Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.bis um ihre Füße und füllte mählich die Spuren ihrer Tritte hinter ihr aus. So kam sie ungefähr in der Mitte ihres Weges auf einer weiten Hochfläche an, wo nur ein einzelner Baum sich erhob, während fern die dunkeln Ränder des Forstes ringsum die weiße Ebene einschlossen. Plötzlich stand Margret hier still, und ihre Kniee zitterten. Bei dem flackernden Scheine, den ihre Laterne im Windzug vor ihr warf, sah sie eine Spur, die schon halb zugeweht war. Gern hätte sie sich überredet, daß sie von Jagdhunden herkäme; aber zu oft hatten alte Leute ihr im Forst diese Stapfen gezeigt und erklärt. Sie sah es mit Grausen, hier waren, es mochte vor einer halben Stunde gewesen sein, die Wölfe gelaufen: ein großer, in weiten, mächtigen Sätzen, dem dann kleinere in einer Zahl, die sich in den undeutlichen Spuren nicht mehr bestimmen ließ, nachfolgten. Sie mußten nach dem Dorfe ihrer Kindheit auf den Raub gegangen sein, denn dorthin, rechts ins Thal hinunter, liefen die Stapfen quer über Margret's Pfad hinüber. Es war also zu vermuthen, daß sie noch in dieser Nacht auf demselben Wege in ihr gewöhnliches Lager zurückkehren würden. Das muthige Mädchen ließ durch diese furchtbare Ueberlegung ihren Gang nicht verzögern, und ein kleiner Trost wurde ihr gegönnt, als sie ein paar Schritte weiter gekommen war. Hier stieß sie nämlich auf die ganz frischen Spuren eines menschlichen Fußes, bis um ihre Füße und füllte mählich die Spuren ihrer Tritte hinter ihr aus. So kam sie ungefähr in der Mitte ihres Weges auf einer weiten Hochfläche an, wo nur ein einzelner Baum sich erhob, während fern die dunkeln Ränder des Forstes ringsum die weiße Ebene einschlossen. Plötzlich stand Margret hier still, und ihre Kniee zitterten. Bei dem flackernden Scheine, den ihre Laterne im Windzug vor ihr warf, sah sie eine Spur, die schon halb zugeweht war. Gern hätte sie sich überredet, daß sie von Jagdhunden herkäme; aber zu oft hatten alte Leute ihr im Forst diese Stapfen gezeigt und erklärt. Sie sah es mit Grausen, hier waren, es mochte vor einer halben Stunde gewesen sein, die Wölfe gelaufen: ein großer, in weiten, mächtigen Sätzen, dem dann kleinere in einer Zahl, die sich in den undeutlichen Spuren nicht mehr bestimmen ließ, nachfolgten. Sie mußten nach dem Dorfe ihrer Kindheit auf den Raub gegangen sein, denn dorthin, rechts ins Thal hinunter, liefen die Stapfen quer über Margret's Pfad hinüber. Es war also zu vermuthen, daß sie noch in dieser Nacht auf demselben Wege in ihr gewöhnliches Lager zurückkehren würden. Das muthige Mädchen ließ durch diese furchtbare Ueberlegung ihren Gang nicht verzögern, und ein kleiner Trost wurde ihr gegönnt, als sie ein paar Schritte weiter gekommen war. Hier stieß sie nämlich auf die ganz frischen Spuren eines menschlichen Fußes, <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0056"/> bis um ihre Füße und füllte mählich die Spuren ihrer Tritte hinter ihr aus.</p><lb/> <p>So kam sie ungefähr in der Mitte ihres Weges auf einer weiten Hochfläche an, wo nur ein einzelner Baum sich erhob, während fern die dunkeln Ränder des Forstes ringsum die weiße Ebene einschlossen. Plötzlich stand Margret hier still, und ihre Kniee zitterten. Bei dem flackernden Scheine, den ihre Laterne im Windzug vor ihr warf, sah sie eine Spur, die schon halb zugeweht war. Gern hätte sie sich überredet, daß sie von Jagdhunden herkäme; aber zu oft hatten alte Leute ihr im Forst diese Stapfen gezeigt und erklärt. Sie sah es mit Grausen, hier waren, es mochte vor einer halben Stunde gewesen sein, die Wölfe gelaufen: ein großer, in weiten, mächtigen Sätzen, dem dann kleinere in einer Zahl, die sich in den undeutlichen Spuren nicht mehr bestimmen ließ, nachfolgten. Sie mußten nach dem Dorfe ihrer Kindheit auf den Raub gegangen sein, denn dorthin, rechts ins Thal hinunter, liefen die Stapfen quer über Margret's Pfad hinüber. Es war also zu vermuthen, daß sie noch in dieser Nacht auf demselben Wege in ihr gewöhnliches Lager zurückkehren würden.</p><lb/> <p>Das muthige Mädchen ließ durch diese furchtbare Ueberlegung ihren Gang nicht verzögern, und ein kleiner Trost wurde ihr gegönnt, als sie ein paar Schritte weiter gekommen war. Hier stieß sie nämlich auf die ganz frischen Spuren eines menschlichen Fußes,<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0056]
bis um ihre Füße und füllte mählich die Spuren ihrer Tritte hinter ihr aus.
So kam sie ungefähr in der Mitte ihres Weges auf einer weiten Hochfläche an, wo nur ein einzelner Baum sich erhob, während fern die dunkeln Ränder des Forstes ringsum die weiße Ebene einschlossen. Plötzlich stand Margret hier still, und ihre Kniee zitterten. Bei dem flackernden Scheine, den ihre Laterne im Windzug vor ihr warf, sah sie eine Spur, die schon halb zugeweht war. Gern hätte sie sich überredet, daß sie von Jagdhunden herkäme; aber zu oft hatten alte Leute ihr im Forst diese Stapfen gezeigt und erklärt. Sie sah es mit Grausen, hier waren, es mochte vor einer halben Stunde gewesen sein, die Wölfe gelaufen: ein großer, in weiten, mächtigen Sätzen, dem dann kleinere in einer Zahl, die sich in den undeutlichen Spuren nicht mehr bestimmen ließ, nachfolgten. Sie mußten nach dem Dorfe ihrer Kindheit auf den Raub gegangen sein, denn dorthin, rechts ins Thal hinunter, liefen die Stapfen quer über Margret's Pfad hinüber. Es war also zu vermuthen, daß sie noch in dieser Nacht auf demselben Wege in ihr gewöhnliches Lager zurückkehren würden.
Das muthige Mädchen ließ durch diese furchtbare Ueberlegung ihren Gang nicht verzögern, und ein kleiner Trost wurde ihr gegönnt, als sie ein paar Schritte weiter gekommen war. Hier stieß sie nämlich auf die ganz frischen Spuren eines menschlichen Fußes,
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| Zitationshilfe: | Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kinkel_margret_1910/56>, abgerufen am 11.09.2024. |


