Kopisch, August: Der Träumer. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 14. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–67. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.wurden Giovanni und Angiolina bleich und Granco froh, als der Richter sagte: Halt! Erst laßt uns lesen, was hier geschrieben steht. -- Er entfaltete das Pergament und las: Hiemit sei Jedwedem kund und zu wissen, daß ein Jeder, welcher diesen Schatz auffindet und denselben den wahren Erben oder Nachkommen des Don Bernardo Carino nicht zukommen läßt, verdammt sein soll bis in alle Ewigkeit, als ein schändlicher Räuber und Entwender fremden Gutes. Er soll krumm werden und lahm und blind bleiben, bis seine Seele hinunterfährt, wo keine Erlösung ist! Don Orzo hatte noch nicht ausgeredet, als alle riefen: Bernardo Carino? Bernardo Carino? war das nicht dein Urgroßvater, Giovanni, von dem alle Welt sagt, daß er der reichste Mann vor dem Kriege war? Ja wohl, rief Giovanni, und ich kann es gerichtlich beweisen! Das weiß ich selbst genau, sagte der Richter, ich habe deinen Großvater noch wohl gekannt. Aber Ihr, mein frommer Waldbruder, verlangt Ihr dieses Geld noch sammt jenem Fluche des Verstorbenen? Nein! sagte der Eremit und weinte, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen; aber was habe ich nun für das Ausgraben des Schatzes? Du sollst über meinen Geiz nicht klagen, sagte Giovanni; und wenn dir die Armuth so schwer fällt, will ich mit dir theilen! wurden Giovanni und Angiolina bleich und Granco froh, als der Richter sagte: Halt! Erst laßt uns lesen, was hier geschrieben steht. — Er entfaltete das Pergament und las: Hiemit sei Jedwedem kund und zu wissen, daß ein Jeder, welcher diesen Schatz auffindet und denselben den wahren Erben oder Nachkommen des Don Bernardo Carino nicht zukommen läßt, verdammt sein soll bis in alle Ewigkeit, als ein schändlicher Räuber und Entwender fremden Gutes. Er soll krumm werden und lahm und blind bleiben, bis seine Seele hinunterfährt, wo keine Erlösung ist! Don Orzo hatte noch nicht ausgeredet, als alle riefen: Bernardo Carino? Bernardo Carino? war das nicht dein Urgroßvater, Giovanni, von dem alle Welt sagt, daß er der reichste Mann vor dem Kriege war? Ja wohl, rief Giovanni, und ich kann es gerichtlich beweisen! Das weiß ich selbst genau, sagte der Richter, ich habe deinen Großvater noch wohl gekannt. Aber Ihr, mein frommer Waldbruder, verlangt Ihr dieses Geld noch sammt jenem Fluche des Verstorbenen? Nein! sagte der Eremit und weinte, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen; aber was habe ich nun für das Ausgraben des Schatzes? Du sollst über meinen Geiz nicht klagen, sagte Giovanni; und wenn dir die Armuth so schwer fällt, will ich mit dir theilen! <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0069"/> wurden Giovanni und Angiolina bleich und Granco froh, als der Richter sagte:</p><lb/> <p>Halt! Erst laßt uns lesen, was hier geschrieben steht. — Er entfaltete das Pergament und las:</p><lb/> <p>Hiemit sei Jedwedem kund und zu wissen, daß ein Jeder, welcher diesen Schatz auffindet und denselben den wahren Erben oder Nachkommen des Don Bernardo Carino nicht zukommen läßt, verdammt sein soll bis in alle Ewigkeit, als ein schändlicher Räuber und Entwender fremden Gutes. Er soll krumm werden und lahm und blind bleiben, bis seine Seele hinunterfährt, wo keine Erlösung ist!</p><lb/> <p>Don Orzo hatte noch nicht ausgeredet, als alle riefen: Bernardo Carino? Bernardo Carino? war das nicht dein Urgroßvater, Giovanni, von dem alle Welt sagt, daß er der reichste Mann vor dem Kriege war?</p><lb/> <p>Ja wohl, rief Giovanni, und ich kann es gerichtlich beweisen!</p><lb/> <p>Das weiß ich selbst genau, sagte der Richter, ich habe deinen Großvater noch wohl gekannt. Aber Ihr, mein frommer Waldbruder, verlangt Ihr dieses Geld noch sammt jenem Fluche des Verstorbenen?</p><lb/> <p>Nein! sagte der Eremit und weinte, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen; aber was habe ich nun für das Ausgraben des Schatzes?</p><lb/> <p>Du sollst über meinen Geiz nicht klagen, sagte Giovanni; und wenn dir die Armuth so schwer fällt, will ich mit dir theilen!</p><lb/> </div> </body> </text> </TEI> [0069]
wurden Giovanni und Angiolina bleich und Granco froh, als der Richter sagte:
Halt! Erst laßt uns lesen, was hier geschrieben steht. — Er entfaltete das Pergament und las:
Hiemit sei Jedwedem kund und zu wissen, daß ein Jeder, welcher diesen Schatz auffindet und denselben den wahren Erben oder Nachkommen des Don Bernardo Carino nicht zukommen läßt, verdammt sein soll bis in alle Ewigkeit, als ein schändlicher Räuber und Entwender fremden Gutes. Er soll krumm werden und lahm und blind bleiben, bis seine Seele hinunterfährt, wo keine Erlösung ist!
Don Orzo hatte noch nicht ausgeredet, als alle riefen: Bernardo Carino? Bernardo Carino? war das nicht dein Urgroßvater, Giovanni, von dem alle Welt sagt, daß er der reichste Mann vor dem Kriege war?
Ja wohl, rief Giovanni, und ich kann es gerichtlich beweisen!
Das weiß ich selbst genau, sagte der Richter, ich habe deinen Großvater noch wohl gekannt. Aber Ihr, mein frommer Waldbruder, verlangt Ihr dieses Geld noch sammt jenem Fluche des Verstorbenen?
Nein! sagte der Eremit und weinte, daß ihm die Thränen über die Wangen liefen; aber was habe ich nun für das Ausgraben des Schatzes?
Du sollst über meinen Geiz nicht klagen, sagte Giovanni; und wenn dir die Armuth so schwer fällt, will ich mit dir theilen!
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| Zitationshilfe: | Kopisch, August: Der Träumer. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 14. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–67. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kopisch_traeumer_1910/69>, abgerufen am 11.09.2024. |


