Freundschaftsverhältnis auf Lebenszeit, sie gibt, werden wir anderweitig nirgends begegnen.
Eins freilich vorausgesetzt: daß wir es mit Menschen zu tun haben, die einander in ihrer Eigenart zu achten, die echte Toleranz zu üben wissen.
Das ist eine seltene Tugend, selten zwischen Parteien, zwischen Konfessionen, noch seltener zwischen Mann und Weib, die so grundverschieden in ihrer Wesensart erscheinen.
Nur aus einem Grunde heraus kann solche Achtung frem- der Eigenart erwachsen: nur aus dem Verständnis für das Naturgewollte, daher Gleichwertige anderer Art, aus der Er- kenntnis, daß der andere auch bei abweichender Anschau- ung es ehrlich und ernst meint. Aus einer taktvollen Scheu in fremdes Seelenleben einzugreifen, einem anderen die eigene Art als die allein selig machende rücksichtslos aufzuprägen.
Solches Verstehen und Rücksichtnehmen finden wir auf Seiten des Mannes infolge der niederen Wertung der Frau in unserem ganzen öffentlichen Leben, infolge unserer die Frau geradezu zur Unmündigen stempelnden Gesetze nur in ver- hältnismäßig wenigen Ehen. Die Bevormundung aber, in der man die Frau hält, rächt sich. Sie läßt in vielen unserer Frauen kein Verständnis aufkommen für das, was der Mann neben ihr zur freien, ungehinderten Entfaltung bedarf. Zur Last wird allzuleicht einer dem anderen, die Ehe gilt als Grab jeder individuellen Freiheit. Daher der Zauberklang, den das Wort "freie Liebe" für Frauen und Männer bekommt.
Aber freie Liebe als Zuchtlosigkeit genommen - und so versteht man ja gemeinhin das Wort - kann uns Frauen, ich möchte das noch einmal wiederholen, niemals als erstrebens- wertes Ziel erscheinen.
Etwas anderes ist es, wenn man dem Wort einen ande-
Freundschaftsverhältnis auf Lebenszeit, sie gibt, werden wir anderweitig nirgends begegnen.
Eins freilich vorausgesetzt: daß wir es mit Menschen zu tun haben, die einander in ihrer Eigenart zu achten, die echte Toleranz zu üben wissen.
Das ist eine seltene Tugend, selten zwischen Parteien, zwischen Konfessionen, noch seltener zwischen Mann und Weib, die so grundverschieden in ihrer Wesensart erscheinen.
Nur aus einem Grunde heraus kann solche Achtung frem- der Eigenart erwachsen: nur aus dem Verständnis für das Naturgewollte, daher Gleichwertige anderer Art, aus der Er- kenntnis, daß der andere auch bei abweichender Anschau- ung es ehrlich und ernst meint. Aus einer taktvollen Scheu in fremdes Seelenleben einzugreifen, einem anderen die eigene Art als die allein selig machende rücksichtslos aufzuprägen.
Solches Verstehen und Rücksichtnehmen finden wir auf Seiten des Mannes infolge der niederen Wertung der Frau in unserem ganzen öffentlichen Leben, infolge unserer die Frau geradezu zur Unmündigen stempelnden Gesetze nur in ver- hältnismäßig wenigen Ehen. Die Bevormundung aber, in der man die Frau hält, rächt sich. Sie läßt in vielen unserer Frauen kein Verständnis aufkommen für das, was der Mann neben ihr zur freien, ungehinderten Entfaltung bedarf. Zur Last wird allzuleicht einer dem anderen, die Ehe gilt als Grab jeder individuellen Freiheit. Daher der Zauberklang, den das Wort „freie Liebe“ für Frauen und Männer bekommt.
Aber freie Liebe als Zuchtlosigkeit genommen – und so versteht man ja gemeinhin das Wort – kann uns Frauen, ich möchte das noch einmal wiederholen, niemals als erstrebens- wertes Ziel erscheinen.
Etwas anderes ist es, wenn man dem Wort einen ande-
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[196/0206]
Freundschaftsverhältnis auf Lebenszeit, sie gibt, werden wir
anderweitig nirgends begegnen.
Eins freilich vorausgesetzt: daß wir es mit Menschen zu
tun haben, die einander in ihrer Eigenart zu achten, die echte
Toleranz zu üben wissen.
Das ist eine seltene Tugend, selten zwischen Parteien,
zwischen Konfessionen, noch seltener zwischen Mann und Weib,
die so grundverschieden in ihrer Wesensart erscheinen.
Nur aus einem Grunde heraus kann solche Achtung frem-
der Eigenart erwachsen: nur aus dem Verständnis für das
Naturgewollte, daher Gleichwertige anderer Art, aus der Er-
kenntnis, daß der andere auch bei abweichender Anschau-
ung es ehrlich und ernst meint. Aus einer taktvollen Scheu
in fremdes Seelenleben einzugreifen, einem anderen die eigene
Art als die allein selig machende rücksichtslos aufzuprägen.
Solches Verstehen und Rücksichtnehmen finden wir auf
Seiten des Mannes infolge der niederen Wertung der Frau
in unserem ganzen öffentlichen Leben, infolge unserer die Frau
geradezu zur Unmündigen stempelnden Gesetze nur in ver-
hältnismäßig wenigen Ehen. Die Bevormundung aber, in der
man die Frau hält, rächt sich. Sie läßt in vielen unserer
Frauen kein Verständnis aufkommen für das, was der Mann
neben ihr zur freien, ungehinderten Entfaltung bedarf. Zur
Last wird allzuleicht einer dem anderen, die Ehe gilt als Grab
jeder individuellen Freiheit. Daher der Zauberklang, den das
Wort „freie Liebe“ für Frauen und Männer bekommt.
Aber freie Liebe als Zuchtlosigkeit genommen – und so
versteht man ja gemeinhin das Wort – kann uns Frauen, ich
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Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905, S. 196. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/krukenberg_frauenbewegung_1905/206>, abgerufen am 11.09.2024.
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