Freilich sind die Männer das Feilschen und Handeln im po- litischen Leben arg gewöhnt worden.
Wie aber steht die bürgerliche Frau, von solch egoistischen Nebenempfindungen abgesehen, zur Arbeiterinnenbewegung?
Daß ihre Sympathien überall da sind, wo es Rechtlose zu schützen gilt, sagte ich schon. Aber über Einzelfälle im Klassenkampfe vom grünen Tisch aus urteilen zu wollen, ist eine gewagte Sache. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse sind überaus kompliziert. Der einzelne Arbeitgeber ist nicht un- abhängig in seinen Entschließungen. Gar mancher hat schwer zu ringen, um seinen Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten. Die Notwendigkeit, auf dem Weltmarkt zu bestehen, die Kon- kurrenz mit Ländern aufzunehmen, die mit Minimallöhnen arbeiten lassen oder denen die Natur verschwenderische Fülle auch bei geringerer Mühe und Arbeit, als wir sie aufwenden müssen, gibt - diese Notwendigkeit drückt schwer auf viele Zweige unseres Erwerbslebens. Jnternationale Verein- barungen allein können demgegenüber wirksame Hilfe bringen.
Ein Land allein und noch weniger ein einzelner Arbeit- geber, auch wenn es der Staat wäre, ist den bestehenden Kon- junkturen gegenüber oft einfach machtlos. Das gilt es zu be- denken und darum erscheint mir nur ein Weg für die Frauen der bürgerlichen Klassen als Hilfsweg gegenüber den bestehen- den Mißständen gangbar:
Nicht der Weg des Unzufriedenmachens, des Aufwiegelns oder der blinden Zustimmung zu allem, was der Arbeiter wünscht und will.
Denn, wie gesagt, wir wissen nicht immer, ob inner- halb der bestehenden Verhältnisse Abänderung möglich ist. Ein stillgelegter Betrieb trifft Arbeiter und Arbeiterinnen hart. Die Möglichkeit, ein wenn auch bescheidenes Brot zu gewinnen,
Freilich sind die Männer das Feilschen und Handeln im po- litischen Leben arg gewöhnt worden.
Wie aber steht die bürgerliche Frau, von solch egoistischen Nebenempfindungen abgesehen, zur Arbeiterinnenbewegung?
Daß ihre Sympathien überall da sind, wo es Rechtlose zu schützen gilt, sagte ich schon. Aber über Einzelfälle im Klassenkampfe vom grünen Tisch aus urteilen zu wollen, ist eine gewagte Sache. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse sind überaus kompliziert. Der einzelne Arbeitgeber ist nicht un- abhängig in seinen Entschließungen. Gar mancher hat schwer zu ringen, um seinen Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten. Die Notwendigkeit, auf dem Weltmarkt zu bestehen, die Kon- kurrenz mit Ländern aufzunehmen, die mit Minimallöhnen arbeiten lassen oder denen die Natur verschwenderische Fülle auch bei geringerer Mühe und Arbeit, als wir sie aufwenden müssen, gibt – diese Notwendigkeit drückt schwer auf viele Zweige unseres Erwerbslebens. Jnternationale Verein- barungen allein können demgegenüber wirksame Hilfe bringen.
Ein Land allein und noch weniger ein einzelner Arbeit- geber, auch wenn es der Staat wäre, ist den bestehenden Kon- junkturen gegenüber oft einfach machtlos. Das gilt es zu be- denken und darum erscheint mir nur ein Weg für die Frauen der bürgerlichen Klassen als Hilfsweg gegenüber den bestehen- den Mißständen gangbar:
Nicht der Weg des Unzufriedenmachens, des Aufwiegelns oder der blinden Zustimmung zu allem, was der Arbeiter wünscht und will.
Denn, wie gesagt, wir wissen nicht immer, ob inner- halb der bestehenden Verhältnisse Abänderung möglich ist. Ein stillgelegter Betrieb trifft Arbeiter und Arbeiterinnen hart. Die Möglichkeit, ein wenn auch bescheidenes Brot zu gewinnen,
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Freilich sind die Männer das Feilschen und Handeln im po-
litischen Leben arg gewöhnt worden.
Wie aber steht die bürgerliche Frau, von solch egoistischen
Nebenempfindungen abgesehen, zur Arbeiterinnenbewegung?
Daß ihre Sympathien überall da sind, wo es Rechtlose
zu schützen gilt, sagte ich schon. Aber über Einzelfälle im
Klassenkampfe vom grünen Tisch aus urteilen zu wollen, ist
eine gewagte Sache. Unsere wirtschaftlichen Verhältnisse sind
überaus kompliziert. Der einzelne Arbeitgeber ist nicht un-
abhängig in seinen Entschließungen. Gar mancher hat schwer
zu ringen, um seinen Betrieb überhaupt aufrecht zu erhalten.
Die Notwendigkeit, auf dem Weltmarkt zu bestehen, die Kon-
kurrenz mit Ländern aufzunehmen, die mit Minimallöhnen
arbeiten lassen oder denen die Natur verschwenderische Fülle
auch bei geringerer Mühe und Arbeit, als wir sie aufwenden
müssen, gibt – diese Notwendigkeit drückt schwer auf viele
Zweige unseres Erwerbslebens. Jnternationale Verein-
barungen allein können demgegenüber wirksame Hilfe bringen.
Ein Land allein und noch weniger ein einzelner Arbeit-
geber, auch wenn es der Staat wäre, ist den bestehenden Kon-
junkturen gegenüber oft einfach machtlos. Das gilt es zu be-
denken und darum erscheint mir nur ein Weg für die Frauen
der bürgerlichen Klassen als Hilfsweg gegenüber den bestehen-
den Mißständen gangbar:
Nicht der Weg des Unzufriedenmachens, des Aufwiegelns
oder der blinden Zustimmung zu allem, was der Arbeiter
wünscht und will.
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Krukenberg, Elsbeth: Die Frauenbewegung, ihre Ziele und ihre Bedeutung. Tübingen, 1905, S. 256. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/krukenberg_frauenbewegung_1905/266>, abgerufen am 11.09.2024.
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