So bin ich denn hier wider mein Verdienst so seelig geworden, als ich kaum in einer Stadt gewesen, Berlin ausgenommen. Aber wie5 ist dieß ohne ein Papier-Ries zu schildern? Ich vertröste daher Sie auf meine Frau, und diese auf Sie, und Otto auf beide, damit doch eine Art von Nachricht herauskommt, bevor ich auf dem rechten Rednerstuhl sitze -- auf Ihrem Kanapee.
Einer der wichtigsten Männer hier ist mir der Hofrath Thibaut,10 in der römischen Jurisprudenz noch größer als Savigny -- voll Kraft und Trotz und Übersicht -- sarkastisch -- poetisch und witzig im Sprechen -- und der Stifter einer donnerstägigen -- Singaka- demie in seinem Hause. Eine kleine Anzahl Weiber, Jungfrauen und Jünglinge tragen die Kirchenstücke der alten italienischen15 Meister, des Palestrina, Leo, Durante etc. etc. vor. Ohne Krankheit darf keine wegbleiben -- niemand darf zuhören oder dabei sein, nicht einmal die Eltern, damit die Musik heilige und die Eitel- keit sie nicht entheilige. Ich gewann ihn durch meine Worte über die Musik, daß er mir nicht nur den einen Donnerstag mit italieni-20 scher Musik gab, sondern jetzo für den zweiten mit Händel'scher mich mehrmal ordentlich bittet, als könnt' ich einen Himmel ver- säumen. Caroline versteht es, wenn ich sage, hier ist Fasch wieder. Das Aushalten der Töne war oft wie das von Glocken und man glaubte durchaus verborgne Glocken zu hören. Aber ich werde ja25 einmal ein Blatt finden, welchem ich diese ewigtönende Edenstunde mitgebe. --
Mir war, als würden meine Romane lebendig und nähmen mich mit, als das lange, halb bedeckte Schiff mit 80 Personen -- bekränzt mit Eichenlaub bis an die bunten Bänder-Wimpel -- begleitet von30 einem Beischiffchen voll Musiker -- vor den Burgen und Bergen dahin fuhr. -- Der größte Theil der Frauen und Männer saß an der langen von dem einen Ende des Schiffes zum andern langenden Tafel. Studenten -- Professoren etc. etc. -- schöne Mädchen und Frauen -- der Kronprinz von Schweden -- ein schöner Engländer --35 ein junger Prinz von Waldeck etc. etc., alles lebte in unschuldiger Freude. Meine Kappe und des Prinzen Hut (den aber die meisten
*299. An Emanuel.
Heidelberg d. 20 Jul. 1817
Mein theuerſter Emanuel!
So bin ich denn hier wider mein Verdienſt ſo ſeelig geworden, als ich kaum in einer Stadt geweſen, Berlin ausgenommen. Aber wie5 iſt dieß ohne ein Papier-Ries zu ſchildern? Ich vertröſte daher Sie auf meine Frau, und dieſe auf Sie, und Otto auf beide, damit doch eine Art von Nachricht herauskommt, bevor ich auf dem rechten Rednerſtuhl ſitze — auf Ihrem Kanapee.
Einer der wichtigſten Männer hier iſt mir der Hofrath Thibaut,10 in der römiſchen Jurisprudenz noch größer als Savigny — voll Kraft und Trotz und Überſicht — ſarkaſtiſch — poetiſch und witzig im Sprechen — und der Stifter einer donnerſtägigen — Singaka- demie in ſeinem Hauſe. Eine kleine Anzahl Weiber, Jungfrauen und Jünglinge tragen die Kirchenſtücke der alten italieniſchen15 Meiſter, des Paleſtrina, Leo, Durante ꝛc. ꝛc. vor. Ohne Krankheit darf keine wegbleiben — niemand darf zuhören oder dabei ſein, nicht einmal die Eltern, damit die Muſik heilige und die Eitel- keit ſie nicht entheilige. Ich gewann ihn durch meine Worte über die Muſik, daß er mir nicht nur den einen Donnerſtag mit italieni-20 ſcher Muſik gab, ſondern jetzo für den zweiten mit Händel’scher mich mehrmal ordentlich bittet, als könnt’ ich einen Himmel ver- ſäumen. Caroline verſteht es, wenn ich ſage, hier iſt Fasch wieder. Das Aushalten der Töne war oft wie das von Glocken und man glaubte durchaus verborgne Glocken zu hören. Aber ich werde ja25 einmal ein Blatt finden, welchem ich dieſe ewigtönende Edenſtunde mitgebe. —
Mir war, als würden meine Romane lebendig und nähmen mich mit, als das lange, halb bedeckte Schiff mit 80 Perſonen — bekränzt mit Eichenlaub bis an die bunten Bänder-Wimpel — begleitet von30 einem Beiſchiffchen voll Muſiker — vor den Burgen und Bergen dahin fuhr. — Der größte Theil der Frauen und Männer ſaß an der langen von dem einen Ende des Schiffes zum andern langenden Tafel. Studenten — Profeſſoren ꝛc. ꝛc. — ſchöne Mädchen und Frauen — der Kronprinz von Schweden — ein ſchöner Engländer —35 ein junger Prinz von Waldeck ꝛc. ꝛc., alles lebte in unſchuldiger Freude. Meine Kappe und des Prinzen Hut (den aber die meiſten
<TEI><text><body><pbfacs="#f0132"n="125"/><divtype="letter"n="1"><head>*299. An <hirendition="#g">Emanuel.</hi></head><lb/><dateline><hirendition="#right"><hirendition="#aq">Heidelberg</hi> d. 20 Jul. 1817</hi></dateline><lb/><salute>Mein theuerſter Emanuel!</salute><lb/><p>So bin ich denn hier wider mein Verdienſt ſo ſeelig geworden, als<lb/>
ich kaum in einer Stadt geweſen, Berlin ausgenommen. Aber wie<lbn="5"/>
iſt dieß ohne ein Papier-Ries zu ſchildern? Ich vertröſte daher Sie<lb/>
auf meine Frau, und dieſe auf Sie, und Otto auf beide, damit doch<lb/>
eine Art von Nachricht herauskommt, bevor ich auf dem rechten<lb/>
Rednerſtuhl ſitze — auf Ihrem Kanapee.</p><lb/><p>Einer der wichtigſten Männer hier iſt mir der Hofrath <hirendition="#aq">Thibaut,</hi><lbn="10"/>
in der römiſchen Jurisprudenz noch größer als Savigny — voll<lb/>
Kraft und Trotz und Überſicht —ſarkaſtiſch — poetiſch und witzig<lb/>
im Sprechen — und der Stifter einer donnerſtägigen — Singaka-<lb/>
demie in ſeinem Hauſe. Eine kleine Anzahl Weiber, Jungfrauen<lb/>
und Jünglinge tragen die Kirchenſtücke der alten italieniſchen<lbn="15"/>
Meiſter, des Paleſtrina, Leo, Durante ꝛc. ꝛc. vor. Ohne Krankheit<lb/>
darf keine wegbleiben — niemand darf <hirendition="#g">zuhören oder dabei ſein,<lb/>
nicht einmal die Eltern,</hi> damit die Muſik heilige und die Eitel-<lb/>
keit ſie nicht entheilige. Ich gewann ihn durch meine Worte über<lb/>
die Muſik, daß er mir nicht nur den einen Donnerſtag mit italieni-<lbn="20"/>ſcher Muſik gab, ſondern jetzo für den zweiten mit <hirendition="#aq">Händel’scher</hi><lb/>
mich mehrmal ordentlich bittet, als könnt’ ich einen Himmel ver-<lb/>ſäumen. <hirendition="#aq">Caroline</hi> verſteht es, wenn ich ſage, hier iſt <hirendition="#aq">Fasch</hi> wieder.<lb/>
Das Aushalten der Töne war oft wie das von Glocken und man<lb/>
glaubte durchaus verborgne Glocken zu hören. Aber ich werde ja<lbn="25"/>
einmal ein Blatt finden, welchem ich dieſe ewigtönende Edenſtunde<lb/>
mitgebe. —</p><lb/><p>Mir war, als würden meine Romane lebendig und nähmen mich<lb/>
mit, als das lange, halb bedeckte Schiff mit 80 Perſonen — bekränzt<lb/>
mit Eichenlaub bis an die bunten Bänder-Wimpel — begleitet von<lbn="30"/>
einem Beiſchiffchen voll Muſiker — vor den Burgen und Bergen<lb/>
dahin fuhr. — Der größte Theil der Frauen und Männer ſaß an<lb/>
der langen von dem einen Ende des Schiffes zum andern langenden<lb/>
Tafel. Studenten — Profeſſoren ꝛc. ꝛc. —ſchöne Mädchen und<lb/>
Frauen — der Kronprinz von Schweden — ein ſchöner Engländer —<lbn="35"/>
ein junger Prinz von Waldeck ꝛc. ꝛc., alles lebte in unſchuldiger<lb/>
Freude. Meine Kappe und des Prinzen Hut (den aber die meiſten<lb/></p></div></body></text></TEI>
[125/0132]
*299. An Emanuel.
Heidelberg d. 20 Jul. 1817
Mein theuerſter Emanuel!
So bin ich denn hier wider mein Verdienſt ſo ſeelig geworden, als
ich kaum in einer Stadt geweſen, Berlin ausgenommen. Aber wie 5
iſt dieß ohne ein Papier-Ries zu ſchildern? Ich vertröſte daher Sie
auf meine Frau, und dieſe auf Sie, und Otto auf beide, damit doch
eine Art von Nachricht herauskommt, bevor ich auf dem rechten
Rednerſtuhl ſitze — auf Ihrem Kanapee.
Einer der wichtigſten Männer hier iſt mir der Hofrath Thibaut, 10
in der römiſchen Jurisprudenz noch größer als Savigny — voll
Kraft und Trotz und Überſicht — ſarkaſtiſch — poetiſch und witzig
im Sprechen — und der Stifter einer donnerſtägigen — Singaka-
demie in ſeinem Hauſe. Eine kleine Anzahl Weiber, Jungfrauen
und Jünglinge tragen die Kirchenſtücke der alten italieniſchen 15
Meiſter, des Paleſtrina, Leo, Durante ꝛc. ꝛc. vor. Ohne Krankheit
darf keine wegbleiben — niemand darf zuhören oder dabei ſein,
nicht einmal die Eltern, damit die Muſik heilige und die Eitel-
keit ſie nicht entheilige. Ich gewann ihn durch meine Worte über
die Muſik, daß er mir nicht nur den einen Donnerſtag mit italieni- 20
ſcher Muſik gab, ſondern jetzo für den zweiten mit Händel’scher
mich mehrmal ordentlich bittet, als könnt’ ich einen Himmel ver-
ſäumen. Caroline verſteht es, wenn ich ſage, hier iſt Fasch wieder.
Das Aushalten der Töne war oft wie das von Glocken und man
glaubte durchaus verborgne Glocken zu hören. Aber ich werde ja 25
einmal ein Blatt finden, welchem ich dieſe ewigtönende Edenſtunde
mitgebe. —
Mir war, als würden meine Romane lebendig und nähmen mich
mit, als das lange, halb bedeckte Schiff mit 80 Perſonen — bekränzt
mit Eichenlaub bis an die bunten Bänder-Wimpel — begleitet von 30
einem Beiſchiffchen voll Muſiker — vor den Burgen und Bergen
dahin fuhr. — Der größte Theil der Frauen und Männer ſaß an
der langen von dem einen Ende des Schiffes zum andern langenden
Tafel. Studenten — Profeſſoren ꝛc. ꝛc. — ſchöne Mädchen und
Frauen — der Kronprinz von Schweden — ein ſchöner Engländer — 35
ein junger Prinz von Waldeck ꝛc. ꝛc., alles lebte in unſchuldiger
Freude. Meine Kappe und des Prinzen Hut (den aber die meiſten
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:19:52Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:19:52Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 7. Berlin, 1954, S. 125. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe07_1954/132>, abgerufen am 23.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.