Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756.

Bild:
<< vorherige Seite

Der Messias.

Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn Gott einst aufschuf:
Aber in der sein Gebein, des Gerichteten, in der verfluchten,
Auch verwest war; in der, von einem Jahrhundert zum andern,
Schon so oft das ganze Geschlecht der Menschen verwest war!
Jzt erhub er im lauten Gebete die flehende Stimme,
Daß sie die Väter umher und die Engel alle vernahmen.

Herr! Herr! Gott! barmherzig, und gnädig, und treu, und geduldig!
Gott, Verzeiher der Missethat, Uebertretung, und Sünde!
Du, der für uns vom Anbeginne der Welten erwürgt ist,
Hoherpriester! Prophet! und König! du Menschensohn! höre,
Höre von deinem blutigen Altar, auf dem du erwürgt wirst,
Unser tiefes Gebet, das von deinem Grabe zu dir fleht!
Unsre Missethat hat Gott uns vergeben. Wir schauen
Nun Jahrtausende schon, von Antliz zu Antliz, die Gottheit!
Einer Seligkeit voll, die wir jenseits am Grabe vergebens,
Auch mit den reinsten Gedanken vom Schöpfer, rangen zu denken,
Schauen wir Gott! Denn es ward, uns ward die Sünde vergeben!
Um des Todes willen, der dich, geschlachtetes Opfer
Für die Verbrechen! Erbarmender, dich izt tödtet, vergeben!
Aber an diesem Tage der zweyten Schöpfung, an dem du
Mittler, das ganze Menschengeschlecht zum Anschaun des Vaters,
Wenn sie nicht widerstreben, zurückführst! alle versönest!
Aller Sünde vernichtest, und sie, der Strafe der Sünde,
Jenem gefürchteten ewigen Tod, allmächtig entreissest!
An dem Tage, da du, für mich auch, Gott Mittler, dich opferst:
Darf ich mich meiner Sünde, mit stiller Wehmut, erinnern!
Nicht, daß ich wähne, du werdest noch einmal mit mir ins Gericht gehn;
Du Erbarmer, wie könnt' ich, der Gottes Antliz geschaut hat!
Und für welchen du izt zum Allerheiligsten eingehst!
Dennoch laß es noch Einmal vor dir, mein Gott, mich bekennen,
Wer

Der Meſſias.

Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn Gott einſt aufſchuf:
Aber in der ſein Gebein, des Gerichteten, in der verfluchten,
Auch verweſt war; in der, von einem Jahrhundert zum andern,
Schon ſo oft das ganze Geſchlecht der Menſchen verweſt war!
Jzt erhub er im lauten Gebete die flehende Stimme,
Daß ſie die Vaͤter umher und die Engel alle vernahmen.

Herr! Herr! Gott! barmherzig, und gnaͤdig, und treu, und geduldig!
Gott, Verzeiher der Miſſethat, Uebertretung, und Suͤnde!
Du, der fuͤr uns vom Anbeginne der Welten erwuͤrgt iſt,
Hoherprieſter! Prophet! und Koͤnig! du Menſchenſohn! hoͤre,
Hoͤre von deinem blutigen Altar, auf dem du erwuͤrgt wirſt,
Unſer tiefes Gebet, das von deinem Grabe zu dir fleht!
Unſre Miſſethat hat Gott uns vergeben. Wir ſchauen
Nun Jahrtauſende ſchon, von Antliz zu Antliz, die Gottheit!
Einer Seligkeit voll, die wir jenſeits am Grabe vergebens,
Auch mit den reinſten Gedanken vom Schoͤpfer, rangen zu denken,
Schauen wir Gott! Denn es ward, uns ward die Suͤnde vergeben!
Um des Todes willen, der dich, geſchlachtetes Opfer
Fuͤr die Verbrechen! Erbarmender, dich izt toͤdtet, vergeben!
Aber an dieſem Tage der zweyten Schoͤpfung, an dem du
Mittler, das ganze Menſchengeſchlecht zum Anſchaun des Vaters,
Wenn ſie nicht widerſtreben, zuruͤckfuͤhrſt! alle verſoͤneſt!
Aller Suͤnde vernichteſt, und ſie, der Strafe der Suͤnde,
Jenem gefuͤrchteten ewigen Tod, allmaͤchtig entreiſſeſt!
An dem Tage, da du, fuͤr mich auch, Gott Mittler, dich opferſt:
Darf ich mich meiner Suͤnde, mit ſtiller Wehmut, erinnern!
Nicht, daß ich waͤhne, du werdeſt noch einmal mit mir ins Gericht gehn;
Du Erbarmer, wie koͤnnt’ ich, der Gottes Antliz geſchaut hat!
Und fuͤr welchen du izt zum Allerheiligſten eingehſt!
Dennoch laß es noch Einmal vor dir, mein Gott, mich bekennen,
Wer
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <lg n="65">
              <l>
                <pb facs="#f0182" n="152"/>
                <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Der Me&#x017F;&#x017F;ias.</hi> </fw>
              </l><lb/>
              <l>Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn Gott ein&#x017F;t auf&#x017F;chuf:</l><lb/>
              <l>Aber in der &#x017F;ein Gebein, des Gerichteten, in der verfluchten,</l><lb/>
              <l>Auch verwe&#x017F;t war; in der, von einem Jahrhundert zum andern,</l><lb/>
              <l>Schon &#x017F;o oft das ganze Ge&#x017F;chlecht der Men&#x017F;chen verwe&#x017F;t war!</l><lb/>
              <l>Jzt erhub er im lauten Gebete die flehende Stimme,</l><lb/>
              <l>Daß &#x017F;ie die Va&#x0364;ter umher und die Engel alle vernahmen.</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="66">
              <l>Herr! Herr! Gott! barmherzig, und gna&#x0364;dig, und treu, und geduldig!</l><lb/>
              <l>Gott, Verzeiher der Mi&#x017F;&#x017F;ethat, Uebertretung, und Su&#x0364;nde!</l><lb/>
              <l>Du, der fu&#x0364;r uns vom Anbeginne der Welten erwu&#x0364;rgt i&#x017F;t,</l><lb/>
              <l>Hoherprie&#x017F;ter! Prophet! und Ko&#x0364;nig! du Men&#x017F;chen&#x017F;ohn! ho&#x0364;re,</l><lb/>
              <l>Ho&#x0364;re von deinem blutigen Altar, auf dem du erwu&#x0364;rgt wir&#x017F;t,</l><lb/>
              <l>Un&#x017F;er tiefes Gebet, das von deinem Grabe zu dir fleht!</l><lb/>
              <l>Un&#x017F;re Mi&#x017F;&#x017F;ethat hat Gott uns vergeben. Wir &#x017F;chauen</l><lb/>
              <l>Nun Jahrtau&#x017F;ende &#x017F;chon, von Antliz zu Antliz, die Gottheit!</l><lb/>
              <l>Einer Seligkeit voll, die wir jen&#x017F;eits am Grabe vergebens,</l><lb/>
              <l>Auch mit den rein&#x017F;ten Gedanken vom Scho&#x0364;pfer, rangen zu denken,</l><lb/>
              <l>Schauen wir Gott! Denn es ward, uns ward die Su&#x0364;nde vergeben!</l><lb/>
              <l>Um des Todes willen, der dich, ge&#x017F;chlachtetes Opfer</l><lb/>
              <l>Fu&#x0364;r die Verbrechen! Erbarmender, dich izt to&#x0364;dtet, vergeben!</l><lb/>
              <l>Aber an die&#x017F;em Tage der zweyten Scho&#x0364;pfung, an dem du</l><lb/>
              <l>Mittler, das ganze Men&#x017F;chenge&#x017F;chlecht zum An&#x017F;chaun des Vaters,</l><lb/>
              <l>Wenn &#x017F;ie nicht wider&#x017F;treben, zuru&#x0364;ckfu&#x0364;hr&#x017F;t! alle ver&#x017F;o&#x0364;ne&#x017F;t!</l><lb/>
              <l>Aller Su&#x0364;nde vernichte&#x017F;t, und &#x017F;ie, der Strafe der Su&#x0364;nde,</l><lb/>
              <l>Jenem gefu&#x0364;rchteten ewigen Tod, allma&#x0364;chtig entrei&#x017F;&#x017F;e&#x017F;t!</l><lb/>
              <l>An dem Tage, da du, fu&#x0364;r mich auch, Gott Mittler, dich opfer&#x017F;t:</l><lb/>
              <l>Darf ich mich meiner Su&#x0364;nde, mit &#x017F;tiller Wehmut, erinnern!</l><lb/>
              <l>Nicht, daß ich wa&#x0364;hne, du werde&#x017F;t noch einmal mit mir ins Gericht gehn;</l><lb/>
              <l>Du Erbarmer, wie ko&#x0364;nnt&#x2019; ich, der Gottes Antliz ge&#x017F;chaut hat!</l><lb/>
              <l>Und fu&#x0364;r welchen du izt zum Allerheilig&#x017F;ten eingeh&#x017F;t!</l><lb/>
              <l>Dennoch laß es noch Einmal vor dir, mein Gott, mich bekennen,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Wer</fw><lb/></l>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[152/0182] Der Meſſias. Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn Gott einſt aufſchuf: Aber in der ſein Gebein, des Gerichteten, in der verfluchten, Auch verweſt war; in der, von einem Jahrhundert zum andern, Schon ſo oft das ganze Geſchlecht der Menſchen verweſt war! Jzt erhub er im lauten Gebete die flehende Stimme, Daß ſie die Vaͤter umher und die Engel alle vernahmen. Herr! Herr! Gott! barmherzig, und gnaͤdig, und treu, und geduldig! Gott, Verzeiher der Miſſethat, Uebertretung, und Suͤnde! Du, der fuͤr uns vom Anbeginne der Welten erwuͤrgt iſt, Hoherprieſter! Prophet! und Koͤnig! du Menſchenſohn! hoͤre, Hoͤre von deinem blutigen Altar, auf dem du erwuͤrgt wirſt, Unſer tiefes Gebet, das von deinem Grabe zu dir fleht! Unſre Miſſethat hat Gott uns vergeben. Wir ſchauen Nun Jahrtauſende ſchon, von Antliz zu Antliz, die Gottheit! Einer Seligkeit voll, die wir jenſeits am Grabe vergebens, Auch mit den reinſten Gedanken vom Schoͤpfer, rangen zu denken, Schauen wir Gott! Denn es ward, uns ward die Suͤnde vergeben! Um des Todes willen, der dich, geſchlachtetes Opfer Fuͤr die Verbrechen! Erbarmender, dich izt toͤdtet, vergeben! Aber an dieſem Tage der zweyten Schoͤpfung, an dem du Mittler, das ganze Menſchengeſchlecht zum Anſchaun des Vaters, Wenn ſie nicht widerſtreben, zuruͤckfuͤhrſt! alle verſoͤneſt! Aller Suͤnde vernichteſt, und ſie, der Strafe der Suͤnde, Jenem gefuͤrchteten ewigen Tod, allmaͤchtig entreiſſeſt! An dem Tage, da du, fuͤr mich auch, Gott Mittler, dich opferſt: Darf ich mich meiner Suͤnde, mit ſtiller Wehmut, erinnern! Nicht, daß ich waͤhne, du werdeſt noch einmal mit mir ins Gericht gehn; Du Erbarmer, wie koͤnnt’ ich, der Gottes Antliz geſchaut hat! Und fuͤr welchen du izt zum Allerheiligſten eingehſt! Dennoch laß es noch Einmal vor dir, mein Gott, mich bekennen, Wer

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/182
Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756, S. 152. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/182>, abgerufen am 22.04.2021.