[Für Ihre Empfehlung an Mehmel, der sammt seinem schönen Lichtkreise um sich her eigentlich mein Erlang und meine letzte Reise- freude war, danke ich Ihnen herzlich. --]5
Ich wollte, Sie würden so gut errathen als Sie errathen. [Nicht einmal ein Mann, geschweige ein Weib, ist mir bisher vorgekommen, das mit solcher Schärfe oft versteckte fremdartige Seelen (noch dazu aller physiognomischen Beihülfe beraubt) gesehen hätte als Sie. Seit lange hab' ich nicht ein so schönes ruhiges Dasein genossen als bei10 Ihnen.
Unser ewiger Geistes-Bund, der durchaus keine äußerliche Bande und Fäden zu seiner Festigkeit hat und braucht, ist durch unser letztes Beisammensein nicht sowohl fester geknüpft, als mit neuen Farben für mich geschmückt worden. -- Wenn es Glück auf der Erde gibt, so15 nehme es den Weg zu Ihrem Herzen.]
[329] 471. An Emanuel.
C[oburg] d. 4. Jun. 1804 [Montag].
Verzeihen Sie, Guter, die Papier Form; am Montage ist Kinder- wäsche-Waschtag und das Mädchen nicht zu schicken; und schreiben20 muß ich heute. Das Qua[r]tier ist nach dem Bier Ihre letzte Plage und Sorge; man sagt auch ein Qua[r]tier Bier; ich: ein Bier-Quartier. Das Mansardenlogis am Main gefällt mir am meisten, 1) wenn keine Stuben-Mauer darin schief 2) es unter dem Dache nicht zu heiß und 3) die Treppen (meiner Frau und Kinder wegen) nicht zu hoch sind.25 Das 100 fl.-Logis würd' ich nehmen, wenn ich mich nicht zu großer dunkler Burg-Stuben daraus erinnerte und überhaupt einer gewissen dem matten Prof. Münch und seinen langen Fingernägeln ähnlichen Langheit und Dumpfheit; Himmel! so niedliche lichte lustige Zimmer wie in Meiningen! Indeß miethen Sie -- hat das letztere Logis Berge30 vor sich, herrliche Zimmerchen etc. -- welches Sie wollen, auf meine Gefahr, nicht auf Ihre. Niemals bekam ich ein schöneres Logis als das ich selber nicht gemiethet hatte -- das jetzige. In Hof weiß Otto, wie oft ich miethete und wie selten ich bezog. Es fehlt nicht viel, so mieth ich jetzt 2, um ankommend einige schwache Wahl zu haben; denn35 kleiner giebts keine Wahl als unter 1 und 2. -- Ein Logis wie Otto's
(*)470. An Charlotte von Kalb in Trabelsdorf.
[Kopie, z. T. Konzept][Koburg, 29. Mai 1804]
[Für Ihre Empfehlung an Mehmel, der ſammt ſeinem ſchönen Lichtkreiſe um ſich her eigentlich mein Erlang und meine letzte Reiſe- freude war, danke ich Ihnen herzlich. —]5
Ich wollte, Sie würden ſo gut errathen als Sie errathen. [Nicht einmal ein Mann, geſchweige ein Weib, iſt mir bisher vorgekommen, das mit ſolcher Schärfe oft verſteckte fremdartige Seelen (noch dazu aller phyſiognomiſchen Beihülfe beraubt) geſehen hätte als Sie. Seit lange hab’ ich nicht ein ſo ſchönes ruhiges Daſein genoſſen als bei10 Ihnen.
Unſer ewiger Geiſtes-Bund, der durchaus keine äußerliche Bande und Fäden zu ſeiner Feſtigkeit hat und braucht, iſt durch unſer letztes Beiſammenſein nicht ſowohl feſter geknüpft, als mit neuen Farben für mich geſchmückt worden. — Wenn es Glück auf der Erde gibt, ſo15 nehme es den Weg zu Ihrem Herzen.]
[329] 471. An Emanuel.
C[oburg] d. 4. Jun. 1804 [Montag].
Verzeihen Sie, Guter, die Papier Form; am Montage iſt Kinder- wäſche-Waſchtag und das Mädchen nicht zu ſchicken; und ſchreiben20 muß ich heute. Das Qua[r]tier iſt nach dem Bier Ihre letzte Plage und Sorge; man ſagt auch ein Qua[r]tier Bier; ich: ein Bier-Quartier. Das Manſardenlogis am Main gefällt mir am meiſten, 1) wenn keine Stuben-Mauer darin ſchief 2) es unter dem Dache nicht zu heiß und 3) die Treppen (meiner Frau und Kinder wegen) nicht zu hoch ſind.25 Das 100 fl.-Logis würd’ ich nehmen, wenn ich mich nicht zu großer dunkler Burg-Stuben daraus erinnerte und überhaupt einer gewiſſen dem matten Prof. Münch und ſeinen langen Fingernägeln ähnlichen Langheit und Dumpfheit; Himmel! ſo niedliche lichte luſtige Zimmer wie in Meiningen! Indeß miethen Sie — hat das letztere Logis Berge30 vor ſich, herrliche Zimmerchen ꝛc. — welches Sie wollen, auf meine Gefahr, nicht auf Ihre. Niemals bekam ich ein ſchöneres Logis als das ich ſelber nicht gemiethet hatte — das jetzige. In Hof weiß Otto, wie oft ich miethete und wie ſelten ich bezog. Es fehlt nicht viel, ſo mieth ich jetzt 2, um ankommend einige ſchwache Wahl zu haben; denn35 kleiner giebts keine Wahl als unter 1 und 2. — Ein Logis wie Otto’s
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[296/0308]
(*)470. An Charlotte von Kalb in Trabelsdorf.
[Koburg, 29. Mai 1804]
[Für Ihre Empfehlung an Mehmel, der ſammt ſeinem ſchönen
Lichtkreiſe um ſich her eigentlich mein Erlang und meine letzte Reiſe-
freude war, danke ich Ihnen herzlich. —] 5
Ich wollte, Sie würden ſo gut errathen als Sie errathen. [Nicht
einmal ein Mann, geſchweige ein Weib, iſt mir bisher vorgekommen,
das mit ſolcher Schärfe oft verſteckte fremdartige Seelen (noch dazu
aller phyſiognomiſchen Beihülfe beraubt) geſehen hätte als Sie. Seit
lange hab’ ich nicht ein ſo ſchönes ruhiges Daſein genoſſen als bei 10
Ihnen.
Unſer ewiger Geiſtes-Bund, der durchaus keine äußerliche Bande
und Fäden zu ſeiner Feſtigkeit hat und braucht, iſt durch unſer letztes
Beiſammenſein nicht ſowohl feſter geknüpft, als mit neuen Farben
für mich geſchmückt worden. — Wenn es Glück auf der Erde gibt, ſo 15
nehme es den Weg zu Ihrem Herzen.]
471. An Emanuel.
C[oburg] d. 4. Jun. 1804 [Montag].
Verzeihen Sie, Guter, die Papier Form; am Montage iſt Kinder-
wäſche-Waſchtag und das Mädchen nicht zu ſchicken; und ſchreiben 20
muß ich heute. Das Qua[r]tier iſt nach dem Bier Ihre letzte Plage
und Sorge; man ſagt auch ein Qua[r]tier Bier; ich: ein Bier-Quartier.
Das Manſardenlogis am Main gefällt mir am meiſten, 1) wenn keine
Stuben-Mauer darin ſchief 2) es unter dem Dache nicht zu heiß und
3) die Treppen (meiner Frau und Kinder wegen) nicht zu hoch ſind. 25
Das 100 fl.-Logis würd’ ich nehmen, wenn ich mich nicht zu großer
dunkler Burg-Stuben daraus erinnerte und überhaupt einer gewiſſen
dem matten Prof. Münch und ſeinen langen Fingernägeln ähnlichen
Langheit und Dumpfheit; Himmel! ſo niedliche lichte luſtige Zimmer
wie in Meiningen! Indeß miethen Sie — hat das letztere Logis Berge 30
vor ſich, herrliche Zimmerchen ꝛc. — welches Sie wollen, auf meine
Gefahr, nicht auf Ihre. Niemals bekam ich ein ſchöneres Logis als das
ich ſelber nicht gemiethet hatte — das jetzige. In Hof weiß Otto,
wie oft ich miethete und wie ſelten ich bezog. Es fehlt nicht viel, ſo
mieth ich jetzt 2, um ankommend einige ſchwache Wahl zu haben; denn 35
kleiner giebts keine Wahl als unter 1 und 2. — Ein Logis wie Otto’s
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 4. Berlin, 1960, S. 296. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960/308>, abgerufen am 26.09.2024.
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