich vertraue einer Fuhrmannstaſche nicht gern
19*
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 4. Berlin, 1960, S. 291. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960/303>, abgerufen am 26.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.