Kurz, Hermann: Die beiden Tubus. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 18. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 149–277. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016.Der dritte der Examenstage, der Tag der mündlichen Prüfung, brach an. Die zum Schwitzen verordnete Jugend schnürte ihre Bücher in den alterthümlichen Riemen und eilte dem Schlachtfelde zu, wo der Ausschlag erfolgen sollte; denn heute galt es, den ganzen Mann von dem hal zu unterscheiden. Wilhelm, sagte der Pfarrer von A . . . Berg zu seinem Sohne, den er heute zum letztenmal begleitete: sag mir ehrlich, ob dir das Herz nicht klopft. Ein Examinator hat es doch weit besser, als ein Examinand, denn Jener ist auf die Fragen vorbereitet und dieser nicht. Sieh, ich traue dir zwar sehr viel zu, aber -- der Mensch mag noch so Vieles wissen, Alles weiß er nicht. Hast du nie daran gedacht, daß just eine Frage an dich kommen könnte, in der du -- nicht so ganz zu Hanse bist? Freilich, sagte Wilhelm mit Gleichmuth. In diesem Fall gedenke ich die Rede auf einen verwandten Gegenstand hinüberzuspielen; denn es kommt nicht darauf an, daß man Alles weiß, sondern darauf, daß man wo möglich keine Antwort schuldig bleibt. Der Vater klopfte den Sohn auf die Schulter. Wilhelm, sagte er freudig bewegt, an deiner Carriere hab' ich keinen Zweifel mehr. Mit diesen Worten schieden sie von der Schwelle des Gymnasiums. Im Hinaufsteigen sah sich Wilhelm auf der Treppe Der dritte der Examenstage, der Tag der mündlichen Prüfung, brach an. Die zum Schwitzen verordnete Jugend schnürte ihre Bücher in den alterthümlichen Riemen und eilte dem Schlachtfelde zu, wo der Ausschlag erfolgen sollte; denn heute galt es, den ganzen Mann von dem hal zu unterscheiden. Wilhelm, sagte der Pfarrer von A . . . Berg zu seinem Sohne, den er heute zum letztenmal begleitete: sag mir ehrlich, ob dir das Herz nicht klopft. Ein Examinator hat es doch weit besser, als ein Examinand, denn Jener ist auf die Fragen vorbereitet und dieser nicht. Sieh, ich traue dir zwar sehr viel zu, aber — der Mensch mag noch so Vieles wissen, Alles weiß er nicht. Hast du nie daran gedacht, daß just eine Frage an dich kommen könnte, in der du — nicht so ganz zu Hanse bist? Freilich, sagte Wilhelm mit Gleichmuth. In diesem Fall gedenke ich die Rede auf einen verwandten Gegenstand hinüberzuspielen; denn es kommt nicht darauf an, daß man Alles weiß, sondern darauf, daß man wo möglich keine Antwort schuldig bleibt. Der Vater klopfte den Sohn auf die Schulter. Wilhelm, sagte er freudig bewegt, an deiner Carrière hab' ich keinen Zweifel mehr. Mit diesen Worten schieden sie von der Schwelle des Gymnasiums. Im Hinaufsteigen sah sich Wilhelm auf der Treppe <TEI> <text> <body> <div type="chapter" n="3"> <pb facs="#f0081"/> <p>Der dritte der Examenstage, der Tag der mündlichen Prüfung, brach an.</p><lb/> <p>Die zum Schwitzen verordnete Jugend schnürte ihre Bücher in den alterthümlichen Riemen und eilte dem Schlachtfelde zu, wo der Ausschlag erfolgen sollte; denn heute galt es, den ganzen Mann von dem hal zu unterscheiden.</p><lb/> <p>Wilhelm, sagte der Pfarrer von A . . . Berg zu seinem Sohne, den er heute zum letztenmal begleitete: sag mir ehrlich, ob dir das Herz nicht klopft. Ein Examinator hat es doch weit besser, als ein Examinand, denn Jener ist auf die Fragen vorbereitet und dieser nicht. Sieh, ich traue dir zwar sehr viel zu, aber — der Mensch mag noch so Vieles wissen, Alles weiß er nicht. Hast du nie daran gedacht, daß just eine Frage an dich kommen könnte, in der du — nicht so ganz zu Hanse bist?</p><lb/> <p>Freilich, sagte Wilhelm mit Gleichmuth. In diesem Fall gedenke ich die Rede auf einen verwandten Gegenstand hinüberzuspielen; denn es kommt nicht darauf an, daß man Alles weiß, sondern darauf, daß man wo möglich keine Antwort schuldig bleibt.</p><lb/> <p>Der Vater klopfte den Sohn auf die Schulter. Wilhelm, sagte er freudig bewegt, an deiner Carrière hab' ich keinen Zweifel mehr. </p><lb/> <p>Mit diesen Worten schieden sie von der Schwelle des Gymnasiums.</p><lb/> <p>Im Hinaufsteigen sah sich Wilhelm auf der Treppe<lb/></p> </div> </body> </text> </TEI> [0081]
Der dritte der Examenstage, der Tag der mündlichen Prüfung, brach an.
Die zum Schwitzen verordnete Jugend schnürte ihre Bücher in den alterthümlichen Riemen und eilte dem Schlachtfelde zu, wo der Ausschlag erfolgen sollte; denn heute galt es, den ganzen Mann von dem hal zu unterscheiden.
Wilhelm, sagte der Pfarrer von A . . . Berg zu seinem Sohne, den er heute zum letztenmal begleitete: sag mir ehrlich, ob dir das Herz nicht klopft. Ein Examinator hat es doch weit besser, als ein Examinand, denn Jener ist auf die Fragen vorbereitet und dieser nicht. Sieh, ich traue dir zwar sehr viel zu, aber — der Mensch mag noch so Vieles wissen, Alles weiß er nicht. Hast du nie daran gedacht, daß just eine Frage an dich kommen könnte, in der du — nicht so ganz zu Hanse bist?
Freilich, sagte Wilhelm mit Gleichmuth. In diesem Fall gedenke ich die Rede auf einen verwandten Gegenstand hinüberzuspielen; denn es kommt nicht darauf an, daß man Alles weiß, sondern darauf, daß man wo möglich keine Antwort schuldig bleibt.
Der Vater klopfte den Sohn auf die Schulter. Wilhelm, sagte er freudig bewegt, an deiner Carrière hab' ich keinen Zweifel mehr.
Mit diesen Worten schieden sie von der Schwelle des Gymnasiums.
Im Hinaufsteigen sah sich Wilhelm auf der Treppe
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| Zitationshilfe: | Kurz, Hermann: Die beiden Tubus. In: Deutscher Novellenschatz. Hrsg. von Paul Heyse und Hermann Kurz. Bd. 18. 2. Aufl. Berlin, [1910], S. 149–277. In: Weitin, Thomas (Hrsg.): Volldigitalisiertes Korpus. Der Deutsche Novellenschatz. Darmstadt/Konstanz, 2016, S. . In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/kurz_tubus_1910/81>, abgerufen am 11.09.2024. |


