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Lange, Helene: Die Frauen und das politische Leben. Berlin, 1909.

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eine Streitfrage, daß für den modernen Staat diese Bewegung
der wirtschaftlichen Jnteressen zu korporativen Zusammenschlüssen
und nach Einfluß auf die Gesetzgebung die ausschlaggebende,
bestimmende geschichtliche Tendenz ist. Jn diesem Prozeß
werden die politischen Rechte in immer höherem Grade Mittel
wirtschaftlicher Selbstbehauptung, und wer nach dem Worte
Bismarcks politisch tot ist, d. h. keine Stimme hat, der ist auch
in der Vertretung seiner wirtschaftlichen Jnteressen auf halbe
Kraft gesetzt.

Uns Frauen zeigt das die eigene Erfahrung auf Schritt
und Tritt. Vielleicht gibt es keine bessere Jllustration dafür,
als die Kämpfe um die Frauenbildung und die Jnteressen des
Lehrerinnenstandes. Die organisierte Lehrerschaft unserer
Volksschule kommt als Wählerschaft stark in Betracht; ihr fehlt
es nie an Fürsprechern in den Landtagen, ganz abgesehen
davon, daß sie auch selbst hier und da einen Abgeordneten stellt.
Man muß sich Mühe geben, sie zufrieden zu stellen, und man
wird es tun, soweit nicht andere ebenso gewichtige Mächte -
wie z. B. der Großgrundbesitz - dadurch vor den Kopf gestoßen
werden. Jn welcher Lage sind demgegenüber die Lehrerinnen!
Vor allen Dingen dann, wenn ihre Forderungen sich nicht
mit denen der Lehrerschaft decken, sondern ihnen vielleicht sogar
entgegengesetzt sind. Es ist für sie schlechterdings unmöglich,
irgendeine reale Macht in die Wagschale zu werfen, die das
Zünglein zu ihren Gunsten sinken läßt. Der Kampf um das
Lehrerbesoldungsgesetz in der jüngsten Zeit hat das schlagend
bewiesen; man darf vielleicht sogar sagen, daß man sich
die relative Zufriedenheit der Lehrer auf Kosten der
Lehrerinnen erkauft hat. Es waren das ja die Zugeständnisse,
die dem Gesetzgeber am billigsten zu stehen kamen; mit den
Frauen brauchten sie nicht zu paktieren, denn sie repräsentierten
keine Macht.

Und so wie sich hier ganz automatisch und unabänderlich die
Berücksichtigung der Frauenwünsche nach dem Maße des poli-
tischen Einflusses der Frau auf ein kaum sichtbares Minimum
einschränkt, so geschieht es mich auf anderen Gebieten. Jm

eine Streitfrage, daß für den modernen Staat diese Bewegung
der wirtschaftlichen Jnteressen zu korporativen Zusammenschlüssen
und nach Einfluß auf die Gesetzgebung die ausschlaggebende,
bestimmende geschichtliche Tendenz ist. Jn diesem Prozeß
werden die politischen Rechte in immer höherem Grade Mittel
wirtschaftlicher Selbstbehauptung, und wer nach dem Worte
Bismarcks politisch tot ist, d. h. keine Stimme hat, der ist auch
in der Vertretung seiner wirtschaftlichen Jnteressen auf halbe
Kraft gesetzt.

Uns Frauen zeigt das die eigene Erfahrung auf Schritt
und Tritt. Vielleicht gibt es keine bessere Jllustration dafür,
als die Kämpfe um die Frauenbildung und die Jnteressen des
Lehrerinnenstandes. Die organisierte Lehrerschaft unserer
Volksschule kommt als Wählerschaft stark in Betracht; ihr fehlt
es nie an Fürsprechern in den Landtagen, ganz abgesehen
davon, daß sie auch selbst hier und da einen Abgeordneten stellt.
Man muß sich Mühe geben, sie zufrieden zu stellen, und man
wird es tun, soweit nicht andere ebenso gewichtige Mächte –
wie z. B. der Großgrundbesitz – dadurch vor den Kopf gestoßen
werden. Jn welcher Lage sind demgegenüber die Lehrerinnen!
Vor allen Dingen dann, wenn ihre Forderungen sich nicht
mit denen der Lehrerschaft decken, sondern ihnen vielleicht sogar
entgegengesetzt sind. Es ist für sie schlechterdings unmöglich,
irgendeine reale Macht in die Wagschale zu werfen, die das
Zünglein zu ihren Gunsten sinken läßt. Der Kampf um das
Lehrerbesoldungsgesetz in der jüngsten Zeit hat das schlagend
bewiesen; man darf vielleicht sogar sagen, daß man sich
die relative Zufriedenheit der Lehrer auf Kosten der
Lehrerinnen erkauft hat. Es waren das ja die Zugeständnisse,
die dem Gesetzgeber am billigsten zu stehen kamen; mit den
Frauen brauchten sie nicht zu paktieren, denn sie repräsentierten
keine Macht.

Und so wie sich hier ganz automatisch und unabänderlich die
Berücksichtigung der Frauenwünsche nach dem Maße des poli-
tischen Einflusses der Frau auf ein kaum sichtbares Minimum
einschränkt, so geschieht es mich auf anderen Gebieten. Jm

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[9/0015] eine Streitfrage, daß für den modernen Staat diese Bewegung der wirtschaftlichen Jnteressen zu korporativen Zusammenschlüssen und nach Einfluß auf die Gesetzgebung die ausschlaggebende, bestimmende geschichtliche Tendenz ist. Jn diesem Prozeß werden die politischen Rechte in immer höherem Grade Mittel wirtschaftlicher Selbstbehauptung, und wer nach dem Worte Bismarcks politisch tot ist, d. h. keine Stimme hat, der ist auch in der Vertretung seiner wirtschaftlichen Jnteressen auf halbe Kraft gesetzt. Uns Frauen zeigt das die eigene Erfahrung auf Schritt und Tritt. Vielleicht gibt es keine bessere Jllustration dafür, als die Kämpfe um die Frauenbildung und die Jnteressen des Lehrerinnenstandes. Die organisierte Lehrerschaft unserer Volksschule kommt als Wählerschaft stark in Betracht; ihr fehlt es nie an Fürsprechern in den Landtagen, ganz abgesehen davon, daß sie auch selbst hier und da einen Abgeordneten stellt. Man muß sich Mühe geben, sie zufrieden zu stellen, und man wird es tun, soweit nicht andere ebenso gewichtige Mächte – wie z. B. der Großgrundbesitz – dadurch vor den Kopf gestoßen werden. Jn welcher Lage sind demgegenüber die Lehrerinnen! Vor allen Dingen dann, wenn ihre Forderungen sich nicht mit denen der Lehrerschaft decken, sondern ihnen vielleicht sogar entgegengesetzt sind. Es ist für sie schlechterdings unmöglich, irgendeine reale Macht in die Wagschale zu werfen, die das Zünglein zu ihren Gunsten sinken läßt. Der Kampf um das Lehrerbesoldungsgesetz in der jüngsten Zeit hat das schlagend bewiesen; man darf vielleicht sogar sagen, daß man sich die relative Zufriedenheit der Lehrer auf Kosten der Lehrerinnen erkauft hat. Es waren das ja die Zugeständnisse, die dem Gesetzgeber am billigsten zu stehen kamen; mit den Frauen brauchten sie nicht zu paktieren, denn sie repräsentierten keine Macht. Und so wie sich hier ganz automatisch und unabänderlich die Berücksichtigung der Frauenwünsche nach dem Maße des poli- tischen Einflusses der Frau auf ein kaum sichtbares Minimum einschränkt, so geschieht es mich auf anderen Gebieten. Jm

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Dieses Werk wurde im Rahmen des Moduls DTA-Erweiterungen (DTAE) digitalisiert. Weitere Informationen …

Texte der ersten Frauenbewegung, betreut von Anna Pfundt und Thomas Gloning, JLU Gießen: Bereitstellung der Texttranskription. (2022-03-24T10:53:44Z) Bitte beachten Sie, dass die aktuelle Transkription (und Textauszeichnung) mittlerweile nicht mehr dem Stand zum Zeitpunkt der Übernahme des Werkes in das DTA entsprechen muss.
Anna Pfundt, Dennis Dietrich: Bearbeitung der digitalen Edition. (2022-03-24T10:53:44Z)

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Zitationshilfe: Lange, Helene: Die Frauen und das politische Leben. Berlin, 1909, S. 9. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lange_frauen_1909/15>, abgerufen am 18.08.2022.