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[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756.

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Sechster Gesang.

Ueber andre Sünder erhöht sind! Jch bin ja im Tempel
Jmmer um euch gewesen! Jch hab euch, die Wege des Lebens
Und des Todes gelehrt; und ihr ließt ruhig mich lehren!
Aber eure Stund ist gekommen, der Finsterniß Werke
Zu vollenden! ... Er schwieg, und war am Bache der Cedern.

Unterdeß stand im hohen Palast der Priester Versammlung
Wie auf Wogen der zweifelnden Hofnung. Jhr sorgendes Murmeln
Stieg von der Höhe des innersten Saals, die Marmorgelender
Zum vielhörenden Ohre des fürchtenden Pöbels hinunter.
Und der staunte mit starrendem Blick: sprach von dem Propheten
Zitterndes Lob, und stammelnde Flüche; vergaß der Bewundrung
Und der goldnen Leuchter, die, von den Säulen her, flammten.
Aber die Priester besprachen sich unter einander! Die Boten
Kommen noch nicht! Wo bleiben die Boten? Vielleicht, daß sie Judas
Und den Haufen verfehlten? Vielleicht wird der schwarze Verräther
Auch zum Verräther an uns? Ach, vielleicht verleitet, wie vormals,
Durch ein schreckendes Blendwerk der Nazaräer die Männer!
Also besprachen sie sich. Da kam ein Bote! Die Haare
Flogen ihm, und die Wange war bleich. Erkaltender Schweiß lief
Ueber sein Antliz. Er rang die bebenden Hände. So sprach er:
Hoherpriester! wir kamen dahin, und fanden ihn endlich
Ueber dem Bache, nicht fern von den Gräbern. Die graunvollen Gräber
Schreckten uns nicht; allein es hingen schwärzere Wolken,
Als ein Mensch ie gesehn hat, am ganzen Himmel herunter.
Und doch drangen die Männer hinein. Jch blieb in der Ferne.
Aber ich sah den Propheten! Da liefen (ich kanns nicht erzählen,
Wie es geschah,) da liefen mir Schauer durch alle Gebeine!
Doch
A 4

Sechſter Geſang.

Ueber andre Suͤnder erhoͤht ſind! Jch bin ja im Tempel
Jmmer um euch geweſen! Jch hab euch, die Wege des Lebens
Und des Todes gelehrt; und ihr ließt ruhig mich lehren!
Aber eure Stund iſt gekommen, der Finſterniß Werke
Zu vollenden! … Er ſchwieg, und war am Bache der Cedern.

Unterdeß ſtand im hohen Palaſt der Prieſter Verſammlung
Wie auf Wogen der zweifelnden Hofnung. Jhr ſorgendes Murmeln
Stieg von der Hoͤhe des innerſten Saals, die Marmorgelender
Zum vielhoͤrenden Ohre des fuͤrchtenden Poͤbels hinunter.
Und der ſtaunte mit ſtarrendem Blick: ſprach von dem Propheten
Zitterndes Lob, und ſtammelnde Fluͤche; vergaß der Bewundrung
Und der goldnen Leuchter, die, von den Saͤulen her, flammten.
Aber die Prieſter beſprachen ſich unter einander! Die Boten
Kommen noch nicht! Wo bleiben die Boten? Vielleicht, daß ſie Judas
Und den Haufen verfehlten? Vielleicht wird der ſchwarze Verraͤther
Auch zum Verraͤther an uns? Ach, vielleicht verleitet, wie vormals,
Durch ein ſchreckendes Blendwerk der Nazaraͤer die Maͤnner!
Alſo beſprachen ſie ſich. Da kam ein Bote! Die Haare
Flogen ihm, und die Wange war bleich. Erkaltender Schweiß lief
Ueber ſein Antliz. Er rang die bebenden Haͤnde. So ſprach er:
Hoherprieſter! wir kamen dahin, und fanden ihn endlich
Ueber dem Bache, nicht fern von den Graͤbern. Die graunvollen Graͤber
Schreckten uns nicht; allein es hingen ſchwaͤrzere Wolken,
Als ein Menſch ie geſehn hat, am ganzen Himmel herunter.
Und doch drangen die Maͤnner hinein. Jch blieb in der Ferne.
Aber ich ſah den Propheten! Da liefen (ich kanns nicht erzaͤhlen,
Wie es geſchah,) da liefen mir Schauer durch alle Gebeine!
Doch
A 4
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[7/0029] Sechſter Geſang. Ueber andre Suͤnder erhoͤht ſind! Jch bin ja im Tempel Jmmer um euch geweſen! Jch hab euch, die Wege des Lebens Und des Todes gelehrt; und ihr ließt ruhig mich lehren! Aber eure Stund iſt gekommen, der Finſterniß Werke Zu vollenden! … Er ſchwieg, und war am Bache der Cedern. Unterdeß ſtand im hohen Palaſt der Prieſter Verſammlung Wie auf Wogen der zweifelnden Hofnung. Jhr ſorgendes Murmeln Stieg von der Hoͤhe des innerſten Saals, die Marmorgelender Zum vielhoͤrenden Ohre des fuͤrchtenden Poͤbels hinunter. Und der ſtaunte mit ſtarrendem Blick: ſprach von dem Propheten Zitterndes Lob, und ſtammelnde Fluͤche; vergaß der Bewundrung Und der goldnen Leuchter, die, von den Saͤulen her, flammten. Aber die Prieſter beſprachen ſich unter einander! Die Boten Kommen noch nicht! Wo bleiben die Boten? Vielleicht, daß ſie Judas Und den Haufen verfehlten? Vielleicht wird der ſchwarze Verraͤther Auch zum Verraͤther an uns? Ach, vielleicht verleitet, wie vormals, Durch ein ſchreckendes Blendwerk der Nazaraͤer die Maͤnner! Alſo beſprachen ſie ſich. Da kam ein Bote! Die Haare Flogen ihm, und die Wange war bleich. Erkaltender Schweiß lief Ueber ſein Antliz. Er rang die bebenden Haͤnde. So ſprach er: Hoherprieſter! wir kamen dahin, und fanden ihn endlich Ueber dem Bache, nicht fern von den Graͤbern. Die graunvollen Graͤber Schreckten uns nicht; allein es hingen ſchwaͤrzere Wolken, Als ein Menſch ie geſehn hat, am ganzen Himmel herunter. Und doch drangen die Maͤnner hinein. Jch blieb in der Ferne. Aber ich ſah den Propheten! Da liefen (ich kanns nicht erzaͤhlen, Wie es geſchah,) da liefen mir Schauer durch alle Gebeine! Doch A 4

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Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/29>, abgerufen am 17.09.2021.