Kruse, Laurids: Nordische Freundschaft. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 6. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 1–105. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.im umgekehrten Falle würde ich, müßte ich dich tödten. Es war damals etwas ganz Anderes, denn es galt mir allein. Du willst mich zum Mörder machen. Du bist mein Mörder nicht; meine eigne That ist's die durch dein Verweigern mich noch schwerer drückt. Bin ich denn nicht mehr werth, von deiner treuen Hand zu sterben? Kannst du mich, deinen Stand der öffentlichen Schande hingeben? Denn ich schwöre -- Schwöre nicht, unterbrach ihn Woldemar. Nein, fuhr er ruhig fort, denn ich habe es schon geschworen, und du weißt, ich halte Wort: wenn du meine Bitte verweigerst, übergebe ich mich noch morgen den Kriegsgesetzen. Die Uniform darf auch keinen geheimen dunklen Flecken tragen, aber die Welt wird meine That noch schwärzer machen, muß sie einen aus Haß und Neid hervorgebrachten Meuchelmord nennen. Du, der du in meiner Seele denkest, weißt, daß es nicht so ist; darum, willst du den Freund dem Henkerbeil, die Ehre des Corps dem Hohnlachen des Neides hingeben? Ich bitte dich knieend, Woldemar, gewähre mir den Trost, in deinen treuen Armen meine Schuld mit dem Leben auszuhauchen. Auch du hast geschworen. Es sei! rief Woldemar ernst und entschlossen: ich muß Alles mit dir theilen, auch das Unrecht. Er umfaßte mit dem linken Arm den Freund und drückte zum ersten Mal einen langen heißen Kuß auf seine Lippen; mit der rechten Hand setzte er ihm die Pistole im umgekehrten Falle würde ich, müßte ich dich tödten. Es war damals etwas ganz Anderes, denn es galt mir allein. Du willst mich zum Mörder machen. Du bist mein Mörder nicht; meine eigne That ist's die durch dein Verweigern mich noch schwerer drückt. Bin ich denn nicht mehr werth, von deiner treuen Hand zu sterben? Kannst du mich, deinen Stand der öffentlichen Schande hingeben? Denn ich schwöre — Schwöre nicht, unterbrach ihn Woldemar. Nein, fuhr er ruhig fort, denn ich habe es schon geschworen, und du weißt, ich halte Wort: wenn du meine Bitte verweigerst, übergebe ich mich noch morgen den Kriegsgesetzen. Die Uniform darf auch keinen geheimen dunklen Flecken tragen, aber die Welt wird meine That noch schwärzer machen, muß sie einen aus Haß und Neid hervorgebrachten Meuchelmord nennen. Du, der du in meiner Seele denkest, weißt, daß es nicht so ist; darum, willst du den Freund dem Henkerbeil, die Ehre des Corps dem Hohnlachen des Neides hingeben? Ich bitte dich knieend, Woldemar, gewähre mir den Trost, in deinen treuen Armen meine Schuld mit dem Leben auszuhauchen. Auch du hast geschworen. Es sei! rief Woldemar ernst und entschlossen: ich muß Alles mit dir theilen, auch das Unrecht. Er umfaßte mit dem linken Arm den Freund und drückte zum ersten Mal einen langen heißen Kuß auf seine Lippen; mit der rechten Hand setzte er ihm die Pistole <TEI> <text> <body> <div n="1"> <p><pb facs="#f0095"/> im umgekehrten Falle würde ich, müßte ich dich tödten.</p><lb/> <p>Es war damals etwas ganz Anderes, denn es galt mir allein. Du willst mich zum Mörder machen. Du bist mein Mörder nicht; meine eigne That ist's die durch dein Verweigern mich noch schwerer drückt. Bin ich denn nicht mehr werth, von deiner treuen Hand zu sterben? Kannst du mich, deinen Stand der öffentlichen Schande hingeben? Denn ich schwöre —</p><lb/> <p>Schwöre nicht, unterbrach ihn Woldemar.</p><lb/> <p>Nein, fuhr er ruhig fort, denn ich habe es schon geschworen, und du weißt, ich halte Wort: wenn du meine Bitte verweigerst, übergebe ich mich noch morgen den Kriegsgesetzen. Die Uniform darf auch keinen geheimen dunklen Flecken tragen, aber die Welt wird meine That noch schwärzer machen, muß sie einen aus Haß und Neid hervorgebrachten Meuchelmord nennen. Du, der du in meiner Seele denkest, weißt, daß es nicht so ist; darum, willst du den Freund dem Henkerbeil, die Ehre des Corps dem Hohnlachen des Neides hingeben? Ich bitte dich knieend, Woldemar, gewähre mir den Trost, in deinen treuen Armen meine Schuld mit dem Leben auszuhauchen. Auch du hast geschworen.</p><lb/> <p>Es sei! rief Woldemar ernst und entschlossen: ich muß Alles mit dir theilen, auch das Unrecht. Er umfaßte mit dem linken Arm den Freund und drückte zum ersten Mal einen langen heißen Kuß auf seine Lippen; mit der rechten Hand setzte er ihm die Pistole<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0095]
im umgekehrten Falle würde ich, müßte ich dich tödten.
Es war damals etwas ganz Anderes, denn es galt mir allein. Du willst mich zum Mörder machen. Du bist mein Mörder nicht; meine eigne That ist's die durch dein Verweigern mich noch schwerer drückt. Bin ich denn nicht mehr werth, von deiner treuen Hand zu sterben? Kannst du mich, deinen Stand der öffentlichen Schande hingeben? Denn ich schwöre —
Schwöre nicht, unterbrach ihn Woldemar.
Nein, fuhr er ruhig fort, denn ich habe es schon geschworen, und du weißt, ich halte Wort: wenn du meine Bitte verweigerst, übergebe ich mich noch morgen den Kriegsgesetzen. Die Uniform darf auch keinen geheimen dunklen Flecken tragen, aber die Welt wird meine That noch schwärzer machen, muß sie einen aus Haß und Neid hervorgebrachten Meuchelmord nennen. Du, der du in meiner Seele denkest, weißt, daß es nicht so ist; darum, willst du den Freund dem Henkerbeil, die Ehre des Corps dem Hohnlachen des Neides hingeben? Ich bitte dich knieend, Woldemar, gewähre mir den Trost, in deinen treuen Armen meine Schuld mit dem Leben auszuhauchen. Auch du hast geschworen.
Es sei! rief Woldemar ernst und entschlossen: ich muß Alles mit dir theilen, auch das Unrecht. Er umfaßte mit dem linken Arm den Freund und drückte zum ersten Mal einen langen heißen Kuß auf seine Lippen; mit der rechten Hand setzte er ihm die Pistole
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