Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.Nikola's Schusse wirklich getroffen, nahe bei seinem Posten gestürzt sei. Ihr Junges war allein entwischt. Mit beflügeltem Fuß stürmte Margret den letzten Abhang zur Mühle herunter, schon sahen sie die brennende Lampe im Krankenzimmer; Nikola konnte kaum folgen. Margret klopfte heftig, die Tante öffnete. Du hättest den Gang nicht nöthig gehabt, sagte sie freundlich, dein Kind lebt und ist glücklich durch. Ich habe eben nachgefühlt, es sind ihm zwischen vorgestern und heute zwei Augenzähnchen durchgebrochen, die haben es so mitgenommen. Sieh hier. Margret schob die Tante bei Seite und sprang durch die Thür ins Gemach, da saß wieder mit hellen klaren Augen der kleine Junge im Bett und hielt sich, schwach wie er war, aber lustig, aufrecht, um der Mutter die Aermchen entgegenstrecken zu können. Das kleine Gesichtchen war noch blaß, aber die dunkelblaue Ader sah man schon nicht mehr. Jetzt schritt auch Nikola durch die Stubenthür, gebeugt und wie eines schweren Frevels schuldig. Er kniete an der Wiege nieder und sah seinem Kinde in das große schöne, blaue Auge, das ein so treuer Spiegel des seinigen war. Dann lehnte er sein Haupt an die Kniee der Mutter und sagte leise: Margret, ich habe gesündigt an dir vor Gottes Angesicht, und wäre dies keine Glücksstunde, ich dürfte ja nicht meine Augen aufschlagen zu dir. Jetzt aber habe ich erkannt, was für ein goldenes Herz du bist, und weiß, du kannst auch Nikola's Schusse wirklich getroffen, nahe bei seinem Posten gestürzt sei. Ihr Junges war allein entwischt. Mit beflügeltem Fuß stürmte Margret den letzten Abhang zur Mühle herunter, schon sahen sie die brennende Lampe im Krankenzimmer; Nikola konnte kaum folgen. Margret klopfte heftig, die Tante öffnete. Du hättest den Gang nicht nöthig gehabt, sagte sie freundlich, dein Kind lebt und ist glücklich durch. Ich habe eben nachgefühlt, es sind ihm zwischen vorgestern und heute zwei Augenzähnchen durchgebrochen, die haben es so mitgenommen. Sieh hier. Margret schob die Tante bei Seite und sprang durch die Thür ins Gemach, da saß wieder mit hellen klaren Augen der kleine Junge im Bett und hielt sich, schwach wie er war, aber lustig, aufrecht, um der Mutter die Aermchen entgegenstrecken zu können. Das kleine Gesichtchen war noch blaß, aber die dunkelblaue Ader sah man schon nicht mehr. Jetzt schritt auch Nikola durch die Stubenthür, gebeugt und wie eines schweren Frevels schuldig. Er kniete an der Wiege nieder und sah seinem Kinde in das große schöne, blaue Auge, das ein so treuer Spiegel des seinigen war. Dann lehnte er sein Haupt an die Kniee der Mutter und sagte leise: Margret, ich habe gesündigt an dir vor Gottes Angesicht, und wäre dies keine Glücksstunde, ich dürfte ja nicht meine Augen aufschlagen zu dir. Jetzt aber habe ich erkannt, was für ein goldenes Herz du bist, und weiß, du kannst auch <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0065"/> Nikola's Schusse wirklich getroffen, nahe bei seinem Posten gestürzt sei. Ihr Junges war allein entwischt. Mit beflügeltem Fuß stürmte Margret den letzten Abhang zur Mühle herunter, schon sahen sie die brennende Lampe im Krankenzimmer; Nikola konnte kaum folgen. Margret klopfte heftig, die Tante öffnete. Du hättest den Gang nicht nöthig gehabt, sagte sie freundlich, dein Kind lebt und ist glücklich durch. Ich habe eben nachgefühlt, es sind ihm zwischen vorgestern und heute zwei Augenzähnchen durchgebrochen, die haben es so mitgenommen. Sieh hier.</p><lb/> <p>Margret schob die Tante bei Seite und sprang durch die Thür ins Gemach, da saß wieder mit hellen klaren Augen der kleine Junge im Bett und hielt sich, schwach wie er war, aber lustig, aufrecht, um der Mutter die Aermchen entgegenstrecken zu können. Das kleine Gesichtchen war noch blaß, aber die dunkelblaue Ader sah man schon nicht mehr.</p><lb/> <p>Jetzt schritt auch Nikola durch die Stubenthür, gebeugt und wie eines schweren Frevels schuldig. Er kniete an der Wiege nieder und sah seinem Kinde in das große schöne, blaue Auge, das ein so treuer Spiegel des seinigen war. Dann lehnte er sein Haupt an die Kniee der Mutter und sagte leise: Margret, ich habe gesündigt an dir vor Gottes Angesicht, und wäre dies keine Glücksstunde, ich dürfte ja nicht meine Augen aufschlagen zu dir. Jetzt aber habe ich erkannt, was für ein goldenes Herz du bist, und weiß, du kannst auch<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0065]
Nikola's Schusse wirklich getroffen, nahe bei seinem Posten gestürzt sei. Ihr Junges war allein entwischt. Mit beflügeltem Fuß stürmte Margret den letzten Abhang zur Mühle herunter, schon sahen sie die brennende Lampe im Krankenzimmer; Nikola konnte kaum folgen. Margret klopfte heftig, die Tante öffnete. Du hättest den Gang nicht nöthig gehabt, sagte sie freundlich, dein Kind lebt und ist glücklich durch. Ich habe eben nachgefühlt, es sind ihm zwischen vorgestern und heute zwei Augenzähnchen durchgebrochen, die haben es so mitgenommen. Sieh hier.
Margret schob die Tante bei Seite und sprang durch die Thür ins Gemach, da saß wieder mit hellen klaren Augen der kleine Junge im Bett und hielt sich, schwach wie er war, aber lustig, aufrecht, um der Mutter die Aermchen entgegenstrecken zu können. Das kleine Gesichtchen war noch blaß, aber die dunkelblaue Ader sah man schon nicht mehr.
Jetzt schritt auch Nikola durch die Stubenthür, gebeugt und wie eines schweren Frevels schuldig. Er kniete an der Wiege nieder und sah seinem Kinde in das große schöne, blaue Auge, das ein so treuer Spiegel des seinigen war. Dann lehnte er sein Haupt an die Kniee der Mutter und sagte leise: Margret, ich habe gesündigt an dir vor Gottes Angesicht, und wäre dies keine Glücksstunde, ich dürfte ja nicht meine Augen aufschlagen zu dir. Jetzt aber habe ich erkannt, was für ein goldenes Herz du bist, und weiß, du kannst auch
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| Zitationshilfe: | Kinkel, Gottfried: Margret. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 4. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 199–262. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kinkel_margret_1910/65>, abgerufen am 11.09.2024. |


