Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Kürnberger, Ferdinand: Der Amerika-Müde. Frankfurt (Main), 1855.

Bild:
<< vorherige Seite

bar-schöne Weltordnung der Antike zerfetzte romantisches Galgen- und
Zwielichts-Gevögel. Auf einmal war der Jammer entschieden; in
einem humoristisch-verzweifelten Tremolo sprang's wie ein Pudel, --
ein wohlbekannter Pudel! -- in die vier Saiten und apportirte dem
olympischen Griechenland bulgarisches Zigeunergesindel. Schneller jagt
Aprilschnee sich mit Aprilsonne nicht, als Gluck's Styl in eine Fan¬
tasie nach dem Rakoczy-Marsch umsprang. Als Cöleste diese
Rhythmen hörte, bedeckte sie ihr Antlitz mit beiden Händen und sank
kniend in den Schooß ihrer Mutter. Der spornklirrende Kriegsgesang
jagte über sie hin, unaufhaltsam. Zaum- und zügellos flogs haide¬
wild dahin: Schlachtlust, Abschiedsweinen. Ein Narbengesicht in Thrä¬
nen! In diesen Klängen athmete Moorfeld Heimatsluft. Schenken¬
lustige Tänze wirbelten, türkische Krummsäbel und ungarische Pallasche
klirrten, man sah das Schlachtfeld der Völker, das Schlachtfeld der
Herzen, denn immer und immer weinte es in jenen herzzerreißenden
Molltönen dazwischen und am Horizont des Kriegsgetümmels stand
verlassene Liebe! So trieb's Moorfeld bis der letzte Tropfen Herzblut
herausgeschüttet war, dann warf er die Geige wild hin und rief nach
der Thüre stürzend: "Auch das ist ein Andenken!

Nein, so dürfen Sie nicht von uns! rief Cöleste aufspringend,
außer sich. Sie hielt Moorfeld zurück. Der weibliche Genius des Be¬
ruhigens flehte um einen Sonnenblick in seinem Auge. Dringend
faßte sie Moorfeld's Arm -- so dürfen Sie nicht von uns! das darf
Ihr letztes Wort nicht sein!

Es ist's nicht! antwortete Moorfeld, -- ich werde den Frauen¬
herzen noch manches Souvenir schreiben! Verfolgen Sie den Dichter¬
namen Nicolaus --

Seine Stimme brach, -- ein Blick, -- ein Händedruck -- er
stürmte hinweg.


bar-ſchöne Weltordnung der Antike zerfetzte romantiſches Galgen- und
Zwielichts-Gevögel. Auf einmal war der Jammer entſchieden; in
einem humoriſtiſch-verzweifelten Tremolo ſprang's wie ein Pudel, —
ein wohlbekannter Pudel! — in die vier Saiten und apportirte dem
olympiſchen Griechenland bulgariſches Zigeunergeſindel. Schneller jagt
Aprilſchnee ſich mit Aprilſonne nicht, als Gluck's Styl in eine Fan¬
taſie nach dem Rakoczy-Marſch umſprang. Als Cöleſte dieſe
Rhythmen hörte, bedeckte ſie ihr Antlitz mit beiden Händen und ſank
kniend in den Schooß ihrer Mutter. Der ſpornklirrende Kriegsgeſang
jagte über ſie hin, unaufhaltſam. Zaum- und zügellos flogs haide¬
wild dahin: Schlachtluſt, Abſchiedsweinen. Ein Narbengeſicht in Thrä¬
nen! In dieſen Klängen athmete Moorfeld Heimatsluft. Schenken¬
luſtige Tänze wirbelten, türkiſche Krummſäbel und ungariſche Pallaſche
klirrten, man ſah das Schlachtfeld der Völker, das Schlachtfeld der
Herzen, denn immer und immer weinte es in jenen herzzerreißenden
Molltönen dazwiſchen und am Horizont des Kriegsgetümmels ſtand
verlaſſene Liebe! So trieb's Moorfeld bis der letzte Tropfen Herzblut
herausgeſchüttet war, dann warf er die Geige wild hin und rief nach
der Thüre ſtürzend: „Auch das iſt ein Andenken!

Nein, ſo dürfen Sie nicht von uns! rief Cöleſte aufſpringend,
außer ſich. Sie hielt Moorfeld zurück. Der weibliche Genius des Be¬
ruhigens flehte um einen Sonnenblick in ſeinem Auge. Dringend
faßte ſie Moorfeld's Arm — ſo dürfen Sie nicht von uns! das darf
Ihr letztes Wort nicht ſein!

Es iſt's nicht! antwortete Moorfeld, — ich werde den Frauen¬
herzen noch manches Souvenir ſchreiben! Verfolgen Sie den Dichter¬
namen Nicolaus —

Seine Stimme brach, — ein Blick, — ein Händedruck — er
ſtürmte hinweg.


<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <p><pb facs="#f0512" n="494"/>
bar-&#x017F;chöne Weltordnung der Antike zerfetzte romanti&#x017F;ches Galgen- und<lb/>
Zwielichts-Gevögel. Auf einmal war der Jammer ent&#x017F;chieden; in<lb/>
einem humori&#x017F;ti&#x017F;ch-verzweifelten Tremolo &#x017F;prang's wie ein Pudel, &#x2014;<lb/>
ein wohlbekannter Pudel! &#x2014; in die vier Saiten und apportirte dem<lb/>
olympi&#x017F;chen Griechenland bulgari&#x017F;ches Zigeunerge&#x017F;indel. Schneller jagt<lb/>
April&#x017F;chnee &#x017F;ich mit April&#x017F;onne nicht, als <hi rendition="#g">Gluck's</hi> Styl in eine Fan¬<lb/>
ta&#x017F;ie nach dem <hi rendition="#g">Rakoczy-Mar&#x017F;ch</hi> um&#x017F;prang. Als Cöle&#x017F;te die&#x017F;e<lb/>
Rhythmen hörte, bedeckte &#x017F;ie ihr Antlitz mit beiden Händen und &#x017F;ank<lb/>
kniend in den Schooß ihrer Mutter. Der &#x017F;pornklirrende Kriegsge&#x017F;ang<lb/>
jagte über &#x017F;ie hin, unaufhalt&#x017F;am. Zaum- und zügellos flogs haide¬<lb/>
wild dahin: Schlachtlu&#x017F;t, Ab&#x017F;chiedsweinen. Ein Narbenge&#x017F;icht in Thrä¬<lb/>
nen! In die&#x017F;en Klängen athmete Moorfeld Heimatsluft. Schenken¬<lb/>
lu&#x017F;tige Tänze wirbelten, türki&#x017F;che Krumm&#x017F;äbel und ungari&#x017F;che Palla&#x017F;che<lb/>
klirrten, man &#x017F;ah das Schlachtfeld der Völker, das Schlachtfeld der<lb/>
Herzen, denn immer und immer weinte es in jenen herzzerreißenden<lb/>
Molltönen dazwi&#x017F;chen und am Horizont des Kriegsgetümmels &#x017F;tand<lb/>
verla&#x017F;&#x017F;ene Liebe! So trieb's Moorfeld bis der letzte Tropfen Herzblut<lb/>
herausge&#x017F;chüttet war, dann warf er die Geige wild hin und rief nach<lb/>
der Thüre &#x017F;türzend: &#x201E;Auch das i&#x017F;t ein Andenken!</p><lb/>
          <p>Nein, &#x017F;o dürfen Sie nicht von uns! rief Cöle&#x017F;te auf&#x017F;pringend,<lb/>
außer &#x017F;ich. Sie hielt Moorfeld zurück. Der weibliche Genius des Be¬<lb/>
ruhigens <hi rendition="#g">flehte</hi> um einen Sonnenblick in &#x017F;einem Auge. Dringend<lb/>
faßte &#x017F;ie Moorfeld's Arm &#x2014; &#x017F;o dürfen Sie nicht von uns! das darf<lb/>
Ihr letztes Wort nicht &#x017F;ein!</p><lb/>
          <p>Es i&#x017F;t's nicht! antwortete Moorfeld, &#x2014; ich werde den Frauen¬<lb/>
herzen noch manches Souvenir &#x017F;chreiben! Verfolgen Sie den Dichter¬<lb/>
namen Nicolaus &#x2014;</p><lb/>
          <p>Seine Stimme brach, &#x2014; ein Blick, &#x2014; ein Händedruck &#x2014; er<lb/>
&#x017F;türmte hinweg.</p><lb/>
          <milestone rendition="#hr" unit="section"/>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[494/0512] bar-ſchöne Weltordnung der Antike zerfetzte romantiſches Galgen- und Zwielichts-Gevögel. Auf einmal war der Jammer entſchieden; in einem humoriſtiſch-verzweifelten Tremolo ſprang's wie ein Pudel, — ein wohlbekannter Pudel! — in die vier Saiten und apportirte dem olympiſchen Griechenland bulgariſches Zigeunergeſindel. Schneller jagt Aprilſchnee ſich mit Aprilſonne nicht, als Gluck's Styl in eine Fan¬ taſie nach dem Rakoczy-Marſch umſprang. Als Cöleſte dieſe Rhythmen hörte, bedeckte ſie ihr Antlitz mit beiden Händen und ſank kniend in den Schooß ihrer Mutter. Der ſpornklirrende Kriegsgeſang jagte über ſie hin, unaufhaltſam. Zaum- und zügellos flogs haide¬ wild dahin: Schlachtluſt, Abſchiedsweinen. Ein Narbengeſicht in Thrä¬ nen! In dieſen Klängen athmete Moorfeld Heimatsluft. Schenken¬ luſtige Tänze wirbelten, türkiſche Krummſäbel und ungariſche Pallaſche klirrten, man ſah das Schlachtfeld der Völker, das Schlachtfeld der Herzen, denn immer und immer weinte es in jenen herzzerreißenden Molltönen dazwiſchen und am Horizont des Kriegsgetümmels ſtand verlaſſene Liebe! So trieb's Moorfeld bis der letzte Tropfen Herzblut herausgeſchüttet war, dann warf er die Geige wild hin und rief nach der Thüre ſtürzend: „Auch das iſt ein Andenken! Nein, ſo dürfen Sie nicht von uns! rief Cöleſte aufſpringend, außer ſich. Sie hielt Moorfeld zurück. Der weibliche Genius des Be¬ ruhigens flehte um einen Sonnenblick in ſeinem Auge. Dringend faßte ſie Moorfeld's Arm — ſo dürfen Sie nicht von uns! das darf Ihr letztes Wort nicht ſein! Es iſt's nicht! antwortete Moorfeld, — ich werde den Frauen¬ herzen noch manches Souvenir ſchreiben! Verfolgen Sie den Dichter¬ namen Nicolaus — Seine Stimme brach, — ein Blick, — ein Händedruck — er ſtürmte hinweg.

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde von OCR-Software automatisch erfasst und anschließend gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien von Muttersprachlern nachkontrolliert. Es wurde gemäß dem DTA-Basisformat in XML/TEI P5 kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/kuernberger_amerikamuede_1855
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/kuernberger_amerikamuede_1855/512
Zitationshilfe: Kürnberger, Ferdinand: Der Amerika-Müde. Frankfurt (Main), 1855, S. 494. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kuernberger_amerikamuede_1855/512>, abgerufen am 13.05.2021.