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Kotzebue, August von: Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. Bd. 1. Berlin, 1804.

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der, welches mein Wittenbergischer Postillion mir dieses
Mal auf eine drollige Weise erklärt hat. Ja, sagte er,
indem er den brennenden Schwamm auf seine kurze Pfeife
legte, und meine unmuthigen Klagen in eine Dampfwolke
hüllte: daß die Wege so schlecht sind und blei-
ben, das kommt bloß daher, weil der Kur-
fürst katholisch ist. Der Dessauer Fürst hät-
te das schon längst geändert
u. s. w. -- Darin
hätte ich freilich den Grund der elenden Sächsischen Land-
straßen nie gesucht. Jch lachte, aber es schmerzte mich
zugleich, einen Lutheraner so intolerant zu finden. Ver-
ketzerungssucht warf man vormals nur den Katholiken vor;
bald wird es umgekehrt seyn: denn hören Sie, als Pen-
dant zu den Aeußerungen des lutherischen Postillions, was
mir eine erzkatholische Magd in Neuhof, einem Fuldai-
schen Städtchen, sagte. Jst der Ort katholisch? hatte
ich sie gefragt. Ja, war die Antwort. -- Aber der Fürst
nicht? -- Nein. -- So kann er ja wohl nicht selig wer-
den? fuhr ich scherzend fort. -- Ei, warum denn
nicht? wenn er sonst gut ist. Wir wollen ja
alle in den Himmel.
-- Recht! Aber die Katholi-
ken kommen doch zuerst hinein? -- J nu, sagte sie,
wenn wir nur Alle darin sind. -- Jst das nicht
wahre Lebens- Philosophie? Und ich versichere Sie, die
Magd hatte übrigens eine Physiognomie wie eine Gans.

Noch eine Erinnerung aus dem Walde zwischen Wit-
tenberg und Düben. Sie lesen da irgendwo auf einer höl-
zernen Tafel eine Jnschrift, durch welche besonders
den Würtembergischen Ausgewanderten verboten wird,
dem Walde Schaden zuzufügen. Warum denn eben be-
sonders
diesen armen Leuten? -- Doch dabey will ich
mich nicht aufhalten. Daß aber die Zahl der Würtember-

der, welches mein Wittenbergischer Postillion mir dieses
Mal auf eine drollige Weise erklaͤrt hat. Ja, sagte er,
indem er den brennenden Schwamm auf seine kurze Pfeife
legte, und meine unmuthigen Klagen in eine Dampfwolke
huͤllte: daß die Wege so schlecht sind und blei-
ben, das kommt bloß daher, weil der Kur-
fuͤrst katholisch ist. Der Dessauer Fuͤrst haͤt-
te das schon laͤngst geaͤndert
u. s. w. — Darin
haͤtte ich freilich den Grund der elenden Saͤchsischen Land-
straßen nie gesucht. Jch lachte, aber es schmerzte mich
zugleich, einen Lutheraner so intolerant zu finden. Ver-
ketzerungssucht warf man vormals nur den Katholiken vor;
bald wird es umgekehrt seyn: denn hoͤren Sie, als Pen-
dant zu den Aeußerungen des lutherischen Postillions, was
mir eine erzkatholische Magd in Neuhof, einem Fuldai-
schen Staͤdtchen, sagte. Jst der Ort katholisch? hatte
ich sie gefragt. Ja, war die Antwort. — Aber der Fuͤrst
nicht? — Nein. — So kann er ja wohl nicht selig wer-
den? fuhr ich scherzend fort. — Ei, warum denn
nicht? wenn er sonst gut ist. Wir wollen ja
alle in den Himmel.
— Recht! Aber die Katholi-
ken kommen doch zuerst hinein? — J nu, sagte sie,
wenn wir nur Alle darin sind. — Jst das nicht
wahre Lebens- Philosophie? Und ich versichere Sie, die
Magd hatte uͤbrigens eine Physiognomie wie eine Gans.

Noch eine Erinnerung aus dem Walde zwischen Wit-
tenberg und Duͤben. Sie lesen da irgendwo auf einer hoͤl-
zernen Tafel eine Jnschrift, durch welche besonders
den Wuͤrtembergischen Ausgewanderten verboten wird,
dem Walde Schaden zuzufuͤgen. Warum denn eben be-
sonders
diesen armen Leuten? — Doch dabey will ich
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[6/0010] der, welches mein Wittenbergischer Postillion mir dieses Mal auf eine drollige Weise erklaͤrt hat. Ja, sagte er, indem er den brennenden Schwamm auf seine kurze Pfeife legte, und meine unmuthigen Klagen in eine Dampfwolke huͤllte: daß die Wege so schlecht sind und blei- ben, das kommt bloß daher, weil der Kur- fuͤrst katholisch ist. Der Dessauer Fuͤrst haͤt- te das schon laͤngst geaͤndert u. s. w. — Darin haͤtte ich freilich den Grund der elenden Saͤchsischen Land- straßen nie gesucht. Jch lachte, aber es schmerzte mich zugleich, einen Lutheraner so intolerant zu finden. Ver- ketzerungssucht warf man vormals nur den Katholiken vor; bald wird es umgekehrt seyn: denn hoͤren Sie, als Pen- dant zu den Aeußerungen des lutherischen Postillions, was mir eine erzkatholische Magd in Neuhof, einem Fuldai- schen Staͤdtchen, sagte. Jst der Ort katholisch? hatte ich sie gefragt. Ja, war die Antwort. — Aber der Fuͤrst nicht? — Nein. — So kann er ja wohl nicht selig wer- den? fuhr ich scherzend fort. — Ei, warum denn nicht? wenn er sonst gut ist. Wir wollen ja alle in den Himmel. — Recht! Aber die Katholi- ken kommen doch zuerst hinein? — J nu, sagte sie, wenn wir nur Alle darin sind. — Jst das nicht wahre Lebens- Philosophie? Und ich versichere Sie, die Magd hatte uͤbrigens eine Physiognomie wie eine Gans. Noch eine Erinnerung aus dem Walde zwischen Wit- tenberg und Duͤben. Sie lesen da irgendwo auf einer hoͤl- zernen Tafel eine Jnschrift, durch welche besonders den Wuͤrtembergischen Ausgewanderten verboten wird, dem Walde Schaden zuzufuͤgen. Warum denn eben be- sonders diesen armen Leuten? — Doch dabey will ich mich nicht aufhalten. Daß aber die Zahl der Wuͤrtember-

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Zitationshilfe: Kotzebue, August von: Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. Bd. 1. Berlin, 1804, S. 6. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen01_1804/10>, abgerufen am 19.08.2022.