5. Getreue Knechte GOttes werden selten ohne Streit seyn, oder bleiben, wenn sie die rei- ne Wahrheit verkündigen: als welche vielen nicht anstehet, die daher zum wenigsten übel da- von zu reden pflegen, wenn sie auch keinen andern Streit dagegen erregen können. Fangen aber Lehrer selbst dagegen einen Streit an, so offenba- ren sie ihren fleischlichen Sinn; pflegen ihn aber mit vorgegebnem Eifer für die Bewahrung der reinen Lehre zu verdecken und zu schmücken.
6. Weil die ersten Christen nicht so bald zu öffentlichen Gebäuden kommen konten, solche auch noch nicht so gar nöthig hatten, so behalfen sie sich mit Privat-Häusern; und wo ihre Anzahl an einem Orte sehr angewachsen war, da theileten sie sich und kamen an mehrern Orten zusammen. Eine solche Haus-Kirche hatte nun Philemon. Und hat er damit, daß er einen Theil seines Hau- ses dazu eingeräumet, ein gar löbliches Exempel gegeben, wie bereit man seyn soll, nach Vermö- gen die Ehre GOttes auch mit dem, was einem GOtt an zeitlichen Dingen gegeben hat, zu be- fördern. Von solchen Haus-Gemeinen sehe man auch Röm. 16, 5. Col. 4, 15.
V. 3.
Gnade sey mit euch und Friede von GOTT unserm Vater, und dem HErrn JEsu Christo.
Anmerckungen.
1. Gleichwie Philemon mit der Appia und dem Archippo und der Gemeine in seinem Hause diesen Apostolischen Segens-Wunsch ohne Zwei- fel mit gläubiger Zueignung auf sich gezogen hat; also mache es auch itzo ein ieglicher Leser.
2. Da aber weder Gnade ohne Friede, noch Friede ohne Gnade seyn kan, so theile man ja nicht von einander, was nothwendig zusammen gehöret, und Paulus so oft zusammen setzet. Denn keine Annehmung der Gnade ist rechter Art, wo sie nicht in der Seele den Frieden gebie- ret. Und kein Friede ist rechtschaffen, wo er nicht aus der Gnade entstehet.
3. Da die Natur so gern und so leicht nach- äffet, und mit grossem Selbst-Betruge sich von beyden eine leere Einbildung machet; so hat man wohl auf seiner Hut zu seyn, und sich bey der Zu- eignung selbst zu prüfen. Man sehe ein meh- rers von diesen Worten bey dem Eingange der übrigen Briefe.
V. 4. 5.
Jch dancke meinem GOtt (deinetwegen) und gedencke dein allezeit (so oft ich GOtt die Noth der Orientalischen Kirche vortrage) in meinem Gebet, nachdem ich höre von der Liebe und von dem Glauben, welchen du hast (und auch in der That beweisest) an den HErrn JEsum und gegen alle Heiligen (gläubige Christen.)
Anmerckungen.
1. Paulus gedencket fast in allen seinen Briefen seiner Fürbitte für andere, und daß er sich [Spaltenumbruch]
darinnen so gar fleißig erfinden lasse. Welches denn seinen grossen Ernst, die Ehre GOttes zu be- fördern und seine recht brünstige Liebe gegen seine Mit-Glieder an dem geistlichen Leibe Christi an- zeiget: uns, und sonderlich allen rechtschaffnen Lehrern, zur schuldigen Nachfolge.
2. Die Fürbitte für andere hat darinnen einen sonderbaren Segen, daß man dabey sich so viel zuversichtiglicher der Fürbitte anderer, und der Haupt-Fürbitte Christi selbst getrösten kan. Wer disfals gleichsam für andere viel ausgiebet, der nimmt auch hinwieder von andern viel ein. Und kömmt man auch manchmal in solche Um- stände, daß man selbst fast nicht recht beten kan, so hat man sich auf die Fürbitte Christi zu verlas- sen, sich auch den Segen von dem Gebete anderer zuzueignen, sich doch aber selbst zum Gebet im Glauben zu erwecken.
3. Niemals aber ist die Fürbitte für an- dere lieblicher, als wenn sie zugleich mit einer Dancksagung geschehen kan. Sind aber die, für welche wir beten, nicht in solchem Zustande, so muß sie doch deßwegen nicht unterlassen werden.
4. Paulus hat sich in seinen Banden zu Rom bey aller Gelegenheit fleißig erkundiget nach dem Zustande der Kirchen GOttes allenthalben: wie es ihm denn nicht an vieler Besuchung gefeh- let hat. Und da zu Rom täglich aus fremden, auch weit entlegenen Landen so viel Leute ankamen, so hat es ihm an vieler Nachricht von dieser und jener Kirche, und von dieser und jener Person in- sonderheit, nicht ermangelt. Diese waren seine neuen Zeitungen, woran er sich ergetzte, wenn er was Gutes hörete, wie vom Philemone.
5. Es stehet dahin, ob Paulus Philemo- nem vorher jemal dem Gesichte nach habe ken- nen gelernet. Denn nach Colossen, woselbst er sich aufhielte, war er selbst bisher noch nicht gekommen, wie er bezeuget Col. 1, 7. 8. c. 2, 1.
6. Glaube und Liebe gehöret zusammen, der Glaube an den HErrn JEsum, und die Liebe zu seinen Gliedern, auch zuvorderst zu JEsu selbst. Denn Glaube ohne Liebe ist nichts als eine Einbildung: und Liebe ohne Glauben ist nur ein blosses Natur-Werck.
7. Paulus gedencket der Liebe vor dem Glauben, weil sie uns von andern durch den würcklichen Erweis in allerhand guten Wer- cken eher bekannt wird, als der Glaube des Hertzens, und sie eine Frucht ist, daraus man die Beschaffenheit des Hertzens, daß es im Glau- ben stehe, erkennen kan.
8. Jst gleich die Heiligung in diesem Le- ben noch unvollkommen; so muß sie doch da- bey rechtschaffen seyn, also daß wahre Christen davon mit Nachdruck die Heiligen können ge- nennet werden. Und solche sind ohne Unter- scheid der Stände alle wahre Glieder Christi. Das Pabsthum aber hat nur selbst-gemachte Heiligen, und bindet dazu die Geistlichkeit nur an den Orden der Lehrer und Münche: die doch von aller wahren Heiligung und Heiligkeit ge- meiniglich sehr entfernet sind.
V. 6.
Erklaͤrung des Briefes Pauli Cap. 1. v. 2-5.
[Spaltenumbruch]
5. Getreue Knechte GOttes werden ſelten ohne Streit ſeyn, oder bleiben, wenn ſie die rei- ne Wahrheit verkuͤndigen: als welche vielen nicht anſtehet, die daher zum wenigſten uͤbel da- von zu reden pflegen, wenn ſie auch keinen andern Streit dagegen erregen koͤnnen. Fangen aber Lehrer ſelbſt dagegen einen Streit an, ſo offenba- ren ſie ihren fleiſchlichen Sinn; pflegen ihn aber mit vorgegebnem Eifer fuͤr die Bewahrung der reinen Lehre zu verdecken und zu ſchmuͤcken.
6. Weil die erſten Chriſten nicht ſo bald zu oͤffentlichen Gebaͤuden kommen konten, ſolche auch noch nicht ſo gar noͤthig hatten, ſo behalfen ſie ſich mit Privat-Haͤuſern; und wo ihre Anzahl an einem Orte ſehr angewachſen war, da theileten ſie ſich und kamen an mehrern Orten zuſammen. Eine ſolche Haus-Kirche hatte nun Philemon. Und hat er damit, daß er einen Theil ſeines Hau- ſes dazu eingeraͤumet, ein gar loͤbliches Exempel gegeben, wie bereit man ſeyn ſoll, nach Vermoͤ- gen die Ehre GOttes auch mit dem, was einem GOtt an zeitlichen Dingen gegeben hat, zu be- foͤrdern. Von ſolchen Haus-Gemeinen ſehe man auch Roͤm. 16, 5. Col. 4, 15.
V. 3.
Gnade ſey mit euch und Friede von GOTT unſerm Vater, und dem HErrn JEſu Chriſto.
Anmerckungen.
1. Gleichwie Philemon mit der Appia und dem Archippo und der Gemeine in ſeinem Hauſe dieſen Apoſtoliſchen Segens-Wunſch ohne Zwei- fel mit glaͤubiger Zueignung auf ſich gezogen hat; alſo mache es auch itzo ein ieglicher Leſer.
2. Da aber weder Gnade ohne Friede, noch Friede ohne Gnade ſeyn kan, ſo theile man ja nicht von einander, was nothwendig zuſammen gehoͤret, und Paulus ſo oft zuſammen ſetzet. Denn keine Annehmung der Gnade iſt rechter Art, wo ſie nicht in der Seele den Frieden gebie- ret. Und kein Friede iſt rechtſchaffen, wo er nicht aus der Gnade entſtehet.
3. Da die Natur ſo gern und ſo leicht nach- aͤffet, und mit groſſem Selbſt-Betruge ſich von beyden eine leere Einbildung machet; ſo hat man wohl auf ſeiner Hut zu ſeyn, und ſich bey der Zu- eignung ſelbſt zu pruͤfen. Man ſehe ein meh- rers von dieſen Worten bey dem Eingange der uͤbrigen Briefe.
V. 4. 5.
Jch dancke meinem GOtt (deinetwegen) und gedencke dein allezeit (ſo oft ich GOtt die Noth der Orientaliſchen Kirche vortrage) in meinem Gebet, nachdem ich hoͤre von der Liebe und von dem Glauben, welchen du haſt (und auch in der That beweiſeſt) an den HErrn JEſum und gegen alle Heiligen (glaͤubige Chriſten.)
Anmerckungen.
1. Paulus gedencket faſt in allen ſeinen Briefen ſeiner Fuͤrbitte fuͤr andere, und daß er ſich [Spaltenumbruch]
darinnen ſo gar fleißig erfinden laſſe. Welches denn ſeinen groſſen Ernſt, die Ehre GOttes zu be- foͤrdern und ſeine recht bruͤnſtige Liebe gegen ſeine Mit-Glieder an dem geiſtlichen Leibe Chriſti an- zeiget: uns, und ſonderlich allen rechtſchaffnen Lehrern, zur ſchuldigen Nachfolge.
2. Die Fuͤrbitte fuͤr andere hat darinnen einen ſonderbaren Segen, daß man dabey ſich ſo viel zuverſichtiglicher der Fuͤrbitte anderer, und der Haupt-Fuͤrbitte Chriſti ſelbſt getroͤſten kan. Wer disfals gleichſam fuͤr andere viel ausgiebet, der nimmt auch hinwieder von andern viel ein. Und koͤmmt man auch manchmal in ſolche Um- ſtaͤnde, daß man ſelbſt faſt nicht recht beten kan, ſo hat man ſich auf die Fuͤrbitte Chriſti zu verlaſ- ſen, ſich auch den Segen von dem Gebete anderer zuzueignen, ſich doch aber ſelbſt zum Gebet im Glauben zu erwecken.
3. Niemals aber iſt die Fuͤrbitte fuͤr an- dere lieblicher, als wenn ſie zugleich mit einer Danckſagung geſchehen kan. Sind aber die, fuͤr welche wir beten, nicht in ſolchem Zuſtande, ſo muß ſie doch deßwegen nicht unterlaſſen werden.
4. Paulus hat ſich in ſeinen Banden zu Rom bey aller Gelegenheit fleißig erkundiget nach dem Zuſtande der Kirchen GOttes allenthalben: wie es ihm denn nicht an vieler Beſuchung gefeh- let hat. Und da zu Rom taͤglich aus fremden, auch weit entlegenen Landen ſo viel Leute ankamen, ſo hat es ihm an vieler Nachricht von dieſer und jener Kirche, und von dieſer und jener Perſon in- ſonderheit, nicht ermangelt. Dieſe waren ſeine neuen Zeitungen, woran er ſich ergetzte, wenn er was Gutes hoͤrete, wie vom Philemone.
5. Es ſtehet dahin, ob Paulus Philemo- nem vorher jemal dem Geſichte nach habe ken- nen gelernet. Denn nach Coloſſen, woſelbſt er ſich aufhielte, war er ſelbſt bisher noch nicht gekommen, wie er bezeuget Col. 1, 7. 8. c. 2, 1.
6. Glaube und Liebe gehoͤret zuſammen, der Glaube an den HErrn JEſum, und die Liebe zu ſeinen Gliedern, auch zuvorderſt zu JEſu ſelbſt. Denn Glaube ohne Liebe iſt nichts als eine Einbildung: und Liebe ohne Glauben iſt nur ein bloſſes Natur-Werck.
7. Paulus gedencket der Liebe vor dem Glauben, weil ſie uns von andern durch den wuͤrcklichen Erweis in allerhand guten Wer- cken eher bekannt wird, als der Glaube des Hertzens, und ſie eine Frucht iſt, daraus man die Beſchaffenheit des Hertzens, daß es im Glau- ben ſtehe, erkennen kan.
8. Jſt gleich die Heiligung in dieſem Le- ben noch unvollkommen; ſo muß ſie doch da- bey rechtſchaffen ſeyn, alſo daß wahre Chriſten davon mit Nachdruck die Heiligen koͤnnen ge- nennet werden. Und ſolche ſind ohne Unter- ſcheid der Staͤnde alle wahre Glieder Chriſti. Das Pabſthum aber hat nur ſelbſt-gemachte Heiligen, und bindet dazu die Geiſtlichkeit nur an den Orden der Lehrer und Muͤnche: die doch von aller wahren Heiligung und Heiligkeit ge- meiniglich ſehr entfernet ſind.
V. 6.
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[224/0226]
Erklaͤrung des Briefes Pauli Cap. 1. v. 2-5.
5. Getreue Knechte GOttes werden ſelten
ohne Streit ſeyn, oder bleiben, wenn ſie die rei-
ne Wahrheit verkuͤndigen: als welche vielen
nicht anſtehet, die daher zum wenigſten uͤbel da-
von zu reden pflegen, wenn ſie auch keinen andern
Streit dagegen erregen koͤnnen. Fangen aber
Lehrer ſelbſt dagegen einen Streit an, ſo offenba-
ren ſie ihren fleiſchlichen Sinn; pflegen ihn aber
mit vorgegebnem Eifer fuͤr die Bewahrung der
reinen Lehre zu verdecken und zu ſchmuͤcken.
6. Weil die erſten Chriſten nicht ſo bald zu
oͤffentlichen Gebaͤuden kommen konten, ſolche
auch noch nicht ſo gar noͤthig hatten, ſo behalfen
ſie ſich mit Privat-Haͤuſern; und wo ihre Anzahl
an einem Orte ſehr angewachſen war, da theileten
ſie ſich und kamen an mehrern Orten zuſammen.
Eine ſolche Haus-Kirche hatte nun Philemon.
Und hat er damit, daß er einen Theil ſeines Hau-
ſes dazu eingeraͤumet, ein gar loͤbliches Exempel
gegeben, wie bereit man ſeyn ſoll, nach Vermoͤ-
gen die Ehre GOttes auch mit dem, was einem
GOtt an zeitlichen Dingen gegeben hat, zu be-
foͤrdern. Von ſolchen Haus-Gemeinen ſehe
man auch Roͤm. 16, 5. Col. 4, 15.
V. 3.
Gnade ſey mit euch und Friede von
GOTT unſerm Vater, und dem HErrn
JEſu Chriſto.
Anmerckungen.
1. Gleichwie Philemon mit der Appia und
dem Archippo und der Gemeine in ſeinem Hauſe
dieſen Apoſtoliſchen Segens-Wunſch ohne Zwei-
fel mit glaͤubiger Zueignung auf ſich gezogen
hat; alſo mache es auch itzo ein ieglicher Leſer.
2. Da aber weder Gnade ohne Friede,
noch Friede ohne Gnade ſeyn kan, ſo theile man
ja nicht von einander, was nothwendig zuſammen
gehoͤret, und Paulus ſo oft zuſammen ſetzet.
Denn keine Annehmung der Gnade iſt rechter
Art, wo ſie nicht in der Seele den Frieden gebie-
ret. Und kein Friede iſt rechtſchaffen, wo er
nicht aus der Gnade entſtehet.
3. Da die Natur ſo gern und ſo leicht nach-
aͤffet, und mit groſſem Selbſt-Betruge ſich von
beyden eine leere Einbildung machet; ſo hat man
wohl auf ſeiner Hut zu ſeyn, und ſich bey der Zu-
eignung ſelbſt zu pruͤfen. Man ſehe ein meh-
rers von dieſen Worten bey dem Eingange der
uͤbrigen Briefe.
V. 4. 5.
Jch dancke meinem GOtt (deinetwegen)
und gedencke dein allezeit (ſo oft ich GOtt die
Noth der Orientaliſchen Kirche vortrage) in
meinem Gebet, nachdem ich hoͤre von der
Liebe und von dem Glauben, welchen du
haſt (und auch in der That beweiſeſt) an den
HErrn JEſum und gegen alle Heiligen
(glaͤubige Chriſten.)
Anmerckungen.
1. Paulus gedencket faſt in allen ſeinen
Briefen ſeiner Fuͤrbitte fuͤr andere, und daß er ſich
darinnen ſo gar fleißig erfinden laſſe. Welches
denn ſeinen groſſen Ernſt, die Ehre GOttes zu be-
foͤrdern und ſeine recht bruͤnſtige Liebe gegen ſeine
Mit-Glieder an dem geiſtlichen Leibe Chriſti an-
zeiget: uns, und ſonderlich allen rechtſchaffnen
Lehrern, zur ſchuldigen Nachfolge.
2. Die Fuͤrbitte fuͤr andere hat darinnen
einen ſonderbaren Segen, daß man dabey ſich ſo
viel zuverſichtiglicher der Fuͤrbitte anderer, und
der Haupt-Fuͤrbitte Chriſti ſelbſt getroͤſten kan.
Wer disfals gleichſam fuͤr andere viel ausgiebet,
der nimmt auch hinwieder von andern viel ein.
Und koͤmmt man auch manchmal in ſolche Um-
ſtaͤnde, daß man ſelbſt faſt nicht recht beten kan,
ſo hat man ſich auf die Fuͤrbitte Chriſti zu verlaſ-
ſen, ſich auch den Segen von dem Gebete anderer
zuzueignen, ſich doch aber ſelbſt zum Gebet im
Glauben zu erwecken.
3. Niemals aber iſt die Fuͤrbitte fuͤr an-
dere lieblicher, als wenn ſie zugleich mit einer
Danckſagung geſchehen kan. Sind aber die,
fuͤr welche wir beten, nicht in ſolchem Zuſtande,
ſo muß ſie doch deßwegen nicht unterlaſſen
werden.
4. Paulus hat ſich in ſeinen Banden zu
Rom bey aller Gelegenheit fleißig erkundiget nach
dem Zuſtande der Kirchen GOttes allenthalben:
wie es ihm denn nicht an vieler Beſuchung gefeh-
let hat. Und da zu Rom taͤglich aus fremden, auch
weit entlegenen Landen ſo viel Leute ankamen,
ſo hat es ihm an vieler Nachricht von dieſer und
jener Kirche, und von dieſer und jener Perſon in-
ſonderheit, nicht ermangelt. Dieſe waren ſeine
neuen Zeitungen, woran er ſich ergetzte, wenn er
was Gutes hoͤrete, wie vom Philemone.
5. Es ſtehet dahin, ob Paulus Philemo-
nem vorher jemal dem Geſichte nach habe ken-
nen gelernet. Denn nach Coloſſen, woſelbſt
er ſich aufhielte, war er ſelbſt bisher noch nicht
gekommen, wie er bezeuget Col. 1, 7. 8. c. 2, 1.
6. Glaube und Liebe gehoͤret zuſammen,
der Glaube an den HErrn JEſum, und die
Liebe zu ſeinen Gliedern, auch zuvorderſt zu
JEſu ſelbſt. Denn Glaube ohne Liebe iſt
nichts als eine Einbildung: und Liebe ohne
Glauben iſt nur ein bloſſes Natur-Werck.
7. Paulus gedencket der Liebe vor dem
Glauben, weil ſie uns von andern durch den
wuͤrcklichen Erweis in allerhand guten Wer-
cken eher bekannt wird, als der Glaube des
Hertzens, und ſie eine Frucht iſt, daraus man
die Beſchaffenheit des Hertzens, daß es im Glau-
ben ſtehe, erkennen kan.
8. Jſt gleich die Heiligung in dieſem Le-
ben noch unvollkommen; ſo muß ſie doch da-
bey rechtſchaffen ſeyn, alſo daß wahre Chriſten
davon mit Nachdruck die Heiligen koͤnnen ge-
nennet werden. Und ſolche ſind ohne Unter-
ſcheid der Staͤnde alle wahre Glieder Chriſti.
Das Pabſthum aber hat nur ſelbſt-gemachte
Heiligen, und bindet dazu die Geiſtlichkeit nur
an den Orden der Lehrer und Muͤnche: die doch
von aller wahren Heiligung und Heiligkeit ge-
meiniglich ſehr entfernet ſind.
V. 6.
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Lange, Joachim: Des Apostolischen Lichts und Rechts. Bd. 2. Halle, 1729, S. 224. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lange_licht02_1729/226>, abgerufen am 26.09.2024.
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