Herr Emanuel! Und Guter! Ich sollte Ihnen öfter dergl. philosophische Spiele schicken, damit Sie in sich selber mehr das Neue kennen lernten. -- -- Eben hör' ich von dem 2 Stunden lange5 im vollen Putze wartenden Max die Klage über das Fehlschlagen seines Morgens. Möge Ihr Schmerz so flüchtig vorüber ziehen als seiner.
348. An Emanuel.
[Bayreuth, 20. April 1807]10
Guten Morgen! Vor Begierde, Ihre Blätter zu lesen, schreib' ich kein Wort weiter.
349. An Emanuel.
[Bayreuth, 20. April 1807]
Mit der freien Wahrhaftigkeit, Theuerer, die nur allein, Ihrer15 und Meiner würdig ist, sag' ich meine Meinung -- sogar gegen Ihre. Eltern haben durchaus kein Recht, über ein mündiges Kind a) die alte Kuratel -- und wär' es durch grausame Entziehung ihrer Gaben -- fortzusetzen; in welchem Alter sollte sie denn auf- hören, (als etwa bei ihrem Tode)? Am wenigsten über einen Jüng-20 ling; höchstens über eine Tochter, da ohnehin in manchen Ländern das Weib ewige Vormundschaft genießt oder erduldet. Warum machen denn die Eltern ihren Glücks-Despotismus nicht bei andern lebenslänglichen Wahlen der Söhne geltend? -- Das Beste hierüber und wie ganz aus meiner Seele geschrieben, finden Sie im 2. B. des25 Titans S. 87 etc. -- Eine Ehe mit einem Adelichen so wie mit einem Sohne zürnender Eltern ist gefährlich, wenn diese nahe sind; in der Ferne, (wie hier) ist kein Bedenken. -- In Wien heirathete eine Berliner Jüdin einen Grafen; -- jetzt sind solche Heirathen, wenn nicht modisch, doch erlaubt. *) -- Der Beifall zweier Brüder ist30
a) Wer ein Vater werden kann, braucht keinen mehr; sonst müßte am Ende seiner über seine Kinder einer sein und herrschen.
*) Am Ministerwerden hindert ja keine bürgerliche Frau.
10 Jean Paul Briefe. V
347. An Emanuel.
[Bayreuth, 17. April 1807]
Herr Emanuel! Und Guter! Ich ſollte Ihnen öfter dergl. philoſophiſche Spiele ſchicken, damit Sie in ſich ſelber mehr das Neue kennen lernten. — — Eben hör’ ich von dem 2 Stunden lange5 im vollen Putze wartenden Max die Klage über das Fehlſchlagen ſeines Morgens. Möge Ihr Schmerz ſo flüchtig vorüber ziehen als ſeiner.
348. An Emanuel.
[Bayreuth, 20. April 1807]10
Guten Morgen! Vor Begierde, Ihre Blätter zu leſen, ſchreib’ ich kein Wort weiter.
349. An Emanuel.
[Bayreuth, 20. April 1807]
Mit der freien Wahrhaftigkeit, Theuerer, die nur allein, Ihrer15 und Meiner würdig iſt, ſag’ ich meine Meinung — ſogar gegen Ihre. Eltern haben durchaus kein Recht, über ein mündiges Kind a) die alte Kuratel — und wär’ es durch grauſame Entziehung ihrer Gaben — fortzuſetzen; in welchem Alter ſollte ſie denn auf- hören, (als etwa bei ihrem Tode)? Am wenigſten über einen Jüng-20 ling; höchſtens über eine Tochter, da ohnehin in manchen Ländern das Weib ewige Vormundſchaft genießt oder erduldet. Warum machen denn die Eltern ihren Glücks-Deſpotiſmus nicht bei andern lebenslänglichen Wahlen der Söhne geltend? — Das Beſte hierüber und wie ganz aus meiner Seele geſchrieben, finden Sie im 2. B. des25 Titans S. 87 ꝛc. — Eine Ehe mit einem Adelichen ſo wie mit einem Sohne zürnender Eltern iſt gefährlich, wenn dieſe nahe ſind; in der Ferne, (wie hier) iſt kein Bedenken. — In Wien heirathete eine Berliner Jüdin einen Grafen; — jetzt ſind ſolche Heirathen, wenn nicht modiſch, doch erlaubt. *) — Der Beifall zweier Brüder iſt30
a) Wer ein Vater werden kann, braucht keinen mehr; ſonſt müßte am Ende ſeiner über ſeine Kinder einer ſein und herrſchen.
*) Am Miniſterwerden hindert ja keine bürgerliche Frau.
10 Jean Paul Briefe. V
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347. An Emanuel.
[Bayreuth, 17. April 1807]
Herr Emanuel! Und Guter! Ich ſollte Ihnen öfter dergl.
philoſophiſche Spiele ſchicken, damit Sie in ſich ſelber mehr das
Neue kennen lernten. — — Eben hör’ ich von dem 2 Stunden lange 5
im vollen Putze wartenden Max die Klage über das Fehlſchlagen
ſeines Morgens. Möge Ihr Schmerz ſo flüchtig vorüber ziehen als
ſeiner.
348. An Emanuel.
[Bayreuth, 20. April 1807] 10
Guten Morgen! Vor Begierde, Ihre Blätter zu leſen, ſchreib’
ich kein Wort weiter.
349. An Emanuel.
[Bayreuth, 20. April 1807]
Mit der freien Wahrhaftigkeit, Theuerer, die nur allein, Ihrer 15
und Meiner würdig iſt, ſag’ ich meine Meinung — ſogar gegen
Ihre. Eltern haben durchaus kein Recht, über ein mündiges
Kind a) die alte Kuratel — und wär’ es durch grauſame Entziehung
ihrer Gaben — fortzuſetzen; in welchem Alter ſollte ſie denn auf-
hören, (als etwa bei ihrem Tode)? Am wenigſten über einen Jüng- 20
ling; höchſtens über eine Tochter, da ohnehin in manchen Ländern
das Weib ewige Vormundſchaft genießt oder erduldet. Warum
machen denn die Eltern ihren Glücks-Deſpotiſmus nicht bei andern
lebenslänglichen Wahlen der Söhne geltend? — Das Beſte hierüber
und wie ganz aus meiner Seele geſchrieben, finden Sie im 2. B. des 25
Titans S. 87 ꝛc. — Eine Ehe mit einem Adelichen ſo wie mit einem
Sohne zürnender Eltern iſt gefährlich, wenn dieſe nahe ſind; in der
Ferne, (wie hier) iſt kein Bedenken. — In Wien heirathete eine
Berliner Jüdin einen Grafen; — jetzt ſind ſolche Heirathen, wenn
nicht modiſch, doch erlaubt. *) — Der Beifall zweier Brüder iſt 30
a) Wer ein Vater werden kann, braucht keinen mehr; ſonſt müßte am Ende ſeiner
über ſeine Kinder einer ſein und herrſchen.
*) Am Miniſterwerden hindert ja keine bürgerliche Frau.
10 Jean Paul Briefe. V
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
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Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:13:57Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:13:57Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 5. Berlin, 1961, S. 145. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe05_1961/160>, abgerufen am 25.09.2024.
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