Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

[La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 2. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771.

Bild:
<< vorherige Seite

Madam Hills
an
Herrn Prediger Br **.

Erschrecken Sie nicht, lieber Herr Pre-
diger, daß Sie anstatt eines Briefes von
Madam Leidens einen von mir bekommen.
Sie ist nicht krank, gewiß nicht; aber
die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage
verlassen, und wohnt in einem ganz frem-
den Hause, wo sie viel arbeitet, und --
was mir Leid thut -- auch gar schlecht
ißt; hören Sie nur wie dieß zugieng!
O, ein solcher Engel ist noch nie in eines
Reichen, noch in eines Armen Hause ge-
wesen! ich kann das nicht so sagen was
ich denke, und schreiben kann ich gar
nicht. Doch sehen Sie: Jhre Frau
weiß, wie arm der Herr G. nach Verlust
seines Amts mit Frau und Kindern gewor-
den ist. Nun, ich gab immer was; aber
ich konnte die Leute nicht dulden; Jeder-
mann sagte auch, daß Er hochmüthig und
Sie nachläßig wäre, und daß alles Gute

an
F 3

Madam Hills
an
Herrn Prediger Br **.

Erſchrecken Sie nicht, lieber Herr Pre-
diger, daß Sie anſtatt eines Briefes von
Madam Leidens einen von mir bekommen.
Sie iſt nicht krank, gewiß nicht; aber
die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage
verlaſſen, und wohnt in einem ganz frem-
den Hauſe, wo ſie viel arbeitet, und —
was mir Leid thut — auch gar ſchlecht
ißt; hoͤren Sie nur wie dieß zugieng!
O, ein ſolcher Engel iſt noch nie in eines
Reichen, noch in eines Armen Hauſe ge-
weſen! ich kann das nicht ſo ſagen was
ich denke, und ſchreiben kann ich gar
nicht. Doch ſehen Sie: Jhre Frau
weiß, wie arm der Herr G. nach Verluſt
ſeines Amts mit Frau und Kindern gewor-
den iſt. Nun, ich gab immer was; aber
ich konnte die Leute nicht dulden; Jeder-
mann ſagte auch, daß Er hochmuͤthig und
Sie nachlaͤßig waͤre, und daß alles Gute

an
F 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <pb facs="#f0091" n="85"/>
        <fw place="top" type="header"><lb/>
        </fw>
        <div n="2">
          <head><hi rendition="#fr">Madam Hills</hi><lb/>
an<lb/><hi rendition="#fr">Herrn Prediger Br</hi> **.</head><lb/>
          <p><hi rendition="#in">E</hi>r&#x017F;chrecken Sie nicht, lieber Herr Pre-<lb/>
diger, daß Sie an&#x017F;tatt eines Briefes von<lb/>
Madam Leidens einen von mir bekommen.<lb/>
Sie i&#x017F;t nicht krank, gewiß nicht; aber<lb/>
die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage<lb/>
verla&#x017F;&#x017F;en, und wohnt in einem ganz frem-<lb/>
den Hau&#x017F;e, wo &#x017F;ie viel arbeitet, und &#x2014;<lb/>
was mir Leid thut &#x2014; auch gar &#x017F;chlecht<lb/>
ißt; ho&#x0364;ren Sie nur wie dieß zugieng!<lb/>
O, ein &#x017F;olcher Engel i&#x017F;t noch nie in eines<lb/>
Reichen, noch in eines Armen Hau&#x017F;e ge-<lb/>
we&#x017F;en! ich kann das nicht &#x017F;o &#x017F;agen was<lb/>
ich denke, und &#x017F;chreiben kann ich gar<lb/>
nicht. Doch &#x017F;ehen Sie: Jhre Frau<lb/>
weiß, wie arm der Herr G. nach Verlu&#x017F;t<lb/>
&#x017F;eines Amts mit Frau und Kindern gewor-<lb/>
den i&#x017F;t. Nun, ich gab immer was; aber<lb/>
ich konnte die Leute nicht dulden; Jeder-<lb/>
mann &#x017F;agte auch, daß Er hochmu&#x0364;thig und<lb/>
Sie nachla&#x0364;ßig wa&#x0364;re, und daß alles Gute<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">F 3</fw><fw place="bottom" type="catch">an</fw><lb/></p>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[85/0091] Madam Hills an Herrn Prediger Br **. Erſchrecken Sie nicht, lieber Herr Pre- diger, daß Sie anſtatt eines Briefes von Madam Leidens einen von mir bekommen. Sie iſt nicht krank, gewiß nicht; aber die liebe Frau hat mich auf vierzehn Tage verlaſſen, und wohnt in einem ganz frem- den Hauſe, wo ſie viel arbeitet, und — was mir Leid thut — auch gar ſchlecht ißt; hoͤren Sie nur wie dieß zugieng! O, ein ſolcher Engel iſt noch nie in eines Reichen, noch in eines Armen Hauſe ge- weſen! ich kann das nicht ſo ſagen was ich denke, und ſchreiben kann ich gar nicht. Doch ſehen Sie: Jhre Frau weiß, wie arm der Herr G. nach Verluſt ſeines Amts mit Frau und Kindern gewor- den iſt. Nun, ich gab immer was; aber ich konnte die Leute nicht dulden; Jeder- mann ſagte auch, daß Er hochmuͤthig und Sie nachlaͤßig waͤre, und daß alles Gute an F 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte02_1771
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte02_1771/91
Zitationshilfe: [La Roche, Sophie von]: Geschichte des Fräuleins von Sternheim. Bd. 2. Hrsg. v. Christoph Martin Wieland. Leipzig, 1771, S. 85. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laroche_geschichte02_1771/91>, abgerufen am 11.04.2021.