zu machen von männlicher Bevormundung, von männlichem Uebergewicht, das die Entfaltung der Frauenart allzu leicht hemmte.
Jnnerliches Reifwerden der Frauen ersehnte Luise Otto. An rein äußerlicher, formaler Gleichberechtigung war ihr wenig gelegen. Einem sittlich hochstehenden Frauen- geschlecht wollte sie Freiheit und Gleichberechtigung erkämpfen. Höher noch als die Liebe zum eigenen Geschlecht stand ihr die Liebe zum ganzen deutschen Volk. Das Vaterland galt ihr mehr als der Einzelne. Aber sie war überzeugt, daß das Vaterland nur dann erstarken könne, wenn man den einzelnen Bürger zum starken, gefesteten Menschen heranbilde und war sich klar, daß aller Ausbau der Volkswohlfahrt ver- geblich bleiben müsse, wenn man die Hälfte des Volkes künst- lich auf niederer Stufe erhalte.
Solche Gesichtspunkte waren ihr für die Arbeit im Dienste der Frauenbewegung maßgebend. So kam in die deutsche Frauenbewegung von vorn herein eine großzügige, wahrhaft nationale Auffassung. Die Art und die Anschauungen ihrer Gründerinnen gaben ihr für alle Zeit das Gepräge. An ihrem hochsinnigen Jdealismus haben jene ersten Frauen, von denen noch eine - Henriette Goldschmidt in Leipzig - unter uns weilt, festgehalten trotz aller Schmähungen und Angriffe, denen sie als Pionierinnen ausgesetzt waren. Wie schwer es ihnen oft gemacht wurde, wie sie fast überall, wohin sie kamen, mit Spott und Hohn empfangen und in ihren Absichten töricht verkannt und von Unverständigen heruntergerissen wurden, das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Nur der Lauterkeit ihrer Gesinnung, der Reinheit ihres Wollens, der maßvoll edlen Art ihres Auftretens war es zu danken, daß in immer mehr Fällen aus Spöttern und Verächtern Freunde
zu machen von männlicher Bevormundung, von männlichem Uebergewicht, das die Entfaltung der Frauenart allzu leicht hemmte.
Jnnerliches Reifwerden der Frauen ersehnte Luise Otto. An rein äußerlicher, formaler Gleichberechtigung war ihr wenig gelegen. Einem sittlich hochstehenden Frauen- geschlecht wollte sie Freiheit und Gleichberechtigung erkämpfen. Höher noch als die Liebe zum eigenen Geschlecht stand ihr die Liebe zum ganzen deutschen Volk. Das Vaterland galt ihr mehr als der Einzelne. Aber sie war überzeugt, daß das Vaterland nur dann erstarken könne, wenn man den einzelnen Bürger zum starken, gefesteten Menschen heranbilde und war sich klar, daß aller Ausbau der Volkswohlfahrt ver- geblich bleiben müsse, wenn man die Hälfte des Volkes künst- lich auf niederer Stufe erhalte.
Solche Gesichtspunkte waren ihr für die Arbeit im Dienste der Frauenbewegung maßgebend. So kam in die deutsche Frauenbewegung von vorn herein eine großzügige, wahrhaft nationale Auffassung. Die Art und die Anschauungen ihrer Gründerinnen gaben ihr für alle Zeit das Gepräge. An ihrem hochsinnigen Jdealismus haben jene ersten Frauen, von denen noch eine – Henriette Goldschmidt in Leipzig – unter uns weilt, festgehalten trotz aller Schmähungen und Angriffe, denen sie als Pionierinnen ausgesetzt waren. Wie schwer es ihnen oft gemacht wurde, wie sie fast überall, wohin sie kamen, mit Spott und Hohn empfangen und in ihren Absichten töricht verkannt und von Unverständigen heruntergerissen wurden, das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Nur der Lauterkeit ihrer Gesinnung, der Reinheit ihres Wollens, der maßvoll edlen Art ihres Auftretens war es zu danken, daß in immer mehr Fällen aus Spöttern und Verächtern Freunde
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zu machen von männlicher Bevormundung, von männlichem
Uebergewicht, das die Entfaltung der Frauenart allzu leicht
hemmte.
Jnnerliches Reifwerden der Frauen ersehnte Luise Otto.
An rein äußerlicher, formaler Gleichberechtigung war ihr
wenig gelegen. Einem sittlich hochstehenden Frauen-
geschlecht wollte sie Freiheit und Gleichberechtigung erkämpfen.
Höher noch als die Liebe zum eigenen Geschlecht stand ihr
die Liebe zum ganzen deutschen Volk. Das Vaterland galt
ihr mehr als der Einzelne. Aber sie war überzeugt, daß
das Vaterland nur dann erstarken könne, wenn man den
einzelnen Bürger zum starken, gefesteten Menschen heranbilde
und war sich klar, daß aller Ausbau der Volkswohlfahrt ver-
geblich bleiben müsse, wenn man die Hälfte des Volkes künst-
lich auf niederer Stufe erhalte.
Solche Gesichtspunkte waren ihr für die Arbeit im Dienste
der Frauenbewegung maßgebend. So kam in die deutsche
Frauenbewegung von vorn herein eine großzügige, wahrhaft
nationale Auffassung. Die Art und die Anschauungen ihrer
Gründerinnen gaben ihr für alle Zeit das Gepräge. An ihrem
hochsinnigen Jdealismus haben jene ersten Frauen, von denen
noch eine – Henriette Goldschmidt in Leipzig – unter uns
weilt, festgehalten trotz aller Schmähungen und Angriffe, denen
sie als Pionierinnen ausgesetzt waren. Wie schwer es ihnen
oft gemacht wurde, wie sie fast überall, wohin sie kamen, mit
Spott und Hohn empfangen und in ihren Absichten töricht
verkannt und von Unverständigen heruntergerissen wurden,
das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Nur der
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Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905, S. 242. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/krukenberg_frauenbewegung_1905/252>, abgerufen am 11.09.2024.
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