Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 1. Braunschweig, 1854.

Bild:
<< vorherige Seite

dergleichen mitzumachen. Vielmehr tadelte sie
mit scharfen Worten die Kopfhänger und wurde
sarkastisch und bitter, wenn sie allzu mystischen
Unrath merkte. Sie bedurfte das Wunderbare
und Geheimnißvolle, aber in der Sinnenwelt,
in Leben und Schicksal, in der äußern wechsel¬
vollen Erscheinung; von innern Seelenwundern,
bevorzugten Stimmungen, Auserwählten u. dgl.
wollte sie nichts hören und kanzelte ihre Gäste
tüchtig herunter, wenn sie mit solchen Dingen
auftreten wollten. Außer daß Gott als der kunst-
und sinnreiche Schöpfer all der wunderbaren
Dinge und Vorkommnisse für sie existirte, war er
ihr vorzüglich in Einer Richtung noch merk- und
preiswürdig: nämlich als der treue Beiständer
der klugen und rührigen Leute, welche, mit
Nichts und weniger als Nichts anfangend, ihr
Glück in der Welt selbst machen und es zu etwas
Ordentlichem bringen. Deshalb hatte sie ihre
größte Freude an jungen Leuten, welche sich aus
einer dunklen dürftigen Abkunft heraus durch
Talent, Fleiß, Sparsamkeit, Klugheit u. s. f. in
eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl

dergleichen mitzumachen. Vielmehr tadelte ſie
mit ſcharfen Worten die Kopfhaͤnger und wurde
ſarkaſtiſch und bitter, wenn ſie allzu myſtiſchen
Unrath merkte. Sie bedurfte das Wunderbare
und Geheimnißvolle, aber in der Sinnenwelt,
in Leben und Schickſal, in der aͤußern wechſel¬
vollen Erſcheinung; von innern Seelenwundern,
bevorzugten Stimmungen, Auserwaͤhlten u. dgl.
wollte ſie nichts hoͤren und kanzelte ihre Gaͤſte
tuͤchtig herunter, wenn ſie mit ſolchen Dingen
auftreten wollten. Außer daß Gott als der kunſt-
und ſinnreiche Schoͤpfer all der wunderbaren
Dinge und Vorkommniſſe fuͤr ſie exiſtirte, war er
ihr vorzuͤglich in Einer Richtung noch merk- und
preiswuͤrdig: naͤmlich als der treue Beiſtaͤnder
der klugen und ruͤhrigen Leute, welche, mit
Nichts und weniger als Nichts anfangend, ihr
Gluͤck in der Welt ſelbſt machen und es zu etwas
Ordentlichem bringen. Deshalb hatte ſie ihre
groͤßte Freude an jungen Leuten, welche ſich aus
einer dunklen duͤrftigen Abkunft heraus durch
Talent, Fleiß, Sparſamkeit, Klugheit u. ſ. f. in
eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0199" n="185"/>
dergleichen mitzumachen. Vielmehr tadelte &#x017F;ie<lb/>
mit &#x017F;charfen Worten die Kopfha&#x0364;nger und wurde<lb/>
&#x017F;arka&#x017F;ti&#x017F;ch und bitter, wenn &#x017F;ie allzu my&#x017F;ti&#x017F;chen<lb/>
Unrath merkte. Sie bedurfte das Wunderbare<lb/>
und Geheimnißvolle, aber in der Sinnenwelt,<lb/>
in Leben und Schick&#x017F;al, in der a&#x0364;ußern wech&#x017F;el¬<lb/>
vollen Er&#x017F;cheinung; von innern Seelenwundern,<lb/>
bevorzugten Stimmungen, Auserwa&#x0364;hlten u. dgl.<lb/>
wollte &#x017F;ie nichts ho&#x0364;ren und kanzelte ihre Ga&#x0364;&#x017F;te<lb/>
tu&#x0364;chtig herunter, wenn &#x017F;ie mit &#x017F;olchen Dingen<lb/>
auftreten wollten. Außer daß Gott als der kun&#x017F;t-<lb/>
und &#x017F;innreiche Scho&#x0364;pfer all der wunderbaren<lb/>
Dinge und Vorkommni&#x017F;&#x017F;e fu&#x0364;r &#x017F;ie exi&#x017F;tirte, war er<lb/>
ihr vorzu&#x0364;glich in Einer Richtung noch merk- und<lb/>
preiswu&#x0364;rdig: na&#x0364;mlich als der treue Bei&#x017F;ta&#x0364;nder<lb/>
der klugen und ru&#x0364;hrigen Leute, welche, mit<lb/>
Nichts und weniger als Nichts anfangend, ihr<lb/>
Glu&#x0364;ck in der Welt &#x017F;elb&#x017F;t machen und es zu etwas<lb/>
Ordentlichem bringen. Deshalb hatte &#x017F;ie ihre<lb/>
gro&#x0364;ßte Freude an jungen Leuten, welche &#x017F;ich aus<lb/>
einer dunklen du&#x0364;rftigen Abkunft heraus durch<lb/>
Talent, Fleiß, Spar&#x017F;amkeit, Klugheit u. &#x017F;. f. in<lb/>
eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[185/0199] dergleichen mitzumachen. Vielmehr tadelte ſie mit ſcharfen Worten die Kopfhaͤnger und wurde ſarkaſtiſch und bitter, wenn ſie allzu myſtiſchen Unrath merkte. Sie bedurfte das Wunderbare und Geheimnißvolle, aber in der Sinnenwelt, in Leben und Schickſal, in der aͤußern wechſel¬ vollen Erſcheinung; von innern Seelenwundern, bevorzugten Stimmungen, Auserwaͤhlten u. dgl. wollte ſie nichts hoͤren und kanzelte ihre Gaͤſte tuͤchtig herunter, wenn ſie mit ſolchen Dingen auftreten wollten. Außer daß Gott als der kunſt- und ſinnreiche Schoͤpfer all der wunderbaren Dinge und Vorkommniſſe fuͤr ſie exiſtirte, war er ihr vorzuͤglich in Einer Richtung noch merk- und preiswuͤrdig: naͤmlich als der treue Beiſtaͤnder der klugen und ruͤhrigen Leute, welche, mit Nichts und weniger als Nichts anfangend, ihr Gluͤck in der Welt ſelbſt machen und es zu etwas Ordentlichem bringen. Deshalb hatte ſie ihre groͤßte Freude an jungen Leuten, welche ſich aus einer dunklen duͤrftigen Abkunft heraus durch Talent, Fleiß, Sparſamkeit, Klugheit u. ſ. f. in eine gute Stellung gearbeitet hatten und wohl

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich01_1854
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich01_1854/199
Zitationshilfe: Keller, Gottfried: Der grüne Heinrich. Bd. 1. Braunschweig, 1854, S. 185. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/keller_heinrich01_1854/199>, abgerufen am 19.07.2024.