bildung oft genug unfähig sind, die Bedeutung ihres Berufes und der ihnen darin gestellten Aufgaben voll zu erfassen. Helferinnen, für die den Gemeinden jeder Groschen zu viel ist. Der Mann, der Gemeindevertreter, wird von solchen Notstän- den freilich wenig betroffen. Zu leiden haben die Frauen, die - nach landläufiger Ansicht - zum Leiden bestimmt sind. Mit gründlicherer Vorbildung, wie man sie z. B. in Preußen neuerdings wieder verschärft von Staatswegen verlangt, wird nur wenig geholfen, solange nicht die Ausbildungsanstalten reformiert werden, solange die Besoldungsverhältnisse derartig klägliche bleiben. Durch umfassende Reformen allein, durch ausreichende, nötigenfalls staatlich zu regelnde Bezahlung der Gemeinde-Hebammen, durch Fürsorge für Alter und Jnvalidität, durch Eintreten für die unfreiwillig beschäftigungs- lose Hebamme in jeder Karenzzeit werden tüchtige Kräfte diesem Stande zugeführt, der wie kein anderer berufen ist, Leiden zu lindern, Gesundheit und Kraft im ganzen Lande zu mehren.
Auch der Krankenpflegeberuf, dieser "echte" Frauen- beruf, wie man nicht müde wird, zu erklären, ist mit überflüssig erschwerenden Bedingungen verknüpft. Weder in pekuniärer Beziehung noch in Bezug auf die äußeren Lebensbedingungen kann man ihn als einen befriedigenden bezeichnen.
Krankenpflegerin werden, bedeutet - und das erklärt die Abneigung gegen diesen Beruf - immer noch für viel zu viele: gleich einer Nonne allen Freuden dieser Welt entsagen, es bedeutet ein vollständiges Sich-Loslösen von der Familie, Verzichtleisten auf jegliches Selbstbestimmungsrecht nicht nur im Dienst, sondern auch in der meist kärglich bemessenen Frei- zeit, es bedeutet die Unmöglichkeit, durch eigenen Erwerb für unterstützungsbedürftige Angehörige zu sorgen, die Unmöglich-
bildung oft genug unfähig sind, die Bedeutung ihres Berufes und der ihnen darin gestellten Aufgaben voll zu erfassen. Helferinnen, für die den Gemeinden jeder Groschen zu viel ist. Der Mann, der Gemeindevertreter, wird von solchen Notstän- den freilich wenig betroffen. Zu leiden haben die Frauen, die – nach landläufiger Ansicht – zum Leiden bestimmt sind. Mit gründlicherer Vorbildung, wie man sie z. B. in Preußen neuerdings wieder verschärft von Staatswegen verlangt, wird nur wenig geholfen, solange nicht die Ausbildungsanstalten reformiert werden, solange die Besoldungsverhältnisse derartig klägliche bleiben. Durch umfassende Reformen allein, durch ausreichende, nötigenfalls staatlich zu regelnde Bezahlung der Gemeinde-Hebammen, durch Fürsorge für Alter und Jnvalidität, durch Eintreten für die unfreiwillig beschäftigungs- lose Hebamme in jeder Karenzzeit werden tüchtige Kräfte diesem Stande zugeführt, der wie kein anderer berufen ist, Leiden zu lindern, Gesundheit und Kraft im ganzen Lande zu mehren.
Auch der Krankenpflegeberuf, dieser „echte“ Frauen- beruf, wie man nicht müde wird, zu erklären, ist mit überflüssig erschwerenden Bedingungen verknüpft. Weder in pekuniärer Beziehung noch in Bezug auf die äußeren Lebensbedingungen kann man ihn als einen befriedigenden bezeichnen.
Krankenpflegerin werden, bedeutet – und das erklärt die Abneigung gegen diesen Beruf – immer noch für viel zu viele: gleich einer Nonne allen Freuden dieser Welt entsagen, es bedeutet ein vollständiges Sich-Loslösen von der Familie, Verzichtleisten auf jegliches Selbstbestimmungsrecht nicht nur im Dienst, sondern auch in der meist kärglich bemessenen Frei- zeit, es bedeutet die Unmöglichkeit, durch eigenen Erwerb für unterstützungsbedürftige Angehörige zu sorgen, die Unmöglich-
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bildung oft genug unfähig sind, die Bedeutung ihres Berufes
und der ihnen darin gestellten Aufgaben voll zu erfassen.
Helferinnen, für die den Gemeinden jeder Groschen zu viel ist.
Der Mann, der Gemeindevertreter, wird von solchen Notstän-
den freilich wenig betroffen. Zu leiden haben die Frauen, die
– nach landläufiger Ansicht – zum Leiden bestimmt sind.
Mit gründlicherer Vorbildung, wie man sie z. B. in Preußen
neuerdings wieder verschärft von Staatswegen verlangt, wird
nur wenig geholfen, solange nicht die Ausbildungsanstalten
reformiert werden, solange die Besoldungsverhältnisse derartig
klägliche bleiben. Durch umfassende Reformen allein, durch
ausreichende, nötigenfalls staatlich zu regelnde Bezahlung
der Gemeinde-Hebammen, durch Fürsorge für Alter und
Jnvalidität, durch Eintreten für die unfreiwillig beschäftigungs-
lose Hebamme in jeder Karenzzeit werden tüchtige Kräfte
diesem Stande zugeführt, der wie kein anderer berufen ist,
Leiden zu lindern, Gesundheit und Kraft im ganzen Lande zu
mehren.
Auch der Krankenpflegeberuf, dieser „echte“ Frauen-
beruf, wie man nicht müde wird, zu erklären, ist mit überflüssig
erschwerenden Bedingungen verknüpft. Weder in pekuniärer
Beziehung noch in Bezug auf die äußeren Lebensbedingungen
kann man ihn als einen befriedigenden bezeichnen.
Krankenpflegerin werden, bedeutet – und das erklärt
die Abneigung gegen diesen Beruf – immer noch für viel zu
viele: gleich einer Nonne allen Freuden dieser Welt entsagen,
es bedeutet ein vollständiges Sich-Loslösen von der Familie,
Verzichtleisten auf jegliches Selbstbestimmungsrecht nicht nur
im Dienst, sondern auch in der meist kärglich bemessenen Frei-
zeit, es bedeutet die Unmöglichkeit, durch eigenen Erwerb für
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Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905, S. 100. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/krukenberg_frauenbewegung_1905/110>, abgerufen am 11.09.2024.
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