[Spaltenumbruch]
verfolgen. Da sich denn gemeiniglich in der That erweiset, daß solche unruhige Ketzermacher theils selbst in einem recht ketzerischen Sinne der Lehre nach in vielen Stücken stehen, oder doch in der Bosheit es den würcklichen Ketzern grossen theils zuvorthun. Was dißfals im Pabstthum geschiehet, ist leider bekant genug. Und daß auch die Evangelische Kirche selbst von solchem ketzer- macherischen Ubel nicht frey sey; hat leider von des sel. Lutheri Zeiten an bis hieher die klägliche Ersahrung an manchen unruhigen und zänckischen Theologis und Lehrern genugsam bezeuget.
V. 11.
Und wisse (eidos, sintemal du weißt; wel- ches also die Ursache ist, warum man einen ketzeri- schen Menschen zu meiden habe) daß ein solcher verkehret ist (nebst dem verdüsterten Verstan- de auch einen von der Liebe zur Wahrheit gantz abgekehrten boshaftigen Willen hat) und sün- diget (wider sein Gewissen, da er theils von sich selbst, theils und noch mehr durch die gründliche und nachdrückliche Vorstellung überzeuget ist, daß er unrecht hat, davon aber doch aus fleischlichem Sinne und aus Ehrgeitze nicht weichen will) als der sich (in seinem Gewissen) selbst verur- theilet hat (womit denn das Urtheil anderer von seinem Jrrthum und von seiner Bosheit bey ihm bestättiget worden, ob er es gleich nicht beken- nen will.)
Anmerckungen.
1. Es können sich zwar theils aus eignen Vorurtheilen und Mangel des rechten Unterrichts, theils aus Verleitung anderer sehr schwere und der Seligkeit nachtheilige Jrrthümer also bey ei- nem Menschen befinden, daß er sie für Wahrhei- ten hält, und sie, obgleich mit einem unbekehrten Hertzen, doch ohne eine besondere Bosheit, mit einem irrigen Gewissen vertheidiget, auch der Wahrheit widerspricht: allein wenn bey solchen Leuten nur die gehörige Art der Uberzeugung in der Liebe nach der Wahrheit gebrauchet wird; da werden sie sich überzeugen und gewinnen lassen: es sey denn, daß sie erst durch Betrug der Sünde auch bey der Uberzeugung aus der falschen Furcht, es würde ihnen die Bekenntniß ihres Jrrthums schimpflich und schädlich seyn, in eine muthwilli- ge Verhärtung ihres Gemüths eingingen. Hin- gegen sind andere schon vorhin überzeuget, wer- den auch noch immer mehr überführet, daß sie Un- recht haben, und Unrecht thun; und fahren darin- nen doch fort, wie es ihr verkehrter Zweck, son- derlich ihre fleischliche Ehr- und Herrschsucht, nach welcher sie nicht gefehlet haben wollen, mit sich bringet. Und solcher ihre Verdamniß ist denn gar recht.
2. Paulus saget oben c. 1, 9. 10. 13. daß man solle den Widersprechern und unnützen Schwätzern das Maul stopfen und sie scharf bestrafen. Und hier heißt es, man solle sie, wenn sie einmal und das andere mal ermahnet sind, meiden als Leute, die sich selbst verdammeten. Da denn ein Ort den andern gar fein erläutert, nemlich der erste den letzten also, daß man daraus siehet, wie die ein- [Spaltenumbruch]
mal und abermal vorzunehmende nouthesia, Zu- rechtsetzung des Sinnes bey den ketzerischen Menschen mit solchem Nachdrucke geschehen soll, daß ihnen das Maul gestopfet werde, wo nicht gar zu schweigen, doch nichts mehr vorbringen zu können, das noch einen Schein der Wahrheit be- halte und andere, die sich weisen lassen, könne irre machen. So erläutert auch der letztere Ort den ersten solchergestalt, daß, wenn man siehet, daß den Widersprechern gedachter massen das Maul gestopfet ist, sie aber von ihren Dingen doch nicht ablassen, man sie solle fahren lassen, als Leu- te, bey welchen alle fernere Mühe vergeblich ist.
3. Es ist ein zartes Ding um das Gewissen. Denn ob es auch gleich oft so eingeschläfert ist, daß es scheinet recht fühllos zu seyn; so reget es sich doch, ehe es sich der Mensch versiehet, und fähret die Bestrafung, wie ein Blitz, und wie ein Pfeil, durch die Seele. Welches denn ein gehei- mer Finger GOttes in dem Menschen ist. Wohl dem, der darauf achtet und in sich gehet. Wehe dem, der sich das Urtheil selbst spricht, und daher dermaleins so viel mehr dem Urtheil GOttes wird recht geben müssen, und seyn anapologetos, der keine Entschuldigung hat.
4. Es ist falsch, wenn einige vorgeben, daß kein muthwilliger und vorsetzlicher Jrrthum sey, und der Verstand dasjenige, was er für Wahr- heit erkennet, unmöglich für einen Jrrthum, und einen erkanten Jrrthum für Wahrheit halten kön- ne. Denn der Verstand behält nicht allemal gleiche Bestrahlung von der Wahrheit, sondern er wird oft von der Bosheit des Willens so beherr- schet und benebelt, daß er sich muß mißbrauchen lassen zur Verdunckelung oder Verkehrung der sonst an sich selbst erkanten Wahrheit und des Rechten, und hingegen zur Schmückung und Ver- theidigung der erkanten Unwahrheit, und des Un- rechts. Und solcher gestalt irret einer so denn muthwillig.
5. Daß der Mensch seinem Wesen nach in sich einen freyen Willen habe, und nicht, was in ihm vorgehet, aus einer Fatalen Nothwendigkeit herrühre; siehet man unter andern auch daraus, daß er im Gewissen sich selbst hierrinnen und dar- innen die Schuld giebt, und darüber mit einer innerlichen Beunruhigung sich selbst veranklaget und verdammet; welches er nicht nöthig hätte, wenn er nicht anders hätte handeln können, als er gehandelt hat. Wohl dem, der sich seines frey- en Willens recht gebrauchet, sonderlich in dem würcklichen Besitz der uns von Christo erworbe- nen geistlichen Freyheit!
V. 12.
Wenn ich zu dir senden werde Arte- man oder Tychicum (davon siehe Apost. 20, 4. Eph. 6, 12. Col. 4, 6, 7. 2 Tim. 4, 12. daß ei- ner von diesen meinen getreuen Gehülfen an dei- ner statt den Gemeinen in Creta vorstehe) so komm eilends zu mir gen Nicopolien (so zwischen Thracien und Macedonien nicht weit von Philippis lag.) Denn daselbst habe ich beschlossen den Winter zu bleiben.)
Anmer-
E e 2
C. 3. v. 10-12. an den Titum.
[Spaltenumbruch]
verfolgen. Da ſich denn gemeiniglich in der That erweiſet, daß ſolche unruhige Ketzermacher theils ſelbſt in einem recht ketzeriſchen Sinne der Lehre nach in vielen Stuͤcken ſtehen, oder doch in der Bosheit es den wuͤrcklichen Ketzern groſſen theils zuvorthun. Was dißfals im Pabſtthum geſchiehet, iſt leider bekant genug. Und daß auch die Evangeliſche Kirche ſelbſt von ſolchem ketzer- macheriſchen Ubel nicht frey ſey; hat leider von des ſel. Lutheri Zeiten an bis hieher die klaͤgliche Erſahrung an manchen unruhigen und zaͤnckiſchen Theologis und Lehrern genugſam bezeuget.
V. 11.
Und wiſſe (εἰδὼς, ſintemal du weißt; wel- ches alſo die Urſache iſt, warum man einen ketzeri- ſchen Menſchen zu meiden habe) daß ein ſolcher verkehret iſt (nebſt dem verduͤſterten Verſtan- de auch einen von der Liebe zur Wahrheit gantz abgekehrten boshaftigen Willen hat) und ſuͤn- diget (wider ſein Gewiſſen, da er theils von ſich ſelbſt, theils und noch mehr durch die gruͤndliche und nachdruͤckliche Vorſtellung uͤberzeuget iſt, daß er unrecht hat, davon aber doch aus fleiſchlichem Sinne und aus Ehrgeitze nicht weichen will) als der ſich (in ſeinem Gewiſſen) ſelbſt verur- theilet hat (womit denn das Urtheil anderer von ſeinem Jrrthum und von ſeiner Bosheit bey ihm beſtaͤttiget worden, ob er es gleich nicht beken- nen will.)
Anmerckungen.
1. Es koͤnnen ſich zwar theils aus eignen Vorurtheilen und Mangel des rechten Unterrichts, theils aus Verleitung anderer ſehr ſchwere und der Seligkeit nachtheilige Jrrthuͤmer alſo bey ei- nem Menſchen befinden, daß er ſie fuͤr Wahrhei- ten haͤlt, und ſie, obgleich mit einem unbekehrten Hertzen, doch ohne eine beſondere Bosheit, mit einem irrigen Gewiſſen vertheidiget, auch der Wahrheit widerſpricht: allein wenn bey ſolchen Leuten nur die gehoͤrige Art der Uberzeugung in der Liebe nach der Wahrheit gebrauchet wird; da werden ſie ſich uͤberzeugen und gewinnen laſſen: es ſey denn, daß ſie erſt durch Betrug der Suͤnde auch bey der Uberzeugung aus der falſchen Furcht, es wuͤrde ihnen die Bekenntniß ihres Jrrthums ſchimpflich und ſchaͤdlich ſeyn, in eine muthwilli- ge Verhaͤrtung ihres Gemuͤths eingingen. Hin- gegen ſind andere ſchon vorhin uͤberzeuget, wer- den auch noch immer mehr uͤberfuͤhret, daß ſie Un- recht haben, und Unrecht thun; und fahren darin- nen doch fort, wie es ihr verkehrter Zweck, ſon- derlich ihre fleiſchliche Ehr- und Herrſchſucht, nach welcher ſie nicht gefehlet haben wollen, mit ſich bringet. Und ſolcher ihre Verdamniß iſt denn gar recht.
2. Paulus ſaget oben c. 1, 9. 10. 13. daß man ſolle den Wideꝛſpꝛecheꝛn und unnuͤtzen Schwaͤtzeꝛn das Maul ſtopfen und ſie ſcharf beſtrafen. Und hier heißt es, man ſolle ſie, wenn ſie einmal und das andere mal ermahnet ſind, meiden als Leute, die ſich ſelbſt verdammeten. Da denn ein Ort den andern gar fein erlaͤutert, nemlich der erſte den letzten alſo, daß man daraus ſiehet, wie die ein- [Spaltenumbruch]
mal und abermal vorzunehmende νουθεσία, Zu- rechtſetzung des Sinnes bey den ketzeriſchen Menſchen mit ſolchem Nachdrucke geſchehen ſoll, daß ihnen das Maul geſtopfet werde, wo nicht gar zu ſchweigen, doch nichts mehr vorbringen zu koͤnnen, das noch einen Schein der Wahrheit be- halte und andere, die ſich weiſen laſſen, koͤnne irre machen. So erlaͤutert auch der letztere Ort den erſten ſolchergeſtalt, daß, wenn man ſiehet, daß den Widerſprechern gedachter maſſen das Maul geſtopfet iſt, ſie aber von ihren Dingen doch nicht ablaſſen, man ſie ſolle fahren laſſen, als Leu- te, bey welchen alle fernere Muͤhe vergeblich iſt.
3. Es iſt ein zartes Ding um das Gewiſſen. Denn ob es auch gleich oft ſo eingeſchlaͤfert iſt, daß es ſcheinet recht fuͤhllos zu ſeyn; ſo reget es ſich doch, ehe es ſich der Menſch verſiehet, und faͤhret die Beſtrafung, wie ein Blitz, und wie ein Pfeil, durch die Seele. Welches denn ein gehei- mer Finger GOttes in dem Menſchen iſt. Wohl dem, der darauf achtet und in ſich gehet. Wehe dem, der ſich das Urtheil ſelbſt ſpricht, und daher dermaleins ſo viel mehr dem Urtheil GOttes wird recht geben muͤſſen, und ſeyn ἀναπολόγητος, der keine Entſchuldigung hat.
4. Es iſt falſch, wenn einige vorgeben, daß kein muthwilliger und vorſetzlicher Jrrthum ſey, und der Verſtand dasjenige, was er fuͤr Wahr- heit erkennet, unmoͤglich fuͤr einen Jrrthum, und einen erkanten Jrrthum fuͤr Wahrheit halten koͤn- ne. Denn der Verſtand behaͤlt nicht allemal gleiche Beſtrahlung von der Wahrheit, ſondern er wird oft von der Bosheit des Willens ſo beherr- ſchet und benebelt, daß er ſich muß mißbrauchen laſſen zur Verdunckelung oder Verkehrung der ſonſt an ſich ſelbſt erkanten Wahrheit und des Rechten, und hingegen zur Schmuͤckung und Ver- theidigung der erkanten Unwahrheit, und des Un- rechts. Und ſolcher geſtalt irret einer ſo denn muthwillig.
5. Daß der Menſch ſeinem Weſen nach in ſich einen freyen Willen habe, und nicht, was in ihm vorgehet, aus einer Fatalen Nothwendigkeit herruͤhre; ſiehet man unter andern auch daraus, daß er im Gewiſſen ſich ſelbſt hierrinnen und dar- innen die Schuld giebt, und daruͤber mit einer innerlichen Beunruhigung ſich ſelbſt veranklaget und verdammet; welches er nicht noͤthig haͤtte, wenn er nicht anders haͤtte handeln koͤnnen, als er gehandelt hat. Wohl dem, der ſich ſeines frey- en Willens recht gebrauchet, ſonderlich in dem wuͤrcklichen Beſitz der uns von Chriſto erworbe- nen geiſtlichen Freyheit!
V. 12.
Wenn ich zu dir ſenden werde Arte- man oder Tychicum (davon ſiehe Apoſt. 20, 4. Eph. 6, 12. Col. 4, 6, 7. 2 Tim. 4, 12. daß ei- ner von dieſen meinen getreuen Gehuͤlfen an dei- ner ſtatt den Gemeinen in Creta vorſtehe) ſo komm eilends zu mir gen Nicopolien (ſo zwiſchen Thracien und Macedonien nicht weit von Philippis lag.) Denn daſelbſt habe ich beſchloſſen den Winter zu bleiben.)
Anmer-
E e 2
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[219/0221]
C. 3. v. 10-12. an den Titum.
verfolgen. Da ſich denn gemeiniglich in der
That erweiſet, daß ſolche unruhige Ketzermacher
theils ſelbſt in einem recht ketzeriſchen Sinne der
Lehre nach in vielen Stuͤcken ſtehen, oder doch in
der Bosheit es den wuͤrcklichen Ketzern groſſen
theils zuvorthun. Was dißfals im Pabſtthum
geſchiehet, iſt leider bekant genug. Und daß auch
die Evangeliſche Kirche ſelbſt von ſolchem ketzer-
macheriſchen Ubel nicht frey ſey; hat leider von
des ſel. Lutheri Zeiten an bis hieher die klaͤgliche
Erſahrung an manchen unruhigen und zaͤnckiſchen
Theologis und Lehrern genugſam bezeuget.
V. 11.
Und wiſſe (εἰδὼς, ſintemal du weißt; wel-
ches alſo die Urſache iſt, warum man einen ketzeri-
ſchen Menſchen zu meiden habe) daß ein ſolcher
verkehret iſt (nebſt dem verduͤſterten Verſtan-
de auch einen von der Liebe zur Wahrheit gantz
abgekehrten boshaftigen Willen hat) und ſuͤn-
diget (wider ſein Gewiſſen, da er theils von ſich
ſelbſt, theils und noch mehr durch die gruͤndliche
und nachdruͤckliche Vorſtellung uͤberzeuget iſt, daß
er unrecht hat, davon aber doch aus fleiſchlichem
Sinne und aus Ehrgeitze nicht weichen will) als
der ſich (in ſeinem Gewiſſen) ſelbſt verur-
theilet hat (womit denn das Urtheil anderer
von ſeinem Jrrthum und von ſeiner Bosheit bey
ihm beſtaͤttiget worden, ob er es gleich nicht beken-
nen will.)
Anmerckungen.
1. Es koͤnnen ſich zwar theils aus eignen
Vorurtheilen und Mangel des rechten Unterrichts,
theils aus Verleitung anderer ſehr ſchwere und
der Seligkeit nachtheilige Jrrthuͤmer alſo bey ei-
nem Menſchen befinden, daß er ſie fuͤr Wahrhei-
ten haͤlt, und ſie, obgleich mit einem unbekehrten
Hertzen, doch ohne eine beſondere Bosheit, mit
einem irrigen Gewiſſen vertheidiget, auch der
Wahrheit widerſpricht: allein wenn bey ſolchen
Leuten nur die gehoͤrige Art der Uberzeugung in
der Liebe nach der Wahrheit gebrauchet wird; da
werden ſie ſich uͤberzeugen und gewinnen laſſen:
es ſey denn, daß ſie erſt durch Betrug der Suͤnde
auch bey der Uberzeugung aus der falſchen Furcht,
es wuͤrde ihnen die Bekenntniß ihres Jrrthums
ſchimpflich und ſchaͤdlich ſeyn, in eine muthwilli-
ge Verhaͤrtung ihres Gemuͤths eingingen. Hin-
gegen ſind andere ſchon vorhin uͤberzeuget, wer-
den auch noch immer mehr uͤberfuͤhret, daß ſie Un-
recht haben, und Unrecht thun; und fahren darin-
nen doch fort, wie es ihr verkehrter Zweck, ſon-
derlich ihre fleiſchliche Ehr- und Herrſchſucht, nach
welcher ſie nicht gefehlet haben wollen, mit ſich
bringet. Und ſolcher ihre Verdamniß iſt denn
gar recht.
2. Paulus ſaget oben c. 1, 9. 10. 13. daß man
ſolle den Wideꝛſpꝛecheꝛn und unnuͤtzen Schwaͤtzeꝛn
das Maul ſtopfen und ſie ſcharf beſtrafen. Und
hier heißt es, man ſolle ſie, wenn ſie einmal und das
andere mal ermahnet ſind, meiden als Leute, die
ſich ſelbſt verdammeten. Da denn ein Ort den
andern gar fein erlaͤutert, nemlich der erſte den
letzten alſo, daß man daraus ſiehet, wie die ein-
mal und abermal vorzunehmende νουθεσία, Zu-
rechtſetzung des Sinnes bey den ketzeriſchen
Menſchen mit ſolchem Nachdrucke geſchehen ſoll,
daß ihnen das Maul geſtopfet werde, wo nicht
gar zu ſchweigen, doch nichts mehr vorbringen zu
koͤnnen, das noch einen Schein der Wahrheit be-
halte und andere, die ſich weiſen laſſen, koͤnne
irre machen. So erlaͤutert auch der letztere Ort
den erſten ſolchergeſtalt, daß, wenn man ſiehet,
daß den Widerſprechern gedachter maſſen das
Maul geſtopfet iſt, ſie aber von ihren Dingen doch
nicht ablaſſen, man ſie ſolle fahren laſſen, als Leu-
te, bey welchen alle fernere Muͤhe vergeblich iſt.
3. Es iſt ein zartes Ding um das Gewiſſen.
Denn ob es auch gleich oft ſo eingeſchlaͤfert iſt,
daß es ſcheinet recht fuͤhllos zu ſeyn; ſo reget es
ſich doch, ehe es ſich der Menſch verſiehet, und
faͤhret die Beſtrafung, wie ein Blitz, und wie ein
Pfeil, durch die Seele. Welches denn ein gehei-
mer Finger GOttes in dem Menſchen iſt. Wohl
dem, der darauf achtet und in ſich gehet. Wehe
dem, der ſich das Urtheil ſelbſt ſpricht, und daher
dermaleins ſo viel mehr dem Urtheil GOttes wird
recht geben muͤſſen, und ſeyn ἀναπολόγητος, der
keine Entſchuldigung hat.
4. Es iſt falſch, wenn einige vorgeben, daß
kein muthwilliger und vorſetzlicher Jrrthum ſey,
und der Verſtand dasjenige, was er fuͤr Wahr-
heit erkennet, unmoͤglich fuͤr einen Jrrthum, und
einen erkanten Jrrthum fuͤr Wahrheit halten koͤn-
ne. Denn der Verſtand behaͤlt nicht allemal
gleiche Beſtrahlung von der Wahrheit, ſondern
er wird oft von der Bosheit des Willens ſo beherr-
ſchet und benebelt, daß er ſich muß mißbrauchen
laſſen zur Verdunckelung oder Verkehrung der
ſonſt an ſich ſelbſt erkanten Wahrheit und des
Rechten, und hingegen zur Schmuͤckung und Ver-
theidigung der erkanten Unwahrheit, und des Un-
rechts. Und ſolcher geſtalt irret einer ſo denn
muthwillig.
5. Daß der Menſch ſeinem Weſen nach in
ſich einen freyen Willen habe, und nicht, was in
ihm vorgehet, aus einer Fatalen Nothwendigkeit
herruͤhre; ſiehet man unter andern auch daraus,
daß er im Gewiſſen ſich ſelbſt hierrinnen und dar-
innen die Schuld giebt, und daruͤber mit einer
innerlichen Beunruhigung ſich ſelbſt veranklaget
und verdammet; welches er nicht noͤthig haͤtte,
wenn er nicht anders haͤtte handeln koͤnnen, als
er gehandelt hat. Wohl dem, der ſich ſeines frey-
en Willens recht gebrauchet, ſonderlich in dem
wuͤrcklichen Beſitz der uns von Chriſto erworbe-
nen geiſtlichen Freyheit!
V. 12.
Wenn ich zu dir ſenden werde Arte-
man oder Tychicum (davon ſiehe Apoſt. 20,
4. Eph. 6, 12. Col. 4, 6, 7. 2 Tim. 4, 12. daß ei-
ner von dieſen meinen getreuen Gehuͤlfen an dei-
ner ſtatt den Gemeinen in Creta vorſtehe) ſo
komm eilends zu mir gen Nicopolien (ſo
zwiſchen Thracien und Macedonien nicht weit
von Philippis lag.) Denn daſelbſt habe ich
beſchloſſen den Winter zu bleiben.)
Anmer-
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Lange, Joachim: Des Apostolischen Lichts und Rechts. Bd. 2. Halle, 1729, S. 219. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lange_licht02_1729/221>, abgerufen am 26.09.2024.
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