Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756.

Bild:
<< vorherige Seite

Der Messias.

Selbst zum Gotte gemacht, du, der in der Krippe geweint hat!
Schläfer wektest du auf, und keine Todte! Doch Mütter,
Selbst die Mütter und Schwestern, die sahn die Sterbenden sterben!
Auf, bald trift die Reih dich! Erwecke dich selber! doch werden
Männer im Tode dich sehn! Der soll so leise nicht schlafen.
Lieg dann bey den Erwürgten, die Gott verworfen hat! Schlaf dort,
Dort den eisernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne
Und der wandelnde Mond den Dampf der Verwesungen auftrinkt,
Bis der Tod reift, und von Gebeinen Golgatha weiß wird!
Also liege! ja, so! Und, ist noch irgend ein größrer,
Heisserer Fluch, der siebenfältig Verwünschungen hinströmt,
Den die Mitternacht hört, der Gräber Heulen mit ausspricht,
Dieser treffe ... Hier starrte die schwellende Lippe dem Lästrer,
Und, sein Antliz herunter, ergoß sich Todesblässe.
Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Flüche
Schrecklichsten auszusprechen begann, und umsonst sein Gewissen
Jhm empor schlug, er nun selbst nicht den Allmächtigen scheute,
Wandt' ein Todesengel, (der war sein Engel,) er wandte
Seinen Blick, den Verderber, auf Philo, und trat vor den Sünder:

O der Fluch, den du fluchst, der wird dich selber ergreifen,
Du entsezlicher Mann! Jch hebe mein Auge zu Gott auf,
Zum Vergelter mein flammendes Schwert, und schwöre den Tod dir!
Soll ich ihn izt, Allmächtiger, schlagen? Noch nicht! doch die dunkle,
Schwarze, blutende Stunde, die Todesstunde beflügelt
Jhren kommenden Schritt! Bald wird sie dastehn! Jch schwöre
Wie ihn jemals ein Sterblicher starb, den furchtbarsten Tod dir,
Du

Der Meſſias.

Selbſt zum Gotte gemacht, du, der in der Krippe geweint hat!
Schlaͤfer wekteſt du auf, und keine Todte! Doch Muͤtter,
Selbſt die Muͤtter und Schweſtern, die ſahn die Sterbenden ſterben!
Auf, bald trift die Reih dich! Erwecke dich ſelber! doch werden
Maͤnner im Tode dich ſehn! Der ſoll ſo leiſe nicht ſchlafen.
Lieg dann bey den Erwuͤrgten, die Gott verworfen hat! Schlaf dort,
Dort den eiſernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne
Und der wandelnde Mond den Dampf der Verweſungen auftrinkt,
Bis der Tod reift, und von Gebeinen Golgatha weiß wird!
Alſo liege! ja, ſo! Und, iſt noch irgend ein groͤßrer,
Heiſſerer Fluch, der ſiebenfaͤltig Verwuͤnſchungen hinſtroͤmt,
Den die Mitternacht hoͤrt, der Graͤber Heulen mit ausſpricht,
Dieſer treffe … Hier ſtarrte die ſchwellende Lippe dem Laͤſtrer,
Und, ſein Antliz herunter, ergoß ſich Todesblaͤſſe.
Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Fluͤche
Schrecklichſten auszuſprechen begann, und umſonſt ſein Gewiſſen
Jhm empor ſchlug, er nun ſelbſt nicht den Allmaͤchtigen ſcheute,
Wandt’ ein Todesengel, (der war ſein Engel,) er wandte
Seinen Blick, den Verderber, auf Philo, und trat vor den Suͤnder:

O der Fluch, den du fluchſt, der wird dich ſelber ergreifen,
Du entſezlicher Mann! Jch hebe mein Auge zu Gott auf,
Zum Vergelter mein flammendes Schwert, und ſchwoͤre den Tod dir!
Soll ich ihn izt, Allmaͤchtiger, ſchlagen? Noch nicht! doch die dunkle,
Schwarze, blutende Stunde, die Todesſtunde befluͤgelt
Jhren kommenden Schritt! Bald wird ſie daſtehn! Jch ſchwoͤre
Wie ihn jemals ein Sterblicher ſtarb, den furchtbarſten Tod dir,
Du
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <lg type="poem">
            <lg n="17">
              <l>
                <pb facs="#f0036" n="14"/>
                <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">Der Me&#x017F;&#x017F;ias.</hi> </fw>
              </l><lb/>
              <l>Selb&#x017F;t zum Gotte gemacht, du, der in der Krippe geweint hat!</l><lb/>
              <l>Schla&#x0364;fer wekte&#x017F;t du auf, und keine Todte! Doch Mu&#x0364;tter,</l><lb/>
              <l>Selb&#x017F;t die Mu&#x0364;tter und Schwe&#x017F;tern, die &#x017F;ahn die Sterbenden &#x017F;terben!</l><lb/>
              <l>Auf, bald trift die Reih dich! Erwecke dich &#x017F;elber! doch werden</l><lb/>
              <l>Ma&#x0364;nner im Tode dich &#x017F;ehn! Der &#x017F;oll &#x017F;o lei&#x017F;e nicht &#x017F;chlafen.</l><lb/>
              <l>Lieg dann bey den Erwu&#x0364;rgten, die Gott verworfen hat! Schlaf dort,</l><lb/>
              <l>Dort den ei&#x017F;ernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne</l><lb/>
              <l>Und der wandelnde Mond den Dampf der Verwe&#x017F;ungen auftrinkt,</l><lb/>
              <l>Bis der Tod reift, und von Gebeinen Golgatha weiß wird!</l><lb/>
              <l>Al&#x017F;o liege! ja, &#x017F;o! Und, i&#x017F;t noch irgend ein gro&#x0364;ßrer,</l><lb/>
              <l>Hei&#x017F;&#x017F;erer Fluch, der &#x017F;iebenfa&#x0364;ltig Verwu&#x0364;n&#x017F;chungen hin&#x017F;tro&#x0364;mt,</l><lb/>
              <l>Den die Mitternacht ho&#x0364;rt, der Gra&#x0364;ber Heulen mit aus&#x017F;pricht,</l><lb/>
              <l>Die&#x017F;er treffe &#x2026; Hier &#x017F;tarrte die &#x017F;chwellende Lippe dem La&#x0364;&#x017F;trer,</l><lb/>
              <l>Und, &#x017F;ein Antliz herunter, ergoß &#x017F;ich Todesbla&#x0364;&#x017F;&#x017F;e.</l><lb/>
              <l>Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Flu&#x0364;che</l><lb/>
              <l>Schrecklich&#x017F;ten auszu&#x017F;prechen begann, und um&#x017F;on&#x017F;t &#x017F;ein Gewi&#x017F;&#x017F;en</l><lb/>
              <l>Jhm empor &#x017F;chlug, er nun &#x017F;elb&#x017F;t nicht den Allma&#x0364;chtigen &#x017F;cheute,</l><lb/>
              <l>Wandt&#x2019; ein Todesengel, (der war &#x017F;ein Engel,) er wandte</l><lb/>
              <l>Seinen Blick, den Verderber, auf Philo, und trat vor den Su&#x0364;nder:</l>
            </lg><lb/>
            <lg n="18">
              <l>O der Fluch, den du fluch&#x017F;t, der wird dich &#x017F;elber ergreifen,</l><lb/>
              <l>Du ent&#x017F;ezlicher Mann! Jch hebe mein Auge zu Gott auf,</l><lb/>
              <l>Zum Vergelter mein flammendes Schwert, und &#x017F;chwo&#x0364;re den Tod dir!</l><lb/>
              <l>Soll ich ihn izt, Allma&#x0364;chtiger, &#x017F;chlagen? Noch nicht! doch die dunkle,</l><lb/>
              <l>Schwarze, blutende Stunde, die Todes&#x017F;tunde beflu&#x0364;gelt</l><lb/>
              <l>Jhren kommenden Schritt! Bald wird &#x017F;ie da&#x017F;tehn! Jch &#x017F;chwo&#x0364;re</l><lb/>
              <l>Wie ihn jemals ein Sterblicher &#x017F;tarb, den furchtbar&#x017F;ten Tod dir,<lb/>
<fw place="bottom" type="catch">Du</fw><lb/></l>
            </lg>
          </lg>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[14/0036] Der Meſſias. Selbſt zum Gotte gemacht, du, der in der Krippe geweint hat! Schlaͤfer wekteſt du auf, und keine Todte! Doch Muͤtter, Selbſt die Muͤtter und Schweſtern, die ſahn die Sterbenden ſterben! Auf, bald trift die Reih dich! Erwecke dich ſelber! doch werden Maͤnner im Tode dich ſehn! Der ſoll ſo leiſe nicht ſchlafen. Lieg dann bey den Erwuͤrgten, die Gott verworfen hat! Schlaf dort, Dort den eiſernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne Und der wandelnde Mond den Dampf der Verweſungen auftrinkt, Bis der Tod reift, und von Gebeinen Golgatha weiß wird! Alſo liege! ja, ſo! Und, iſt noch irgend ein groͤßrer, Heiſſerer Fluch, der ſiebenfaͤltig Verwuͤnſchungen hinſtroͤmt, Den die Mitternacht hoͤrt, der Graͤber Heulen mit ausſpricht, Dieſer treffe … Hier ſtarrte die ſchwellende Lippe dem Laͤſtrer, Und, ſein Antliz herunter, ergoß ſich Todesblaͤſſe. Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Fluͤche Schrecklichſten auszuſprechen begann, und umſonſt ſein Gewiſſen Jhm empor ſchlug, er nun ſelbſt nicht den Allmaͤchtigen ſcheute, Wandt’ ein Todesengel, (der war ſein Engel,) er wandte Seinen Blick, den Verderber, auf Philo, und trat vor den Suͤnder: O der Fluch, den du fluchſt, der wird dich ſelber ergreifen, Du entſezlicher Mann! Jch hebe mein Auge zu Gott auf, Zum Vergelter mein flammendes Schwert, und ſchwoͤre den Tod dir! Soll ich ihn izt, Allmaͤchtiger, ſchlagen? Noch nicht! doch die dunkle, Schwarze, blutende Stunde, die Todesſtunde befluͤgelt Jhren kommenden Schritt! Bald wird ſie daſtehn! Jch ſchwoͤre Wie ihn jemals ein Sterblicher ſtarb, den furchtbarſten Tod dir, Du

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/36
Zitationshilfe: [Klopstock, Friedrich Gottlieb]: Der Messias. Bd. 2. Halle, 1756, S. 14. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias02_1756/36>, abgerufen am 18.09.2021.