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[La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771.

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ihren angewiesenen Kreis haben, darinn
sie alles antreffen, was zu ihrer Vollkom-
menheit beytragen kann: so möge auch in
der moralischen Welt das Hofleben der
Kreis seyn, in welchem allein gewisse Fä-
higkeiten unsers Geistes und Körpers ihre
vollkommene Ausbildung erlangen kön-
nen; als z. E. die höchste Stufe des fei-
nen Geschmacks in allem was die Sinnen
rührt, und von der Einbildungskraft ab-
hängt; dahin nicht allein die unendliche
Menge Sachen aller Künste und beynahe
aller Nothdürftigkeiten von Nahrung,
Kleidung, Geräthschaft, nebst allen Ar-
ten von Verzierungen gehören, deren alle
Gattungen von äußerlichen Gegenständen
fähig sind, sich beziehen. Der Hof ist
auch der schicklichste Schauplatz die außer-
ordentliche Biegsamkeit unsers Geistes und
Körpers zu beweisen; eine Fähigkeit die
sich daselbst in einer unendlichen Menge
feiner Wendungen in Gedanken, Aus-
druck und Gebehrden, ja selbst in mora-
lischen Handlungen äußert, je nach dem
Politik, Glück oder Ehrgeiz von einer oder

andern

ihren angewieſenen Kreis haben, darinn
ſie alles antreffen, was zu ihrer Vollkom-
menheit beytragen kann: ſo moͤge auch in
der moraliſchen Welt das Hofleben der
Kreis ſeyn, in welchem allein gewiſſe Faͤ-
higkeiten unſers Geiſtes und Koͤrpers ihre
vollkommene Ausbildung erlangen koͤn-
nen; als z. E. die hoͤchſte Stufe des fei-
nen Geſchmacks in allem was die Sinnen
ruͤhrt, und von der Einbildungskraft ab-
haͤngt; dahin nicht allein die unendliche
Menge Sachen aller Kuͤnſte und beynahe
aller Nothduͤrftigkeiten von Nahrung,
Kleidung, Geraͤthſchaft, nebſt allen Ar-
ten von Verzierungen gehoͤren, deren alle
Gattungen von aͤußerlichen Gegenſtaͤnden
faͤhig ſind, ſich beziehen. Der Hof iſt
auch der ſchicklichſte Schauplatz die außer-
ordentliche Biegſamkeit unſers Geiſtes und
Koͤrpers zu beweiſen; eine Faͤhigkeit die
ſich daſelbſt in einer unendlichen Menge
feiner Wendungen in Gedanken, Aus-
druck und Gebehrden, ja ſelbſt in mora-
liſchen Handlungen aͤußert, je nach dem
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[191/0217] ihren angewieſenen Kreis haben, darinn ſie alles antreffen, was zu ihrer Vollkom- menheit beytragen kann: ſo moͤge auch in der moraliſchen Welt das Hofleben der Kreis ſeyn, in welchem allein gewiſſe Faͤ- higkeiten unſers Geiſtes und Koͤrpers ihre vollkommene Ausbildung erlangen koͤn- nen; als z. E. die hoͤchſte Stufe des fei- nen Geſchmacks in allem was die Sinnen ruͤhrt, und von der Einbildungskraft ab- haͤngt; dahin nicht allein die unendliche Menge Sachen aller Kuͤnſte und beynahe aller Nothduͤrftigkeiten von Nahrung, Kleidung, Geraͤthſchaft, nebſt allen Ar- ten von Verzierungen gehoͤren, deren alle Gattungen von aͤußerlichen Gegenſtaͤnden faͤhig ſind, ſich beziehen. Der Hof iſt auch der ſchicklichſte Schauplatz die außer- ordentliche Biegſamkeit unſers Geiſtes und Koͤrpers zu beweiſen; eine Faͤhigkeit die ſich daſelbſt in einer unendlichen Menge feiner Wendungen in Gedanken, Aus- druck und Gebehrden, ja ſelbſt in mora- liſchen Handlungen aͤußert, je nach dem Politik, Gluͤck oder Ehrgeiz von einer oder andern

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Zitationshilfe: [La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 1. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771, S. 191. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte01_1771/217>, abgerufen am 02.08.2021.