nicht hinzu gewünscht hatten) wurden ans andere Ende der Tafel hinunter gefodert und zwei schöne Mädchen brachten sie mit Eichen- kränzen umfaßt wieder zurück und ich und der Prinz standen damit da. Der Überfluß an Essen und Wein konnte kaum in einem ganzen Tage aufgezehrt werden. Der Himmel legte eine Wolke nach der andern5 ab. Auf einem alten Burgfelsen wehte eine Fahne und Schnupf- tücher herunter, und junge Leute riefen Vivats. In unserm Schiffe wurden Lieder gesungen. Ein Nachen nach dem andern fuhr uns mit Musik und Gruß nach; abends sogar einer mit einer Guitarre, wo ein Jüngling mein angebliches Leiblied: "Namen nennen dich10 nicht" sang. -- Im fortziehenden Schiffe wurde gegessen und seltsam schifften die himmlischen Ufer und Thäler vor uns vorüber, als ob wir ständen. Die Freude der Rührung ergriff mich sehr; und mit großer Gewalt und mit Denken an ganz tolle und dumme Sachen mußt' ich mein Übermaß bezwingen. Nach dem Essen spielten wir15 jungen Leute Spiele (die Wittwe u.s.w.) auf einer Wiese, woraus ich für eine Goulon aus Weimar einen langen Scherz spann. Darauf tanzte man 1 Stunde lang in einer Ritterburg. Und so zog denn am schönen Abend die ganze kleine Freudenwelt ohne das kleinste Stören, Misverständnis und Abbruch mit unverschütteten Freuden-20 bechern nach Hause. -- Verzeihen Sie die nachlässig durch einander geworfne Schilderung; zu einer andern gehören Bogen.
Und eben so seelig und fast zu schwer tragend an den Gaben des Unendlichen stand ich in der dunkeln Nacht im Kreise der singenden Vivat-Studenten und gab hundert Händen meine Hand und sah25 dankend gen Himmel. Was ich gesagt, erfuhr ich erst später aus einem Briefe der v. Ende.
-- Ich mag nicht mehr schildern; es nimmt kein Ende. Alle Professoren und Studenten erfreueten sich über mein Doktor- Werden, was mich freilich wahrhafter ehrt als die Legazionrätherei.30 -- Die Schwarz (eine wirklich treffliche Seele) und die v. Ende (die mir jetzo als eine der bedeutendsten Frauen erscheint) grüßen Sie liebend. Reitzenstein ist in den Bädern. -- Ich grüße hier Otto, da ich nicht an ihn mit schreiben konnte.
Ihr langes Bleiben in Döhlau hat mich voraus erfreuet, denn35 es setzt einige Himmel voraus. -- Eben hat mich mein Buchhändler Reimer aus Berlin unterbrochen; -- ich sagte bei dem Abschiede zu
nicht hinzu gewünſcht hatten) wurden ans andere Ende der Tafel hinunter gefodert und zwei ſchöne Mädchen brachten ſie mit Eichen- kränzen umfaßt wieder zurück und ich und der Prinz ſtanden damit da. Der Überfluß an Eſſen und Wein konnte kaum in einem ganzen Tage aufgezehrt werden. Der Himmel legte eine Wolke nach der andern5 ab. Auf einem alten Burgfelſen wehte eine Fahne und Schnupf- tücher herunter, und junge Leute riefen Vivats. In unſerm Schiffe wurden Lieder geſungen. Ein Nachen nach dem andern fuhr uns mit Muſik und Gruß nach; abends ſogar einer mit einer Guitarre, wo ein Jüngling mein angebliches Leiblied: „Namen nennen dich10 nicht“ ſang. — Im fortziehenden Schiffe wurde gegeſſen und ſeltſam ſchifften die himmliſchen Ufer und Thäler vor uns vorüber, als ob wir ſtänden. Die Freude der Rührung ergriff mich ſehr; und mit großer Gewalt und mit Denken an ganz tolle und dumme Sachen mußt’ ich mein Übermaß bezwingen. Nach dem Eſſen ſpielten wir15 jungen Leute Spiele (die Wittwe u.ſ.w.) auf einer Wieſe, woraus ich für eine Goulon aus Weimar einen langen Scherz ſpann. Darauf tanzte man 1 Stunde lang in einer Ritterburg. Und ſo zog denn am ſchönen Abend die ganze kleine Freudenwelt ohne das kleinſte Stören, Misverſtändnis und Abbruch mit unverſchütteten Freuden-20 bechern nach Hauſe. — Verzeihen Sie die nachläſſig durch einander geworfne Schilderung; zu einer andern gehören Bogen.
Und eben ſo ſeelig und faſt zu ſchwer tragend an den Gaben des Unendlichen ſtand ich in der dunkeln Nacht im Kreiſe der ſingenden Vivat-Studenten und gab hundert Händen meine Hand und ſah25 dankend gen Himmel. Was ich geſagt, erfuhr ich erſt ſpäter aus einem Briefe der v. Ende.
— Ich mag nicht mehr ſchildern; es nimmt kein Ende. Alle Profeſſoren und Studenten erfreueten ſich über mein Doktor- Werden, was mich freilich wahrhafter ehrt als die Legazionrätherei.30 — Die Schwarz (eine wirklich treffliche Seele) und die v. Ende (die mir jetzo als eine der bedeutendſten Frauen erſcheint) grüßen Sie liebend. Reitzenſtein iſt in den Bädern. — Ich grüße hier Otto, da ich nicht an ihn mit ſchreiben konnte.
Ihr langes Bleiben in Döhlau hat mich voraus erfreuet, denn35 es ſetzt einige Himmel voraus. — Eben hat mich mein Buchhändler Reimer aus Berlin unterbrochen; — ich ſagte bei dem Abſchiede zu
<TEI><text><body><divtype="letter"n="1"><p><pbfacs="#f0133"n="126"/>
nicht hinzu gewünſcht hatten) wurden ans andere Ende der Tafel<lb/>
hinunter gefodert und zwei ſchöne Mädchen brachten ſie mit Eichen-<lb/>
kränzen umfaßt wieder zurück und ich und der Prinz ſtanden damit da.<lb/>
Der Überfluß an Eſſen und Wein konnte kaum in einem ganzen Tage<lb/>
aufgezehrt werden. Der Himmel legte eine Wolke nach der andern<lbn="5"/>
ab. Auf einem alten Burgfelſen wehte eine Fahne und Schnupf-<lb/>
tücher herunter, und junge Leute riefen Vivats. In unſerm Schiffe<lb/>
wurden Lieder geſungen. Ein Nachen nach dem andern fuhr uns<lb/>
mit Muſik und Gruß nach; abends ſogar einer mit einer Guitarre,<lb/>
wo ein Jüngling mein angebliches Leiblied: „Namen nennen dich<lbn="10"/>
nicht“ſang. — Im fortziehenden Schiffe wurde gegeſſen und ſeltſam<lb/>ſchifften die himmliſchen Ufer und Thäler vor uns vorüber, als ob<lb/>
wir ſtänden. Die Freude der Rührung ergriff mich ſehr; und mit<lb/>
großer Gewalt und mit Denken an ganz tolle und dumme Sachen<lb/>
mußt’ ich mein Übermaß bezwingen. Nach dem Eſſen ſpielten wir<lbn="15"/>
jungen Leute Spiele (die Wittwe u.ſ.w.) auf einer Wieſe, woraus<lb/>
ich für eine <hirendition="#aq">Goulon</hi> aus <hirendition="#aq">Weimar</hi> einen langen Scherz ſpann. Darauf<lb/>
tanzte man 1 Stunde lang in einer Ritterburg. Und ſo zog denn<lb/>
am ſchönen Abend die ganze kleine Freudenwelt ohne das kleinſte<lb/>
Stören, Misverſtändnis und Abbruch mit unverſchütteten Freuden-<lbn="20"/>
bechern nach Hauſe. — Verzeihen Sie die nachläſſig durch einander<lb/>
geworfne Schilderung; zu einer andern gehören Bogen.</p><lb/><p>Und eben ſo ſeelig und faſt zu ſchwer tragend an den Gaben des<lb/>
Unendlichen ſtand ich in der dunkeln Nacht im Kreiſe der ſingenden<lb/><hirendition="#aq">Vivat</hi>-Studenten und gab hundert Händen meine Hand und ſah<lbn="25"/>
dankend gen Himmel. Was ich geſagt, erfuhr ich erſt ſpäter aus<lb/>
einem Briefe der <hirendition="#aq">v. Ende.</hi></p><lb/><p>— Ich mag nicht mehr ſchildern; es nimmt kein Ende. Alle<lb/>
Profeſſoren und Studenten erfreueten ſich über mein Doktor-<lb/>
Werden, was mich freilich wahrhafter ehrt als die Legazionrätherei.<lbn="30"/>— Die <hirendition="#aq">Schwarz</hi> (eine wirklich treffliche Seele) und die <hirendition="#aq">v. Ende</hi><lb/>
(die mir jetzo als eine der bedeutendſten Frauen erſcheint) grüßen Sie<lb/>
liebend. Reitzenſtein iſt in den Bädern. — Ich grüße hier Otto, da<lb/>
ich nicht an ihn mit ſchreiben konnte.</p><lb/><p>Ihr langes Bleiben in Döhlau hat mich voraus erfreuet, denn<lbn="35"/>
es ſetzt einige Himmel voraus. — Eben hat mich mein Buchhändler<lb/>
Reimer aus Berlin unterbrochen; — ich ſagte bei dem Abſchiede zu<lb/></p></div></body></text></TEI>
[126/0133]
nicht hinzu gewünſcht hatten) wurden ans andere Ende der Tafel
hinunter gefodert und zwei ſchöne Mädchen brachten ſie mit Eichen-
kränzen umfaßt wieder zurück und ich und der Prinz ſtanden damit da.
Der Überfluß an Eſſen und Wein konnte kaum in einem ganzen Tage
aufgezehrt werden. Der Himmel legte eine Wolke nach der andern 5
ab. Auf einem alten Burgfelſen wehte eine Fahne und Schnupf-
tücher herunter, und junge Leute riefen Vivats. In unſerm Schiffe
wurden Lieder geſungen. Ein Nachen nach dem andern fuhr uns
mit Muſik und Gruß nach; abends ſogar einer mit einer Guitarre,
wo ein Jüngling mein angebliches Leiblied: „Namen nennen dich 10
nicht“ ſang. — Im fortziehenden Schiffe wurde gegeſſen und ſeltſam
ſchifften die himmliſchen Ufer und Thäler vor uns vorüber, als ob
wir ſtänden. Die Freude der Rührung ergriff mich ſehr; und mit
großer Gewalt und mit Denken an ganz tolle und dumme Sachen
mußt’ ich mein Übermaß bezwingen. Nach dem Eſſen ſpielten wir 15
jungen Leute Spiele (die Wittwe u.ſ.w.) auf einer Wieſe, woraus
ich für eine Goulon aus Weimar einen langen Scherz ſpann. Darauf
tanzte man 1 Stunde lang in einer Ritterburg. Und ſo zog denn
am ſchönen Abend die ganze kleine Freudenwelt ohne das kleinſte
Stören, Misverſtändnis und Abbruch mit unverſchütteten Freuden- 20
bechern nach Hauſe. — Verzeihen Sie die nachläſſig durch einander
geworfne Schilderung; zu einer andern gehören Bogen.
Und eben ſo ſeelig und faſt zu ſchwer tragend an den Gaben des
Unendlichen ſtand ich in der dunkeln Nacht im Kreiſe der ſingenden
Vivat-Studenten und gab hundert Händen meine Hand und ſah 25
dankend gen Himmel. Was ich geſagt, erfuhr ich erſt ſpäter aus
einem Briefe der v. Ende.
— Ich mag nicht mehr ſchildern; es nimmt kein Ende. Alle
Profeſſoren und Studenten erfreueten ſich über mein Doktor-
Werden, was mich freilich wahrhafter ehrt als die Legazionrätherei. 30
— Die Schwarz (eine wirklich treffliche Seele) und die v. Ende
(die mir jetzo als eine der bedeutendſten Frauen erſcheint) grüßen Sie
liebend. Reitzenſtein iſt in den Bädern. — Ich grüße hier Otto, da
ich nicht an ihn mit ſchreiben konnte.
Ihr langes Bleiben in Döhlau hat mich voraus erfreuet, denn 35
es ſetzt einige Himmel voraus. — Eben hat mich mein Buchhändler
Reimer aus Berlin unterbrochen; — ich ſagte bei dem Abſchiede zu
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Historisch-kritische Ausgabe der Werke und Briefe von Jean Paul. Berlin-Brandenburgische Akademie zu Berlin: Bereitstellung der Texttranskription.
(2016-11-22T15:19:52Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Markus Bernauer, Matthias Boenig: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2016-11-22T15:19:52Z)
Weitere Informationen:
Die digitale Edition der Briefe Jean Pauls im Deutschen Textarchiv basiert auf der von Eduard Berend herausgegebenen III. Abteilung der Historisch-kritischen Ausgabe mit den Briefen Jean Pauls. Die Bände werden im Faksimile und in getreuer Umschrift ohne Korrekturen vollständig zugänglich gemacht. Nicht aufgenommen, da in der hier gewählten Präsentation kaum nutzbar, sind Berends umfangreiche Register über die III. Abteilung in Band III/9, die in das elektronische Gesamtregister über die Briefe von und an Jean Paul eingegangen sind. Das bedeutet: Aufbewahrungsorte von Handschriften sowie veraltete Literaturverweise blieben ebenso bestehen wie die Nummern der von Jean Paul beantworteten Briefe oder der an ihn gerichteten Antworten, Nummern, die sich auf die Regesten in den digitalisierten Bänden beziehen und nicht auf die neue IV. Abteilung mit den Briefen an Jean Paul (s. dort die Konkordanzen).
Eine andere, briefzentrierte digitale Edition der Briefe Jean Pauls ist derzeit als Gemeinschaftsprojekt der Jean-Paul-Edition und der Initiative TELOTA in Vorbereitung. Die Metadaten dieser Ausgabe sowie veraltete Verweise in den Erläuterungen werden dort so weit als möglich aktualisiert. Die Digitalisierung wurde durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.
Jean Paul: Dritte Abteilung Briefe. In: Jean Pauls Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe. Abt. 3, Bd. 7. Berlin, 1954, S. 126. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/jeanpaul_briefe07_1954/133>, abgerufen am 23.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.