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Kürnberger, Ferdinand: Der Drache. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [263]–310. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.

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Farben -- staunende Blicke -- Rudolf wollte in Dank gegen seinen Beschützer ausbrechen. Aber der Doctor winkte ihm -- da wendete sich Rudolf an den Hausvater, sank zu dessen Füßen nieder, führte dessen Hand an sein flammendes Angesicht zum Kusse und stammelte unter Freudenthränen: Wie kann ich's verdienen, das Glück? -- Sei brav! sagte der Bauer noch kürzer, und der Doctor fügte hinzu: Mein Auftrag an dich ist länger, du glorioser Held, der vor einem Kolibri ausreißt. He, soll das noch einmal passiren auf diesem Grund und Boden? Höre mich, Rudolf. Du überkommst Haus und Feld, du wirst dich auf einen stattlichen Wohlstand arbeiten. Dein Kopf wird keine Null sein im Gemeinderath; ja, ich bilde mir ein, ich darf dich einst als Schultheiß begrüßen in deinen reiferen Mannesjahren. Wohlan, fasse schon in diesem Augenblicke gute Vorsätze für deine künftige Wirksamkeit. Die Volksbildung von Breitenau laß dein Augenmerk sein. Die hiesige Schulstelle ist eine der ärmsten und versunkensten -- wenn der Lehrer selbst nach Feld und Garten muß, wie soll er das Unkraut in euern Köpfen bemeistern? Inzwischen wird das Oertchen in Aufnahme kommen, wenn mehr solcher Arme der Gemeinde zuwachsen; Prachtmenschen, wie ihr, werden den Stand der schulfähigen Jugend auch gehörig vergrößern; -- so bind' ich dir, wie gesagt, ganz besonders die Schule ans Herz. Was du aus deinen eignen Mitteln wirst thun können, der Pfennig, der Thaler, der sonst als Opfergabe zu haben ist -- wend' es auf diesen Zweck. Jeder Mensch hat einen Lieblingsgedanken, den er durchsetzen will im Leben, und wer mit festem, thätigem Mannessinn unverrückt darauf lossteuert, der erreicht ihn gewiß, eh' er den letzten Kalender an die Wand hängt, -- das glaube mir. Wohlan, dein Gedanke sei die Aufklärung. Aber eine andere als des Herrn

Farben — staunende Blicke — Rudolf wollte in Dank gegen seinen Beschützer ausbrechen. Aber der Doctor winkte ihm — da wendete sich Rudolf an den Hausvater, sank zu dessen Füßen nieder, führte dessen Hand an sein flammendes Angesicht zum Kusse und stammelte unter Freudenthränen: Wie kann ich's verdienen, das Glück? — Sei brav! sagte der Bauer noch kürzer, und der Doctor fügte hinzu: Mein Auftrag an dich ist länger, du glorioser Held, der vor einem Kolibri ausreißt. He, soll das noch einmal passiren auf diesem Grund und Boden? Höre mich, Rudolf. Du überkommst Haus und Feld, du wirst dich auf einen stattlichen Wohlstand arbeiten. Dein Kopf wird keine Null sein im Gemeinderath; ja, ich bilde mir ein, ich darf dich einst als Schultheiß begrüßen in deinen reiferen Mannesjahren. Wohlan, fasse schon in diesem Augenblicke gute Vorsätze für deine künftige Wirksamkeit. Die Volksbildung von Breitenau laß dein Augenmerk sein. Die hiesige Schulstelle ist eine der ärmsten und versunkensten — wenn der Lehrer selbst nach Feld und Garten muß, wie soll er das Unkraut in euern Köpfen bemeistern? Inzwischen wird das Oertchen in Aufnahme kommen, wenn mehr solcher Arme der Gemeinde zuwachsen; Prachtmenschen, wie ihr, werden den Stand der schulfähigen Jugend auch gehörig vergrößern; — so bind' ich dir, wie gesagt, ganz besonders die Schule ans Herz. Was du aus deinen eignen Mitteln wirst thun können, der Pfennig, der Thaler, der sonst als Opfergabe zu haben ist — wend' es auf diesen Zweck. Jeder Mensch hat einen Lieblingsgedanken, den er durchsetzen will im Leben, und wer mit festem, thätigem Mannessinn unverrückt darauf lossteuert, der erreicht ihn gewiß, eh' er den letzten Kalender an die Wand hängt, — das glaube mir. Wohlan, dein Gedanke sei die Aufklärung. Aber eine andere als des Herrn

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[0050] Farben — staunende Blicke — Rudolf wollte in Dank gegen seinen Beschützer ausbrechen. Aber der Doctor winkte ihm — da wendete sich Rudolf an den Hausvater, sank zu dessen Füßen nieder, führte dessen Hand an sein flammendes Angesicht zum Kusse und stammelte unter Freudenthränen: Wie kann ich's verdienen, das Glück? — Sei brav! sagte der Bauer noch kürzer, und der Doctor fügte hinzu: Mein Auftrag an dich ist länger, du glorioser Held, der vor einem Kolibri ausreißt. He, soll das noch einmal passiren auf diesem Grund und Boden? Höre mich, Rudolf. Du überkommst Haus und Feld, du wirst dich auf einen stattlichen Wohlstand arbeiten. Dein Kopf wird keine Null sein im Gemeinderath; ja, ich bilde mir ein, ich darf dich einst als Schultheiß begrüßen in deinen reiferen Mannesjahren. Wohlan, fasse schon in diesem Augenblicke gute Vorsätze für deine künftige Wirksamkeit. Die Volksbildung von Breitenau laß dein Augenmerk sein. Die hiesige Schulstelle ist eine der ärmsten und versunkensten — wenn der Lehrer selbst nach Feld und Garten muß, wie soll er das Unkraut in euern Köpfen bemeistern? Inzwischen wird das Oertchen in Aufnahme kommen, wenn mehr solcher Arme der Gemeinde zuwachsen; Prachtmenschen, wie ihr, werden den Stand der schulfähigen Jugend auch gehörig vergrößern; — so bind' ich dir, wie gesagt, ganz besonders die Schule ans Herz. Was du aus deinen eignen Mitteln wirst thun können, der Pfennig, der Thaler, der sonst als Opfergabe zu haben ist — wend' es auf diesen Zweck. Jeder Mensch hat einen Lieblingsgedanken, den er durchsetzen will im Leben, und wer mit festem, thätigem Mannessinn unverrückt darauf lossteuert, der erreicht ihn gewiß, eh' er den letzten Kalender an die Wand hängt, — das glaube mir. Wohlan, dein Gedanke sei die Aufklärung. Aber eine andere als des Herrn

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Digital Humanities Cooperation Konstanz/Darmstadt: Bereitstellung der Texttranskription. (2017-03-15T13:57:16Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Jan Merkt, Thomas Gilli, Jasmin Bieber, Katharina Herget, Anni Peter, Christian Thomas, Benjamin Fiechter: Bearbeitung der digitalen Edition. (2017-03-15T13:57:16Z)

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Zitationshilfe: Kürnberger, Ferdinand: Der Drache. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 11. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. [263]–310. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kuernberger_drache_1910/50>, abgerufen am 19.05.2022.