... Seit der ganzen, mehr Herz- als Länder-zertrümmernden Periode dacht' ich unaufhörlich an Sie, nicht etwa an Ihren mög- lichen Unglücksfall sondern an die gewissen Schmerzen, die Ihre5 patriotische Seele, oft aus Freundes und Feindes Händen zugleich treffen mußten. Nun die Täuschung, vielleicht die Krebskrankheit eines ganzen Staates ist vorüber, und erst jetzt ist ihm Bahn zu neuem Glück gemacht.... Wir sahen den Tod auf seinem Triumph- wagen (dem Pulverwagen) nur selten vorüberziehen und hörten erst,10 daß und wo er seine Wetterwolken angezündet. Aber an Ihre Gattin dachten ich und die meinige anders als an Sie; denn die liebende Frau daheim in der unbeschirmten Ruhe hat keinen Trost der Thätigkeit wie der Mann; und tausend Kugeln, die diesen nicht treffen, gehen durch ihr Herz und Eine Wunde desselben hat sie von jedem Zeitungs-15 blatt und Nachttraum vorausempfangen.
340. An Emanuel.
[Bayreuth, 6. April 1807]
Guten Morgen! Aber sehr kalt war es doch, Scherzvogel! -- Schon zweimal hab' ich heute wie immer Erinnerungen zu meiner20 Frau hinuntergetragen, Emma früher anzuziehen als Loew kommt -- Jetzt bin ich mit dem Schreiben fertig, aber nicht sie mit dem Anziehen. Können Sie anbrummen: so thun Sie es doch einmal in meinem Namen, mein guter Alter.
Christophs Brief hat mich unendlich erfreuet.25
341. An Cotta.
Bayreuth d. 6. Apr. 1807
Hier, lieber Cotta, send' ich schon wieder zwei Aufsätze. Welchen man für den bessern hält, der mag voranstehen. Künftig, obgleich nicht bald, schick' ich Ihnen vielleicht einen ernsthaften Aufsatz.30 Dem Zensor der Teufels Beichte nehm' ichs gar nicht übel, daß er diesen vom Beichtstuhl abgewiesen. In meinen "vermischten Werk- chen" die zu Michaelis herauskommen, wird es ohne Anstoß durch- laufen; aber in einer täglich herauskommenden Tagsschrift, die
339. An Hauptmann von Müffling.
[Kopie]
[Bayreuth, 3. April 1807]
... Seit der ganzen, mehr Herz- als Länder-zertrümmernden Periode dacht’ ich unaufhörlich an Sie, nicht etwa an Ihren mög- lichen Unglücksfall ſondern an die gewiſſen Schmerzen, die Ihre5 patriotiſche Seele, oft aus Freundes und Feindes Händen zugleich treffen mußten. Nun die Täuſchung, vielleicht die Krebskrankheit eines ganzen Staates iſt vorüber, und erſt jetzt iſt ihm Bahn zu neuem Glück gemacht.... Wir ſahen den Tod auf ſeinem Triumph- wagen (dem Pulverwagen) nur ſelten vorüberziehen und hörten erſt,10 daß und wo er ſeine Wetterwolken angezündet. Aber an Ihre Gattin dachten ich und die meinige anders als an Sie; denn die liebende Frau daheim in der unbeſchirmten Ruhe hat keinen Troſt der Thätigkeit wie der Mann; und tauſend Kugeln, die dieſen nicht treffen, gehen durch ihr Herz und Eine Wunde deſſelben hat ſie von jedem Zeitungs-15 blatt und Nachttraum vorausempfangen.
340. An Emanuel.
[Bayreuth, 6. April 1807]
Guten Morgen! Aber ſehr kalt war es doch, Scherzvogel! — Schon zweimal hab’ ich heute wie immer Erinnerungen zu meiner20 Frau hinuntergetragen, Emma früher anzuziehen als Loew kommt — Jetzt bin ich mit dem Schreiben fertig, aber nicht ſie mit dem Anziehen. Können Sie anbrummen: ſo thun Sie es doch einmal in meinem Namen, mein guter Alter.
Chriſtophs Brief hat mich unendlich erfreuet.25
341. An Cotta.
Bayreuth d. 6. Apr. 1807
Hier, lieber Cotta, ſend’ ich ſchon wieder zwei Aufſätze. Welchen man für den beſſern hält, der mag voranſtehen. Künftig, obgleich nicht bald, ſchick’ ich Ihnen vielleicht einen ernſthaften Aufſatz.30 Dem Zenſor der Teufels Beichte nehm’ ichs gar nicht übel, daß er dieſen vom Beichtſtuhl abgewieſen. In meinen „vermiſchten Werk- chen“ die zu Michaelis herauskommen, wird es ohne Anſtoß durch- laufen; aber in einer täglich herauskommenden Tagsſchrift, die
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lichen Unglücksfall ſondern an die gewiſſen Schmerzen, die Ihre 5
patriotiſche Seele, oft aus Freundes und Feindes Händen zugleich
treffen mußten. Nun die Täuſchung, vielleicht die Krebskrankheit
eines ganzen Staates iſt vorüber, und erſt jetzt iſt ihm Bahn zu
neuem Glück gemacht.... Wir ſahen den Tod auf ſeinem Triumph-
wagen (dem Pulverwagen) nur ſelten vorüberziehen und hörten erſt, 10
daß und wo er ſeine Wetterwolken angezündet. Aber an Ihre Gattin
dachten ich und die meinige anders als an Sie; denn die liebende Frau
daheim in der unbeſchirmten Ruhe hat keinen Troſt der Thätigkeit
wie der Mann; und tauſend Kugeln, die dieſen nicht treffen, gehen
durch ihr Herz und Eine Wunde deſſelben hat ſie von jedem Zeitungs- 15
blatt und Nachttraum vorausempfangen.
340. An Emanuel.
[Bayreuth, 6. April 1807]
Guten Morgen! Aber ſehr kalt war es doch, Scherzvogel! —
Schon zweimal hab’ ich heute wie immer Erinnerungen zu meiner 20
Frau hinuntergetragen, Emma früher anzuziehen als Loew kommt
— Jetzt bin ich mit dem Schreiben fertig, aber nicht ſie mit dem
Anziehen. Können Sie anbrummen: ſo thun Sie es doch einmal in
meinem Namen, mein guter Alter.
Chriſtophs Brief hat mich unendlich erfreuet. 25
341. An Cotta.
Bayreuth d. 6. Apr. 1807
Hier, lieber Cotta, ſend’ ich ſchon wieder zwei Aufſätze. Welchen
man für den beſſern hält, der mag voranſtehen. Künftig, obgleich
nicht bald, ſchick’ ich Ihnen vielleicht einen ernſthaften Aufſatz. 30
Dem Zenſor der Teufels Beichte nehm’ ichs gar nicht übel, daß er
dieſen vom Beichtſtuhl abgewieſen. In meinen „vermiſchten Werk-
chen“ die zu Michaelis herauskommen, wird es ohne Anſtoß durch-
laufen; aber in einer täglich herauskommenden Tagsſchrift, die
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:13:57Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:13:57Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 5. Berlin, 1961, S. 142. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe05_1961/157>, abgerufen am 25.09.2024.
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