Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kotzebue, August von: Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. Bd. 2. Berlin, 1804.

Bild:
<< vorherige Seite

Königinnen, Prinzen und Helden. Was in einer Reihe
von Jahrhunderten die Oberwelt bewegt, oft umgekehrt,
geplagt, oder beglückt hatte, dem Allem hatte die Unter-
welt ein Plätzchen zugestanden, eben groß genug für ein
Kind, das seine Puppe herumtummelt. Wen Ueber-
muth und Ruhmsucht quälen, der fliehe auf diese heilige
Stätte! Denn, gleichwie die Furien den Orest am Eingang
von Dianens Hayn verließen, so werden diese Leiden-
schaften ihm bis hieher nicht zu folgen wagen; ja viel-
leicht werden selbst, wenn er schon vom einfachen Gras-
platze hinwegging, die lauernden ihm nicht mehr schaden.

"Sind dann die Gebeine hier all' unter einander ge-
mischt?" fragte ich den Schweizer, "Ach ja!" sagte er,
"ich hatte nicht Zeit sie zu sondern, ich machte schnell eine
"Grube, und warf sie hinein. Den Einzigen, den Einzi-
"gen, den ich mir herauszufinden getraue, ist Heinrich
"der Vierte, denn ihn habe ich zuerst hinab geworfen,
"seine Knochen liegen ganz unten." -- Jch vermuthe
wohl, daß diese Thatsache Mehreren in Paris bekannt
seyn mag; da aber noch manches Jahr, vielleicht noch
manches Jahrzehend, verstreichen kann, ehe die Zeit
wiederkehrt, wo jeder Franzose laut wünschen darf, die
Gebeine des guten Heinrichs einer empörenden Verges-
senheit zu entreißen, so will ich, was ich erfuhr, in
diese Blätter niederlegen. Und sollte der alte Schwei-
zer, sammt Allen, die etwa den Ort kennen, indessen
sterben, so kann der Platz doch, so lange ich lebe, nicht
verloren gehn, denn ich vergesse ihn nie! --

Der Alte begleitete uns bis an den Wagen, und man
sah ihm an, wie wohl es ihm gethan, sich einmal von
Herzen ausreden zu können. Wir saßen lange stumm,
und bewegten in der Brust, was wir gesehen, gehört. Es

Koͤniginnen, Prinzen und Helden. Was in einer Reihe
von Jahrhunderten die Oberwelt bewegt, oft umgekehrt,
geplagt, oder begluͤckt hatte, dem Allem hatte die Unter-
welt ein Plaͤtzchen zugestanden, eben groß genug fuͤr ein
Kind, das seine Puppe herumtummelt. Wen Ueber-
muth und Ruhmsucht quaͤlen, der fliehe auf diese heilige
Staͤtte! Denn, gleichwie die Furien den Orest am Eingang
von Dianens Hayn verließen, so werden diese Leiden-
schaften ihm bis hieher nicht zu folgen wagen; ja viel-
leicht werden selbst, wenn er schon vom einfachen Gras-
platze hinwegging, die lauernden ihm nicht mehr schaden.

„Sind dann die Gebeine hier all' unter einander ge-
mischt?“ fragte ich den Schweizer, „Ach ja!“ sagte er,
„ich hatte nicht Zeit sie zu sondern, ich machte schnell eine
„Grube, und warf sie hinein. Den Einzigen, den Einzi-
„gen, den ich mir herauszufinden getraue, ist Heinrich
„der Vierte, denn ihn habe ich zuerst hinab geworfen,
„seine Knochen liegen ganz unten.“ — Jch vermuthe
wohl, daß diese Thatsache Mehreren in Paris bekannt
seyn mag; da aber noch manches Jahr, vielleicht noch
manches Jahrzehend, verstreichen kann, ehe die Zeit
wiederkehrt, wo jeder Franzose laut wuͤnschen darf, die
Gebeine des guten Heinrichs einer empoͤrenden Verges-
senheit zu entreißen, so will ich, was ich erfuhr, in
diese Blaͤtter niederlegen. Und sollte der alte Schwei-
zer, sammt Allen, die etwa den Ort kennen, indessen
sterben, so kann der Platz doch, so lange ich lebe, nicht
verloren gehn, denn ich vergesse ihn nie! —

Der Alte begleitete uns bis an den Wagen, und man
sah ihm an, wie wohl es ihm gethan, sich einmal von
Herzen ausreden zu koͤnnen. Wir saßen lange stumm,
und bewegten in der Brust, was wir gesehen, gehoͤrt. Es

<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <p><pb facs="#f0007" n="7"/>
Ko&#x0364;niginnen, Prinzen und Helden. Was in einer Reihe<lb/>
von Jahrhunderten die Oberwelt bewegt, oft umgekehrt,<lb/>
geplagt, oder beglu&#x0364;ckt hatte, dem Allem hatte die Unter-<lb/>
welt ein Pla&#x0364;tzchen zugestanden, eben groß genug fu&#x0364;r ein<lb/>
Kind, das seine Puppe herumtummelt. Wen Ueber-<lb/>
muth und Ruhmsucht qua&#x0364;len, der fliehe auf diese heilige<lb/>
Sta&#x0364;tte! Denn, gleichwie die Furien den Orest am Eingang<lb/>
von Dianens Hayn verließen, so werden diese Leiden-<lb/>
schaften ihm bis hieher nicht zu folgen wagen; ja viel-<lb/>
leicht werden selbst, wenn er schon vom einfachen Gras-<lb/>
platze hinwegging, die lauernden ihm nicht mehr schaden.</p><lb/>
        <p>&#x201E;Sind dann die Gebeine hier all' unter einander ge-<lb/>
mischt?&#x201C; fragte ich den Schweizer, &#x201E;Ach ja!&#x201C; sagte er,<lb/>
&#x201E;ich hatte nicht Zeit sie zu sondern, ich machte schnell eine<lb/>
&#x201E;Grube, und warf sie hinein. Den Einzigen, den Einzi-<lb/>
&#x201E;gen, den ich mir herauszufinden getraue, ist Heinrich<lb/>
&#x201E;der Vierte, denn ihn habe ich zuerst hinab geworfen,<lb/>
&#x201E;seine Knochen liegen ganz unten.&#x201C; &#x2014; Jch vermuthe<lb/>
wohl, daß diese Thatsache Mehreren in Paris bekannt<lb/>
seyn mag; da aber noch manches Jahr, vielleicht noch<lb/>
manches Jahrzehend, verstreichen kann, ehe die Zeit<lb/>
wiederkehrt, wo jeder Franzose laut wu&#x0364;nschen darf, die<lb/>
Gebeine des guten Heinrichs einer empo&#x0364;renden Verges-<lb/>
senheit zu entreißen, so will ich, was ich erfuhr, in<lb/>
diese Bla&#x0364;tter niederlegen. Und sollte der alte Schwei-<lb/>
zer, sammt Allen, die etwa den Ort kennen, indessen<lb/>
sterben, so kann der Platz doch, so lange ich lebe, nicht<lb/>
verloren gehn, denn ich vergesse ihn nie! &#x2014;</p><lb/>
        <p>Der Alte begleitete uns bis an den Wagen, und man<lb/>
sah ihm an, wie wohl es ihm gethan, sich einmal von<lb/>
Herzen ausreden zu ko&#x0364;nnen. <hi rendition="#g">Wir</hi> saßen lange stumm,<lb/>
und bewegten in der Brust, was wir gesehen, geho&#x0364;rt. Es<lb/></p>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[7/0007] Koͤniginnen, Prinzen und Helden. Was in einer Reihe von Jahrhunderten die Oberwelt bewegt, oft umgekehrt, geplagt, oder begluͤckt hatte, dem Allem hatte die Unter- welt ein Plaͤtzchen zugestanden, eben groß genug fuͤr ein Kind, das seine Puppe herumtummelt. Wen Ueber- muth und Ruhmsucht quaͤlen, der fliehe auf diese heilige Staͤtte! Denn, gleichwie die Furien den Orest am Eingang von Dianens Hayn verließen, so werden diese Leiden- schaften ihm bis hieher nicht zu folgen wagen; ja viel- leicht werden selbst, wenn er schon vom einfachen Gras- platze hinwegging, die lauernden ihm nicht mehr schaden. „Sind dann die Gebeine hier all' unter einander ge- mischt?“ fragte ich den Schweizer, „Ach ja!“ sagte er, „ich hatte nicht Zeit sie zu sondern, ich machte schnell eine „Grube, und warf sie hinein. Den Einzigen, den Einzi- „gen, den ich mir herauszufinden getraue, ist Heinrich „der Vierte, denn ihn habe ich zuerst hinab geworfen, „seine Knochen liegen ganz unten.“ — Jch vermuthe wohl, daß diese Thatsache Mehreren in Paris bekannt seyn mag; da aber noch manches Jahr, vielleicht noch manches Jahrzehend, verstreichen kann, ehe die Zeit wiederkehrt, wo jeder Franzose laut wuͤnschen darf, die Gebeine des guten Heinrichs einer empoͤrenden Verges- senheit zu entreißen, so will ich, was ich erfuhr, in diese Blaͤtter niederlegen. Und sollte der alte Schwei- zer, sammt Allen, die etwa den Ort kennen, indessen sterben, so kann der Platz doch, so lange ich lebe, nicht verloren gehn, denn ich vergesse ihn nie! — Der Alte begleitete uns bis an den Wagen, und man sah ihm an, wie wohl es ihm gethan, sich einmal von Herzen ausreden zu koͤnnen. Wir saßen lange stumm, und bewegten in der Brust, was wir gesehen, gehoͤrt. Es

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Die "Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804" von Au… [mehr]

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen02_1804
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen02_1804/7
Zitationshilfe: Kotzebue, August von: Erinnerungen aus Paris im Jahre 1804. Bd. 2. Berlin, 1804, S. 7. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kotzebue_erinnerungen02_1804/7>, abgerufen am 08.08.2022.