zügellosen Liebesgewohnheiten ist sicherlich nicht Jdeal. Aber einiges hat er, der an Berufsarbeit gewöhnt, für Berufsar- beit erzogen ist, doch vor fast allen Frauen voraus: Er versteht, sich zu konzentrieren, sich nicht durch kleine, oft kleinliche Rücksichten hin und herziehen zu lassen, versteht, wenns not tut, Störungen aus seinem Leben fern zu halten.
Und er versteht zu ruhen, Erholungszeit, richtig faule Stunden zwischen die Arbeitszeit einzuschieben.
Beides gibt ihm Uebergewicht über die Frau.
Die Durchschnittsfrau arbeitet immer, wird nie fertig mit ihrer Arbeit. Sie kennt es garnicht anders, als daß sie immer beschäftigt ist, immer bei ihrem Tun gestört wird.
Wie wichtig wird in den meisten Familien die Arbeit des Knaben schon in jüngeren Jahren genommen. Er muß Ruhe haben, er darf sich nicht zerstreuen. Er muß oft zu seiner Qual sein ganzes Denken auf die Schule konzentrieren.
Beim Mädchen kommts nicht so sehr darauf an. Sie darf eher einmal die Schule versäumen. Entschuldigungszettel sind für sie leichter zur Hand. Sie muß oft genug bevor die Ferien begonnen haben die Mutter auf ihrer Sommer- reise begleiten, sich Urlaub dafür erbitten, der in Privatschulen, die des Besuchs wegen Rücksichten nehmen müssen, meist un- schwierig gewährt wird. Und ganz unnatürlich erscheint es allen, daß ein Mädchen auch nach beendeter Schulzeit bei ern- stem Arbeiten zu bleiben wünscht. Ein Jeder stellt Ansprüche an sie. Hier soll sie der Mutter beim Besuchemachen, bei Ein- käufen Gesellschaft leisten, dort soll sie mit dem Vater spazieren gehen. Hier ein wenig - nebenher - auf jüngere Geschwister achten. Als sehr unhöflich gilt es dann weiterhin, auch für die ältere Frau trifft das noch zu, wenn eine Frau nicht immer Zeit hat, Besuchende zu empfangen, Geselligkeit zu pflegen,
zügellosen Liebesgewohnheiten ist sicherlich nicht Jdeal. Aber einiges hat er, der an Berufsarbeit gewöhnt, für Berufsar- beit erzogen ist, doch vor fast allen Frauen voraus: Er versteht, sich zu konzentrieren, sich nicht durch kleine, oft kleinliche Rücksichten hin und herziehen zu lassen, versteht, wenns not tut, Störungen aus seinem Leben fern zu halten.
Und er versteht zu ruhen, Erholungszeit, richtig faule Stunden zwischen die Arbeitszeit einzuschieben.
Beides gibt ihm Uebergewicht über die Frau.
Die Durchschnittsfrau arbeitet immer, wird nie fertig mit ihrer Arbeit. Sie kennt es garnicht anders, als daß sie immer beschäftigt ist, immer bei ihrem Tun gestört wird.
Wie wichtig wird in den meisten Familien die Arbeit des Knaben schon in jüngeren Jahren genommen. Er muß Ruhe haben, er darf sich nicht zerstreuen. Er muß oft zu seiner Qual sein ganzes Denken auf die Schule konzentrieren.
Beim Mädchen kommts nicht so sehr darauf an. Sie darf eher einmal die Schule versäumen. Entschuldigungszettel sind für sie leichter zur Hand. Sie muß oft genug bevor die Ferien begonnen haben die Mutter auf ihrer Sommer- reise begleiten, sich Urlaub dafür erbitten, der in Privatschulen, die des Besuchs wegen Rücksichten nehmen müssen, meist un- schwierig gewährt wird. Und ganz unnatürlich erscheint es allen, daß ein Mädchen auch nach beendeter Schulzeit bei ern- stem Arbeiten zu bleiben wünscht. Ein Jeder stellt Ansprüche an sie. Hier soll sie der Mutter beim Besuchemachen, bei Ein- käufen Gesellschaft leisten, dort soll sie mit dem Vater spazieren gehen. Hier ein wenig – nebenher – auf jüngere Geschwister achten. Als sehr unhöflich gilt es dann weiterhin, auch für die ältere Frau trifft das noch zu, wenn eine Frau nicht immer Zeit hat, Besuchende zu empfangen, Geselligkeit zu pflegen,
<TEI><text><body><divn="1"><p><pbfacs="#f0242"n="232"/>
zügellosen Liebesgewohnheiten ist sicherlich nicht Jdeal. Aber<lb/>
einiges hat er, der an Berufsarbeit gewöhnt, für Berufsar-<lb/>
beit erzogen ist, doch vor fast allen Frauen voraus:<lb/>
Er versteht, sich zu konzentrieren, sich nicht durch kleine,<lb/>
oft kleinliche Rücksichten hin und herziehen zu lassen, versteht,<lb/>
wenns not tut, Störungen aus seinem Leben fern zu halten.</p><lb/><p>Und er versteht zu ruhen, Erholungszeit, richtig faule<lb/>
Stunden zwischen die Arbeitszeit einzuschieben.</p><lb/><p>Beides gibt ihm Uebergewicht über die Frau.</p><lb/><p>Die Durchschnittsfrau arbeitet immer, wird nie fertig mit<lb/>
ihrer Arbeit. Sie kennt es garnicht anders, als daß sie immer<lb/>
beschäftigt ist, immer bei ihrem Tun gestört wird.</p><lb/><p>Wie wichtig wird in den meisten Familien die Arbeit des<lb/>
Knaben schon in jüngeren Jahren genommen. Er muß Ruhe<lb/>
haben, er darf sich nicht zerstreuen. Er muß oft zu seiner<lb/>
Qual sein ganzes Denken auf die Schule konzentrieren.</p><lb/><p>Beim Mädchen kommts nicht so sehr darauf an. Sie<lb/>
darf eher einmal die Schule versäumen. Entschuldigungszettel<lb/>
sind für sie leichter zur Hand. Sie muß oft genug bevor<lb/>
die Ferien begonnen haben die Mutter auf ihrer Sommer-<lb/>
reise begleiten, sich Urlaub dafür erbitten, der in Privatschulen,<lb/>
die des Besuchs wegen Rücksichten nehmen müssen, meist un-<lb/>
schwierig gewährt wird. Und ganz unnatürlich erscheint es<lb/>
allen, daß ein Mädchen auch nach beendeter Schulzeit bei ern-<lb/>
stem Arbeiten zu bleiben wünscht. Ein Jeder stellt Ansprüche<lb/>
an sie. Hier soll sie der Mutter beim Besuchemachen, bei Ein-<lb/>
käufen Gesellschaft leisten, dort soll sie mit dem Vater spazieren<lb/>
gehen. Hier ein wenig – nebenher – auf jüngere Geschwister<lb/>
achten. Als sehr unhöflich gilt es dann weiterhin, auch<lb/>
für die ältere Frau trifft das noch zu, wenn eine Frau nicht<lb/>
immer Zeit hat, Besuchende zu empfangen, Geselligkeit zu pflegen,<lb/></p></div></body></text></TEI>
[232/0242]
zügellosen Liebesgewohnheiten ist sicherlich nicht Jdeal. Aber
einiges hat er, der an Berufsarbeit gewöhnt, für Berufsar-
beit erzogen ist, doch vor fast allen Frauen voraus:
Er versteht, sich zu konzentrieren, sich nicht durch kleine,
oft kleinliche Rücksichten hin und herziehen zu lassen, versteht,
wenns not tut, Störungen aus seinem Leben fern zu halten.
Und er versteht zu ruhen, Erholungszeit, richtig faule
Stunden zwischen die Arbeitszeit einzuschieben.
Beides gibt ihm Uebergewicht über die Frau.
Die Durchschnittsfrau arbeitet immer, wird nie fertig mit
ihrer Arbeit. Sie kennt es garnicht anders, als daß sie immer
beschäftigt ist, immer bei ihrem Tun gestört wird.
Wie wichtig wird in den meisten Familien die Arbeit des
Knaben schon in jüngeren Jahren genommen. Er muß Ruhe
haben, er darf sich nicht zerstreuen. Er muß oft zu seiner
Qual sein ganzes Denken auf die Schule konzentrieren.
Beim Mädchen kommts nicht so sehr darauf an. Sie
darf eher einmal die Schule versäumen. Entschuldigungszettel
sind für sie leichter zur Hand. Sie muß oft genug bevor
die Ferien begonnen haben die Mutter auf ihrer Sommer-
reise begleiten, sich Urlaub dafür erbitten, der in Privatschulen,
die des Besuchs wegen Rücksichten nehmen müssen, meist un-
schwierig gewährt wird. Und ganz unnatürlich erscheint es
allen, daß ein Mädchen auch nach beendeter Schulzeit bei ern-
stem Arbeiten zu bleiben wünscht. Ein Jeder stellt Ansprüche
an sie. Hier soll sie der Mutter beim Besuchemachen, bei Ein-
käufen Gesellschaft leisten, dort soll sie mit dem Vater spazieren
gehen. Hier ein wenig – nebenher – auf jüngere Geschwister
achten. Als sehr unhöflich gilt es dann weiterhin, auch
für die ältere Frau trifft das noch zu, wenn eine Frau nicht
immer Zeit hat, Besuchende zu empfangen, Geselligkeit zu pflegen,
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Sie haben einen Fehler gefunden?
Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform
DTAQ melden.
Kommentar zur DTA-Ausgabe
Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert.
Weitere Informationen …
Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription.
(2017-11-13T13:59:15Z)
Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt: Bearbeitung der digitalen Edition.
(2015-08-20T13:59:15Z)
Anna Pfundt: Konvertierung nach DTA-Basisformat.
(2015-08-06T11:00:00Z)
Weitere Informationen:
Verfahren der Texterfassung: OCR mit Nachkorrektur.
Bogensignaturen: gekennzeichnet;
Druckfehler: gekennzeichnet;
fremdsprachliches Material: keine Angabe;
Geminations-/Abkürzungsstriche: keine Angabe;
Hervorhebungen (Antiqua, Sperrschrift, Kursive etc.): wie Vorlage;
i/j in Fraktur: keine Angabe;
I/J in Fraktur: wie Vorlage;
Kolumnentitel: keine Angabe;
Kustoden: wie Vorlage;
langes s (ſ): als s transkribiert;
Normalisierungen: keine Angabe;
rundes r (ꝛ): keine Angabe;
Seitenumbrüche markiert: ja;
Silbentrennung: wie Vorlage;
u/v bzw. U/V: keine Angabe;
Vokale mit übergest. e: keine Angabe;
Vollständigkeit: vollständig erfasst;
Zeichensetzung: keine Angabe;
Zeilenumbrüche markiert: ja;
Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905, S. 232. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/krukenberg_frauenbewegung_1905/242>, abgerufen am 23.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.