Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.welche der Wolfsfährte offenbar folgten; erst vor wenigen Minuten mußte hier ein Mann den Bestien nachgegangen sein. Dieser unbewußte Gruß eines menschlichen Wesens mitten unter den Schrecken der Natur richtete ihren Geist auf. Bald senkte sich nun ihr Pfad, aber er wurde auch immer mühsamer, je tiefer sie kam, weil der Flugschnee vom ganzen Gebirg in die Thäler hinabwehte. Manchmal mußte sie durch knietiefe Massen sich Bahn brechen; immer langsamer drang ihr ermüdender Fuß vorwärts, und als sie endlich die bequeme Landstraße erreichte, die von Trier an der Hülchrather Kapelle vorbei nach Blankenheim führt, hörte sie in dem nun ganz nahen Städtchen schon die Mitternachtsstunde schlagen. Die Apotheke war erreicht; sie klingelte mehrmals an der verschlossenen Thüre, und nach einer Viertelstunde öffnete der Provisor. Das Recept fand sich vor, Paul hatte es richtig abgegeben und die Arznei erhalten. Indessen war der Provisor, sobald Margret berichtete, warum das Fläschchen nicht in ihre Hände gekommen, gerne willig, das Recept neu zu bereiten. Er zündete Feuer an und lud Margret ein, mit ins Laboratorium zu kommen und sich zu wärmen. Als er erfuhr, daß sie noch in dieser Nacht zurück wollte, bereitete er ihr, durch solche Muttertreue gerührt, ein heißes, stärkendes Getränk und drang ihr auch einen Bissen Brod auf, während er seine Arbeit vollendete. welche der Wolfsfährte offenbar folgten; erst vor wenigen Minuten mußte hier ein Mann den Bestien nachgegangen sein. Dieser unbewußte Gruß eines menschlichen Wesens mitten unter den Schrecken der Natur richtete ihren Geist auf. Bald senkte sich nun ihr Pfad, aber er wurde auch immer mühsamer, je tiefer sie kam, weil der Flugschnee vom ganzen Gebirg in die Thäler hinabwehte. Manchmal mußte sie durch knietiefe Massen sich Bahn brechen; immer langsamer drang ihr ermüdender Fuß vorwärts, und als sie endlich die bequeme Landstraße erreichte, die von Trier an der Hülchrather Kapelle vorbei nach Blankenheim führt, hörte sie in dem nun ganz nahen Städtchen schon die Mitternachtsstunde schlagen. Die Apotheke war erreicht; sie klingelte mehrmals an der verschlossenen Thüre, und nach einer Viertelstunde öffnete der Provisor. Das Recept fand sich vor, Paul hatte es richtig abgegeben und die Arznei erhalten. Indessen war der Provisor, sobald Margret berichtete, warum das Fläschchen nicht in ihre Hände gekommen, gerne willig, das Recept neu zu bereiten. Er zündete Feuer an und lud Margret ein, mit ins Laboratorium zu kommen und sich zu wärmen. Als er erfuhr, daß sie noch in dieser Nacht zurück wollte, bereitete er ihr, durch solche Muttertreue gerührt, ein heißes, stärkendes Getränk und drang ihr auch einen Bissen Brod auf, während er seine Arbeit vollendete. <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0057"/> welche der Wolfsfährte offenbar folgten; erst vor wenigen Minuten mußte hier ein Mann den Bestien nachgegangen sein.</p><lb/> <p>Dieser unbewußte Gruß eines menschlichen Wesens mitten unter den Schrecken der Natur richtete ihren Geist auf. Bald senkte sich nun ihr Pfad, aber er wurde auch immer mühsamer, je tiefer sie kam, weil der Flugschnee vom ganzen Gebirg in die Thäler hinabwehte. Manchmal mußte sie durch knietiefe Massen sich Bahn brechen; immer langsamer drang ihr ermüdender Fuß vorwärts, und als sie endlich die bequeme Landstraße erreichte, die von Trier an der Hülchrather Kapelle vorbei nach Blankenheim führt, hörte sie in dem nun ganz nahen Städtchen schon die Mitternachtsstunde schlagen.</p><lb/> <p>Die Apotheke war erreicht; sie klingelte mehrmals an der verschlossenen Thüre, und nach einer Viertelstunde öffnete der Provisor. Das Recept fand sich vor, Paul hatte es richtig abgegeben und die Arznei erhalten. Indessen war der Provisor, sobald Margret berichtete, warum das Fläschchen nicht in ihre Hände gekommen, gerne willig, das Recept neu zu bereiten. Er zündete Feuer an und lud Margret ein, mit ins Laboratorium zu kommen und sich zu wärmen. Als er erfuhr, daß sie noch in dieser Nacht zurück wollte, bereitete er ihr, durch solche Muttertreue gerührt, ein heißes, stärkendes Getränk und drang ihr auch einen Bissen Brod auf, während er seine Arbeit vollendete.<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0057]
welche der Wolfsfährte offenbar folgten; erst vor wenigen Minuten mußte hier ein Mann den Bestien nachgegangen sein.
Dieser unbewußte Gruß eines menschlichen Wesens mitten unter den Schrecken der Natur richtete ihren Geist auf. Bald senkte sich nun ihr Pfad, aber er wurde auch immer mühsamer, je tiefer sie kam, weil der Flugschnee vom ganzen Gebirg in die Thäler hinabwehte. Manchmal mußte sie durch knietiefe Massen sich Bahn brechen; immer langsamer drang ihr ermüdender Fuß vorwärts, und als sie endlich die bequeme Landstraße erreichte, die von Trier an der Hülchrather Kapelle vorbei nach Blankenheim führt, hörte sie in dem nun ganz nahen Städtchen schon die Mitternachtsstunde schlagen.
Die Apotheke war erreicht; sie klingelte mehrmals an der verschlossenen Thüre, und nach einer Viertelstunde öffnete der Provisor. Das Recept fand sich vor, Paul hatte es richtig abgegeben und die Arznei erhalten. Indessen war der Provisor, sobald Margret berichtete, warum das Fläschchen nicht in ihre Hände gekommen, gerne willig, das Recept neu zu bereiten. Er zündete Feuer an und lud Margret ein, mit ins Laboratorium zu kommen und sich zu wärmen. Als er erfuhr, daß sie noch in dieser Nacht zurück wollte, bereitete er ihr, durch solche Muttertreue gerührt, ein heißes, stärkendes Getränk und drang ihr auch einen Bissen Brod auf, während er seine Arbeit vollendete.
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| Zitationshilfe: | Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kinkel_margret_1910/57>, abgerufen am 11.09.2024. |


