alte Möbeln-Verächter, ausgenommen der bequemen Möbeln wie mein geschmackloses Kanapee ist; in 4 Wochen ist die Augenlust am schönsten Möbel vorüber und nichts bleibt übrig als das laus deo dafür. Ich kenne nur ein geschmackvolles, immer erfrischendes, gut fourniertes Möbel, die sogenannte Natur oder Erde. -- Ich werde5 heute an meinen alten Thieriot noch schreiben. Oktavian von Tieck wird ihn so letzen als sei der Sie. -- Nun bekommen Sie noch den[341] brieflichen Valetschmaus von mir, noch 1 Brief, und dann ists -- Gott weiß, auf wie lange Zeit oder Ewigkeit -- mit dem Briefstellen vor- über; und das Billetstellen stellt sich ein.10
Gute Nacht, mein alter, lieber Freund! Freilich könnte mich eine krumme Mine von Ihnen einen Tag lang fortquälen, aber ist denn dieß nicht Liebe, ich meine nicht die Mine sondern die Qual? -- Er- harrend
Ihr15 R.
489. An Thieriot.
Coburg d. 29 Jul. 1804.
Lieber Thieriot! Hübsche Zeiten thun sich uns auf. Sie beglückt nächstens mein Scherz, mich Ihr Gesicht dabei und was Sie etwan20 erzählen möchten. Es ist schwer zu errathen, mit welchem von unsern Kindern Sie sich am meisten abgeben werden; gewachsen sind Ihnen beide und geben zu rathen auf, z. B. mir die Erziehung. -- Ich bitte Sie herzlich, daß Sie sich über die Flegeljahre ein vernünftiges Wort niederschreiben. Schonen Sie mich nicht dabei, nicht blos im Tadeln,25 auch im Loben; ich verwind' es, sei es noch so stark, letzteres; das ist vielleicht der einzige reelle Gewinn aus einem langen Autorleben.
-- Jetzt dank' ich Gott, daß Sie den hiesigen Kapellmeisterposten ausgeschlagen. Sie erriethen mehr (ich möchte aber wissen wie) von der (jetzt gegenwärtigen) Zukunft als ich. Künftig fall' ich Ihnen,30 insofern Sie sich auf politische Blicke einschränken, unbedingt bei. Überhaupt würden Sie in verwickelten Welthändeln mehr durchsetzen, wenn Sie Ihr Gesicht mehr zu verkappen wüßten und es so zu sagen ganz einfältig aussehen ließen. Nur ists nicht leicht; die feinsten Köpfe scheitern oft am eignen feinen Gesicht und wir wissen alle unsere35 Lieder davon zu singen. -- Daß Spitzen eine Kugel durch die Hinter-
20*
alte Möbeln-Verächter, ausgenommen der bequemen Möbeln wie mein geſchmackloſes Kanapee iſt; in 4 Wochen iſt die Augenluſt am ſchönſten Möbel vorüber und nichts bleibt übrig als das laus deo dafür. Ich kenne nur ein geſchmackvolles, immer erfriſchendes, gut fourniertes Möbel, die ſogenannte Natur oder Erde. — Ich werde5 heute an meinen alten Thieriot noch ſchreiben. Oktavian von Tieck wird ihn ſo letzen als ſei der Sie. — Nun bekommen Sie noch den[341] brieflichen Valetſchmaus von mir, noch 1 Brief, und dann iſts — Gott weiß, auf wie lange Zeit oder Ewigkeit — mit dem Briefſtellen vor- über; und das Billetſtellen ſtellt ſich ein.10
Gute Nacht, mein alter, lieber Freund! Freilich könnte mich eine krumme Mine von Ihnen einen Tag lang fortquälen, aber iſt denn dieß nicht Liebe, ich meine nicht die Mine ſondern die Qual? — Er- harrend
Ihr15 R.
489. An Thieriot.
Coburg d. 29 Jul. 1804.
Lieber Thieriot! Hübſche Zeiten thun ſich uns auf. Sie beglückt nächſtens mein Scherz, mich Ihr Geſicht dabei und was Sie etwan20 erzählen möchten. Es iſt ſchwer zu errathen, mit welchem von unſern Kindern Sie ſich am meiſten abgeben werden; gewachſen ſind Ihnen beide und geben zu rathen auf, z. B. mir die Erziehung. — Ich bitte Sie herzlich, daß Sie ſich über die Flegeljahre ein vernünftiges Wort niederſchreiben. Schonen Sie mich nicht dabei, nicht blos im Tadeln,25 auch im Loben; ich verwind’ es, ſei es noch ſo ſtark, letzteres; das iſt vielleicht der einzige reelle Gewinn aus einem langen Autorleben.
— Jetzt dank’ ich Gott, daß Sie den hieſigen Kapellmeiſterpoſten ausgeſchlagen. Sie erriethen mehr (ich möchte aber wiſſen wie) von der (jetzt gegenwärtigen) Zukunft als ich. Künftig fall’ ich Ihnen,30 inſofern Sie ſich auf politiſche Blicke einſchränken, unbedingt bei. Überhaupt würden Sie in verwickelten Welthändeln mehr durchſetzen, wenn Sie Ihr Geſicht mehr zu verkappen wüßten und es ſo zu ſagen ganz einfältig ausſehen ließen. Nur iſts nicht leicht; die feinſten Köpfe ſcheitern oft am eignen feinen Geſicht und wir wiſſen alle unſere35 Lieder davon zu ſingen. — Daß Spitzen eine Kugel durch die Hinter-
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alte Möbeln-Verächter, ausgenommen der bequemen Möbeln wie
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dafür. Ich kenne nur ein geſchmackvolles, immer erfriſchendes, gut
fourniertes Möbel, die ſogenannte Natur oder Erde. — Ich werde 5
heute an meinen alten Thieriot noch ſchreiben. Oktavian von Tieck
wird ihn ſo letzen als ſei der Sie. — Nun bekommen Sie noch den
brieflichen Valetſchmaus von mir, noch 1 Brief, und dann iſts — Gott
weiß, auf wie lange Zeit oder Ewigkeit — mit dem Briefſtellen vor-
über; und das Billetſtellen ſtellt ſich ein. 10
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krumme Mine von Ihnen einen Tag lang fortquälen, aber iſt denn
dieß nicht Liebe, ich meine nicht die Mine ſondern die Qual? — Er-
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489. An Thieriot.
Coburg d. 29 Jul. 1804.
Lieber Thieriot! Hübſche Zeiten thun ſich uns auf. Sie beglückt
nächſtens mein Scherz, mich Ihr Geſicht dabei und was Sie etwan 20
erzählen möchten. Es iſt ſchwer zu errathen, mit welchem von unſern
Kindern Sie ſich am meiſten abgeben werden; gewachſen ſind Ihnen
beide und geben zu rathen auf, z. B. mir die Erziehung. — Ich bitte
Sie herzlich, daß Sie ſich über die Flegeljahre ein vernünftiges Wort
niederſchreiben. Schonen Sie mich nicht dabei, nicht blos im Tadeln, 25
auch im Loben; ich verwind’ es, ſei es noch ſo ſtark, letzteres; das iſt
vielleicht der einzige reelle Gewinn aus einem langen Autorleben.
— Jetzt dank’ ich Gott, daß Sie den hieſigen Kapellmeiſterpoſten
ausgeſchlagen. Sie erriethen mehr (ich möchte aber wiſſen wie) von
der (jetzt gegenwärtigen) Zukunft als ich. Künftig fall’ ich Ihnen, 30
inſofern Sie ſich auf politiſche Blicke einſchränken, unbedingt bei.
Überhaupt würden Sie in verwickelten Welthändeln mehr durchſetzen,
wenn Sie Ihr Geſicht mehr zu verkappen wüßten und es ſo zu ſagen
ganz einfältig ausſehen ließen. Nur iſts nicht leicht; die feinſten
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:08:29Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 4. Berlin, 1960, S. 307. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe04_1960/320>, abgerufen am 26.09.2024.
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