Floß mit ihnen unzählbar, wie Wogen des kommenden Weltmeers Gegen den Fus vorgebirgter Gestade, zum Sitze des Sa- tans. Tausend geistige Völker erschienen. Sie giengen und sangen Eigene Thaten, zur Schmach und unsterblichen Schande verdammet. Unterm Getöse vom Donner gerührter entheiligter Har- fen Sangen sie. So rauschen in mitternächtlicher Stun- de Cedern, die ihr benachbarter Himmel im Donnerwetter Spaltete, wenn brausend auf ehernen Wagen der Nord- wind Ueber sie fährt, und Libanon bebt, und Hermon erzittert. Satan sah und hörte sie kommen. Vor wilder Entzü- ckung Stand er mit Ungestüm auf, und übersah sie alle. Fern, beym untersten Pöbel erblickt er in spöttischer Stel- lung GOttesleugner, ein niedriges Volk. Jhr schrecklicher Führer, Gog, war darunter, erhabner als alle vom Ansehn und Unsinn. Daß das alles ein Traum sey, ein Spiel verirrter Ge- danken, Was sie im Himmel gesehen, Jehova erst Vater dann Richter, Konnten sie leicht, labyrinthisch in Schlüsse verirret, be- greifen.
Satan
E 2
Zweyter Geſang.
Floß mit ihnen unzaͤhlbar, wie Wogen des kommenden Weltmeers Gegen den Fus vorgebirgter Geſtade, zum Sitze des Sa- tans. Tauſend geiſtige Voͤlker erſchienen. Sie giengen und ſangen Eigene Thaten, zur Schmach und unſterblichen Schande verdammet. Unterm Getoͤſe vom Donner geruͤhrter entheiligter Har- fen Sangen ſie. So rauſchen in mitternaͤchtlicher Stun- de Cedern, die ihr benachbarter Himmel im Donnerwetter Spaltete, wenn brauſend auf ehernen Wagen der Nord- wind Ueber ſie faͤhrt, und Libanon bebt, und Hermon erzittert. Satan ſah und hoͤrte ſie kommen. Vor wilder Entzuͤ- ckung Stand er mit Ungeſtuͤm auf, und uͤberſah ſie alle. Fern, beym unterſten Poͤbel erblickt er in ſpoͤttiſcher Stel- lung GOttesleugner, ein niedriges Volk. Jhr ſchrecklicher Fuͤhrer, Gog, war darunter, erhabner als alle vom Anſehn und Unſinn. Daß das alles ein Traum ſey, ein Spiel verirrter Ge- danken, Was ſie im Himmel geſehen, Jehova erſt Vater dann Richter, Konnten ſie leicht, labyrinthiſch in Schluͤſſe verirret, be- greifen.
Satan
E 2
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Zweyter Geſang.
Floß mit ihnen unzaͤhlbar, wie Wogen des kommenden
Weltmeers
Gegen den Fus vorgebirgter Geſtade, zum Sitze des Sa-
tans.
Tauſend geiſtige Voͤlker erſchienen. Sie giengen und
ſangen
Eigene Thaten, zur Schmach und unſterblichen Schande
verdammet.
Unterm Getoͤſe vom Donner geruͤhrter entheiligter Har-
fen
Sangen ſie. So rauſchen in mitternaͤchtlicher Stun-
de
Cedern, die ihr benachbarter Himmel im Donnerwetter
Spaltete, wenn brauſend auf ehernen Wagen der Nord-
wind
Ueber ſie faͤhrt, und Libanon bebt, und Hermon erzittert.
Satan ſah und hoͤrte ſie kommen. Vor wilder Entzuͤ-
ckung
Stand er mit Ungeſtuͤm auf, und uͤberſah ſie alle.
Fern, beym unterſten Poͤbel erblickt er in ſpoͤttiſcher Stel-
lung
GOttesleugner, ein niedriges Volk. Jhr ſchrecklicher
Fuͤhrer,
Gog, war darunter, erhabner als alle vom Anſehn und
Unſinn.
Daß das alles ein Traum ſey, ein Spiel verirrter Ge-
danken,
Was ſie im Himmel geſehen, Jehova erſt Vater dann
Richter,
Konnten ſie leicht, labyrinthiſch in Schluͤſſe verirret, be-
greifen.
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Kommentar zur DTA-Ausgabe
Die ersten drei Gesänge von Klopstocks ‚Messias‘ … [mehr]
Die ersten drei Gesänge von Klopstocks ‚Messias‘ erschienen zunächst in den ‚Neuen Beiträgen zum Vergnügen des Verstandes und des Witzes‘ (Bremen und Leipzig). Im Deutschen Textarchiv finden Sie mit dem 1749 in Halle erschienenen Druck die erste selbstständige Publikation des ersten bis dritten Gesangs. Ab 1751 erschienen diese und die weiteren Gesänge in vier Bänden, die Sie ebenfalls im DTA finden.
Klopstock, Friedrich Gottlieb: Der Messias. Ein Heldengedicht. Halle, 1749, S. 67. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/klopstock_messias_1749/71>, abgerufen am 15.09.2024.
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