Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756.

Bild:
<< vorherige Seite

Der Messias.

Unter allen Gerechten der Unschuldvollste, der sollte
Sterben, wie er! ... nicht sterben, wie er! so sanft nicht entschlummern!
Sollte, mit iedem Verbrechen der Kinder Adams belastet,
Von des Richters allmächtigen Zorne zerschmettert sterben!

Seth, der würdige Bruder des ersten unter den Todten,
Und der früh ein Prediger ward des künftigen Opfers,
Für die Sünde des Menschengeschlechts, wie sehr er dem Tode
Deß, dem zu büssen gesezt war, auch nachgesonnen, wie oft er
Jene Jahrtausende, die er gelebt, des Versönenden Ausgang
Hatte betrachtet; so war es doch alles ein schwaches Bild nur
Von dem, was er davon izt fühlte, gewesen. O Richter!
Richter! Richter von dem, was ist, und was war, und was seyn wird!
Bebte sein innerstes Herz, und seine stammelnde Zunge.
Und indem er es stammelte, wandt' er gen Himmel, zum Kreuz hin,
Auf die andern Erlösten, hinab zu den Gräbern, sein Antliz!
Lange schon war es dunkel um Davids Auge geworden;
Lange schon zittert' er hin und her. Seit Uriels Ankunft,
Zitterte David nicht mehr. Er stand, an die Erde geheftet,
Stand, und schaut' auf den, der dem Tode sich nahte. Sein Herz hing
Ganz an jenem Bilde von Jesu Tode, deß Gott ihn,
Es in seine Seele zu senken gewürdiget hatte.
Nur dieß dacht' er, nur dieß vermocht' er itzo zu denken.
Als ihm die Sprache zurückkam, entsanken des Heiligen Munde
Diese gebrochenen Worte. Die Thränen rannen ihm wieder.
Also jammert' er: Gott, sein Gott, du hast ihn verlassen!
Zu dir seufzt er! Allein ihm kömmt nicht Hülfe, nicht Hülfe!
Sohn, du bist ein Wurm, und kein Mensch! Die niedrigsten Sünder
Haben

Der Meſſias.

Unter allen Gerechten der Unſchuldvollſte, der ſollte
Sterben, wie er! … nicht ſterben, wie er! ſo ſanft nicht entſchlummern!
Sollte, mit iedem Verbrechen der Kinder Adams belaſtet,
Von des Richters allmaͤchtigen Zorne zerſchmettert ſterben!

Seth, der wuͤrdige Bruder des erſten unter den Todten,
Und der fruͤh ein Prediger ward des kuͤnftigen Opfers,
Fuͤr die Suͤnde des Menſchengeſchlechts, wie ſehr er dem Tode
Deß, dem zu buͤſſen geſezt war, auch nachgeſonnen, wie oft er
Jene Jahrtauſende, die er gelebt, des Verſoͤnenden Ausgang
Hatte betrachtet; ſo war es doch alles ein ſchwaches Bild nur
Von dem, was er davon izt fuͤhlte, geweſen. O Richter!
Richter! Richter von dem, was iſt, und was war, und was ſeyn wird!
Bebte ſein innerſtes Herz, und ſeine ſtammelnde Zunge.
Und indem er es ſtammelte, wandt’ er gen Himmel, zum Kreuz hin,
Auf die andern Erloͤſten, hinab zu den Graͤbern, ſein Antliz!
Lange ſchon war es dunkel um Davids Auge geworden;
Lange ſchon zittert’ er hin und her. Seit Uriels Ankunft,
Zitterte David nicht mehr. Er ſtand, an die Erde geheftet,
Stand, und ſchaut’ auf den, der dem Tode ſich nahte. Sein Herz hing
Ganz an jenem Bilde von Jeſu Tode, deß Gott ihn,
Es in ſeine Seele zu ſenken gewuͤrdiget hatte.
Nur dieß dacht’ er, nur dieß vermocht’ er itzo zu denken.
Als ihm die Sprache zuruͤckkam, entſanken des Heiligen Munde
Dieſe gebrochenen Worte. Die Thraͤnen rannen ihm wieder.
Alſo jammert’ er: Gott, ſein Gott, du haſt ihn verlaſſen!
Zu dir ſeufzt er! Allein ihm koͤmmt nicht Huͤlfe, nicht Huͤlfe!
Sohn, du biſt ein Wurm, und kein Menſch! Die niedrigſten Suͤnder
Haben
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <lg n="59">
              <l>
                <pb facs="#f0178" n="148"/>
                <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Der Me&#x017F;&#x017F;ias.</hi> </fw>
              </l><lb/>
              <l>Unter allen Gerechten der Un&#x017F;chuldvoll&#x017F;te, der &#x017F;ollte</l><lb/>
              <l>Sterben, wie er! &#x2026; nicht &#x017F;terben, wie er! &#x017F;o &#x017F;anft nicht ent&#x017F;chlummern!</l><lb/>
              <l>Sollte, mit iedem Verbrechen der Kinder Adams bela&#x017F;tet,</l><lb/>
              <l>Von des Richters allma&#x0364;chtigen Zorne zer&#x017F;chmettert &#x017F;terben!</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="60">
              <l>Seth, der wu&#x0364;rdige Bruder des er&#x017F;ten unter den Todten,</l><lb/>
              <l>Und der fru&#x0364;h ein Prediger ward des ku&#x0364;nftigen Opfers,</l><lb/>
              <l>Fu&#x0364;r die Su&#x0364;nde des Men&#x017F;chenge&#x017F;chlechts, wie &#x017F;ehr er dem Tode</l><lb/>
              <l>Deß, dem zu bu&#x0364;&#x017F;&#x017F;en ge&#x017F;ezt war, auch nachge&#x017F;onnen, wie oft er</l><lb/>
              <l>Jene Jahrtau&#x017F;ende, die er gelebt, des Ver&#x017F;o&#x0364;nenden Ausgang</l><lb/>
              <l>Hatte betrachtet; &#x017F;o war es doch alles ein &#x017F;chwaches Bild nur</l><lb/>
              <l>Von dem, was er davon izt fu&#x0364;hlte, gewe&#x017F;en. O Richter!</l><lb/>
              <l>Richter! Richter von dem, was i&#x017F;t, und was war, und was &#x017F;eyn wird!</l><lb/>
              <l>Bebte &#x017F;ein inner&#x017F;tes Herz, und &#x017F;eine &#x017F;tammelnde Zunge.</l><lb/>
              <l>Und indem er es &#x017F;tammelte, wandt&#x2019; er gen Himmel, zum Kreuz hin,</l><lb/>
              <l>Auf die andern Erlo&#x0364;&#x017F;ten, hinab zu den Gra&#x0364;bern, &#x017F;ein Antliz!</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="61">
              <l>Lange &#x017F;chon war es dunkel um Davids Auge geworden;</l><lb/>
              <l>Lange &#x017F;chon zittert&#x2019; er hin und her. Seit Uriels Ankunft,</l><lb/>
              <l>Zitterte David nicht mehr. Er &#x017F;tand, an die Erde geheftet,</l><lb/>
              <l>Stand, und &#x017F;chaut&#x2019; auf den, der dem Tode &#x017F;ich nahte. Sein Herz hing</l><lb/>
              <l>Ganz an jenem Bilde von Je&#x017F;u Tode, deß Gott ihn,</l><lb/>
              <l>Es in &#x017F;eine Seele zu &#x017F;enken gewu&#x0364;rdiget hatte.</l><lb/>
              <l>Nur dieß dacht&#x2019; er, nur dieß vermocht&#x2019; er itzo zu denken.</l><lb/>
              <l>Als ihm die Sprache zuru&#x0364;ckkam, ent&#x017F;anken des Heiligen Munde</l><lb/>
              <l>Die&#x017F;e gebrochenen Worte. Die Thra&#x0364;nen rannen ihm wieder.</l><lb/>
              <l>Al&#x017F;o jammert&#x2019; er: Gott, &#x017F;ein Gott, du ha&#x017F;t ihn verla&#x017F;&#x017F;en!</l><lb/>
              <l>Zu dir &#x017F;eufzt er! Allein ihm ko&#x0364;mmt nicht Hu&#x0364;lfe, nicht Hu&#x0364;lfe!</l><lb/>
              <l>Sohn, du bi&#x017F;t ein Wurm, und kein Men&#x017F;ch! Die niedrig&#x017F;ten Su&#x0364;nder<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Haben</fw><lb/></l>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[148/0178] Der Meſſias. Unter allen Gerechten der Unſchuldvollſte, der ſollte Sterben, wie er! … nicht ſterben, wie er! ſo ſanft nicht entſchlummern! Sollte, mit iedem Verbrechen der Kinder Adams belaſtet, Von des Richters allmaͤchtigen Zorne zerſchmettert ſterben! Seth, der wuͤrdige Bruder des erſten unter den Todten, Und der fruͤh ein Prediger ward des kuͤnftigen Opfers, Fuͤr die Suͤnde des Menſchengeſchlechts, wie ſehr er dem Tode Deß, dem zu buͤſſen geſezt war, auch nachgeſonnen, wie oft er Jene Jahrtauſende, die er gelebt, des Verſoͤnenden Ausgang Hatte betrachtet; ſo war es doch alles ein ſchwaches Bild nur Von dem, was er davon izt fuͤhlte, geweſen. O Richter! Richter! Richter von dem, was iſt, und was war, und was ſeyn wird! Bebte ſein innerſtes Herz, und ſeine ſtammelnde Zunge. Und indem er es ſtammelte, wandt’ er gen Himmel, zum Kreuz hin, Auf die andern Erloͤſten, hinab zu den Graͤbern, ſein Antliz! Lange ſchon war es dunkel um Davids Auge geworden; Lange ſchon zittert’ er hin und her. Seit Uriels Ankunft, Zitterte David nicht mehr. Er ſtand, an die Erde geheftet, Stand, und ſchaut’ auf den, der dem Tode ſich nahte. Sein Herz hing Ganz an jenem Bilde von Jeſu Tode, deß Gott ihn, Es in ſeine Seele zu ſenken gewuͤrdiget hatte. Nur dieß dacht’ er, nur dieß vermocht’ er itzo zu denken. Als ihm die Sprache zuruͤckkam, entſanken des Heiligen Munde Dieſe gebrochenen Worte. Die Thraͤnen rannen ihm wieder. Alſo jammert’ er: Gott, ſein Gott, du haſt ihn verlaſſen! Zu dir ſeufzt er! Allein ihm koͤmmt nicht Huͤlfe, nicht Huͤlfe! Sohn, du biſt ein Wurm, und kein Menſch! Die niedrigſten Suͤnder Haben

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/178
Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756, S. 148. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/178>, abgerufen am 12.04.2021.