die Tochter, so sagt man, gehört zur Mutter. Oder in anderen Fällen wird Berufsausbildung gestattet. Dann aber, sobald die Ausbildungszeit vorbei, hat die Tochter nach Hause zurückzukehren, hat neben dem Beruf den Eltern zu leben. Dem berufstätigen Sohne gibt man Freiheit in jeder Beziehung, bei der Tochter klagt man, wenn sie neben dem Beruf nicht noch Zeit hat für häusliches Leben, häusliche Pflichten, wenn sie nicht immer Rücksichten nimmt auf die Wünsche der Eltern, wenn sie eigene Wege zu gehen, ihrer eigenen Art ent- sprechend zu leben versucht. Vielleicht sehnt sich eine Tochter nach selbstgewähltem, freien Verkehr, nach einer Umgebung, die ihre Art versteht, ihr Freude und Anregung gibt, nach einem selbstgestalteten Heim, nach Zusammenleben mit seelen- verwandten Menschen. Aber sie hat Eltern, die Ansprüche an sie erheben, und darum hat sie auf eigene Lebenswünsche zu verzichten.
Das ist nicht immer so; es gibt ja Mütter, die jedem Kinde verständnisvoll entgegenkommen, die auch der jüngeren Frau gegenüber gerecht zu sein verstehen. Aber die Regel ist es nicht. Für das, was eine Mutter ihren Kindern gab, fordert gar manche ihren Lohn, wenn nicht vom Sohne, so um so selbst- verständlicher von der Tochter.
Wenn die Mütter doch ahnten, wie leer, wie freudlos es oft in dem Herzen ihrer immer älter werdenden Haustöchter aussieht. Nicht - wie man wohl mit leisem Spotte bemerkt - "weil keiner kam, der sie mitnahm", sondern weil sie ein zweckloses, unausgefülltes Dasein führen. Alle Kränzchen, alle Vergnügungen täuschen darüber nicht hinweg. Sie sollen ja nur das Gefühl übertäuben, daß das Leben leer und zwecklos ist. Wir würden einen Mann verachten, der ein so nichtssa- gendes Leben führt. Daß auch in den jungen Mädchen dieses
die Tochter, so sagt man, gehört zur Mutter. Oder in anderen Fällen wird Berufsausbildung gestattet. Dann aber, sobald die Ausbildungszeit vorbei, hat die Tochter nach Hause zurückzukehren, hat neben dem Beruf den Eltern zu leben. Dem berufstätigen Sohne gibt man Freiheit in jeder Beziehung, bei der Tochter klagt man, wenn sie neben dem Beruf nicht noch Zeit hat für häusliches Leben, häusliche Pflichten, wenn sie nicht immer Rücksichten nimmt auf die Wünsche der Eltern, wenn sie eigene Wege zu gehen, ihrer eigenen Art ent- sprechend zu leben versucht. Vielleicht sehnt sich eine Tochter nach selbstgewähltem, freien Verkehr, nach einer Umgebung, die ihre Art versteht, ihr Freude und Anregung gibt, nach einem selbstgestalteten Heim, nach Zusammenleben mit seelen- verwandten Menschen. Aber sie hat Eltern, die Ansprüche an sie erheben, und darum hat sie auf eigene Lebenswünsche zu verzichten.
Das ist nicht immer so; es gibt ja Mütter, die jedem Kinde verständnisvoll entgegenkommen, die auch der jüngeren Frau gegenüber gerecht zu sein verstehen. Aber die Regel ist es nicht. Für das, was eine Mutter ihren Kindern gab, fordert gar manche ihren Lohn, wenn nicht vom Sohne, so um so selbst- verständlicher von der Tochter.
Wenn die Mütter doch ahnten, wie leer, wie freudlos es oft in dem Herzen ihrer immer älter werdenden Haustöchter aussieht. Nicht – wie man wohl mit leisem Spotte bemerkt – „weil keiner kam, der sie mitnahm“, sondern weil sie ein zweckloses, unausgefülltes Dasein führen. Alle Kränzchen, alle Vergnügungen täuschen darüber nicht hinweg. Sie sollen ja nur das Gefühl übertäuben, daß das Leben leer und zwecklos ist. Wir würden einen Mann verachten, der ein so nichtssa- gendes Leben führt. Daß auch in den jungen Mädchen dieses
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die Tochter, so sagt man, gehört zur Mutter. Oder in
anderen Fällen wird Berufsausbildung gestattet. Dann aber,
sobald die Ausbildungszeit vorbei, hat die Tochter nach
Hause zurückzukehren, hat neben dem Beruf den Eltern zu
leben. Dem berufstätigen Sohne gibt man Freiheit in jeder
Beziehung, bei der Tochter klagt man, wenn sie neben dem
Beruf nicht noch Zeit hat für häusliches Leben, häusliche Pflichten,
wenn sie nicht immer Rücksichten nimmt auf die Wünsche der
Eltern, wenn sie eigene Wege zu gehen, ihrer eigenen Art ent-
sprechend zu leben versucht. Vielleicht sehnt sich eine Tochter
nach selbstgewähltem, freien Verkehr, nach einer Umgebung,
die ihre Art versteht, ihr Freude und Anregung gibt, nach
einem selbstgestalteten Heim, nach Zusammenleben mit seelen-
verwandten Menschen. Aber sie hat Eltern, die Ansprüche an
sie erheben, und darum hat sie auf eigene Lebenswünsche zu
verzichten.
Das ist nicht immer so; es gibt ja Mütter, die jedem Kinde
verständnisvoll entgegenkommen, die auch der jüngeren Frau
gegenüber gerecht zu sein verstehen. Aber die Regel ist es nicht.
Für das, was eine Mutter ihren Kindern gab, fordert gar
manche ihren Lohn, wenn nicht vom Sohne, so um so selbst-
verständlicher von der Tochter.
Wenn die Mütter doch ahnten, wie leer, wie freudlos es
oft in dem Herzen ihrer immer älter werdenden Haustöchter
aussieht. Nicht – wie man wohl mit leisem Spotte bemerkt
– „weil keiner kam, der sie mitnahm“, sondern weil sie ein
zweckloses, unausgefülltes Dasein führen. Alle Kränzchen, alle
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(2017-11-13T13:59:15Z)
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Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905, S. 228. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/krukenberg_frauenbewegung_1905/238>, abgerufen am 11.09.2024.
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