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Laube, Heinrich: Die Bernsteinhexe. Leipzig, 1846.

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Die Bernsteinhexe.
Wirf ab die unnützen Zeichen von Blödigkeit! Wer so
tief wie Du in die Geheimnisse der Natur hinein getreten,
der braucht die Jungfernziererei nicht mehr -- sieh', der
Mond steigt auf aus der See, es ist die Nacht vom Juden-
Sabbath zum Christen-Sabbath, die Nacht zwischen Toll-
heit und Thorheit, vortrefflich geeignet zur Abschließung
unsers Paktes.
Marie.
Jch glaube, Jhr seid süßen Weines trunken, Herr
Wittich!
Wittich.
Deiner Augen bin ich trunken, Mädchen, sonst trieb
ich's nicht zum Aeußersten, denn dahin treib ich's -- setze
Dich zu mir, wir haben beide Platz auf diesem Stuhle!
Marie.
Jch setze mich nicht zu Euch, und ich bitte Euch gar
sehr, meine Hand frei zu geben!
Wittich.
Wirf die Sprödigkeit hinter Dich, Taube, sie brächte
Dir Unglück. Du bist doch wahrhaftig so weit, um die
albernen Mädchen-Vorurtheile zu überwinden. Einem
unerfahrenen Kinde mag solch ein rothbackiger Junker ge-
fährlich werden, solch ein nüchterner, unkundiger Gesell!
Was kann er Dir sein, die Du mit Geistern verkehrst!
Wir brauchen einander, Schweidlerin, das ist genug. Jch
liebe Dich, Du wirst mich lieben. Dies ist unser Heute
und Morgen. Deine Hand zuckt!
Die Bernſteinhexe.
Wirf ab die unnuͤtzen Zeichen von Bloͤdigkeit! Wer ſo
tief wie Du in die Geheimniſſe der Natur hinein getreten,
der braucht die Jungfernziererei nicht mehr — ſieh’, der
Mond ſteigt auf aus der See, es iſt die Nacht vom Juden-
Sabbath zum Chriſten-Sabbath, die Nacht zwiſchen Toll-
heit und Thorheit, vortrefflich geeignet zur Abſchließung
unſers Paktes.
Marie.
Jch glaube, Jhr ſeid ſuͤßen Weines trunken, Herr
Wittich!
Wittich.
Deiner Augen bin ich trunken, Maͤdchen, ſonſt trieb
ich’s nicht zum Aeußerſten, denn dahin treib ich’s — ſetze
Dich zu mir, wir haben beide Platz auf dieſem Stuhle!
Marie.
Jch ſetze mich nicht zu Euch, und ich bitte Euch gar
ſehr, meine Hand frei zu geben!
Wittich.
Wirf die Sproͤdigkeit hinter Dich, Taube, ſie braͤchte
Dir Ungluͤck. Du biſt doch wahrhaftig ſo weit, um die
albernen Maͤdchen-Vorurtheile zu uͤberwinden. Einem
unerfahrenen Kinde mag ſolch ein rothbackiger Junker ge-
faͤhrlich werden, ſolch ein nuͤchterner, unkundiger Geſell!
Was kann er Dir ſein, die Du mit Geiſtern verkehrſt!
Wir brauchen einander, Schweidlerin, das iſt genug. Jch
liebe Dich, Du wirſt mich lieben. Dies iſt unſer Heute
und Morgen. Deine Hand zuckt!
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[89/0095] Die Bernſteinhexe. Wirf ab die unnuͤtzen Zeichen von Bloͤdigkeit! Wer ſo tief wie Du in die Geheimniſſe der Natur hinein getreten, der braucht die Jungfernziererei nicht mehr — ſieh’, der Mond ſteigt auf aus der See, es iſt die Nacht vom Juden- Sabbath zum Chriſten-Sabbath, die Nacht zwiſchen Toll- heit und Thorheit, vortrefflich geeignet zur Abſchließung unſers Paktes. Marie. Jch glaube, Jhr ſeid ſuͤßen Weines trunken, Herr Wittich! Wittich. Deiner Augen bin ich trunken, Maͤdchen, ſonſt trieb ich’s nicht zum Aeußerſten, denn dahin treib ich’s — ſetze Dich zu mir, wir haben beide Platz auf dieſem Stuhle! Marie. Jch ſetze mich nicht zu Euch, und ich bitte Euch gar ſehr, meine Hand frei zu geben! Wittich. Wirf die Sproͤdigkeit hinter Dich, Taube, ſie braͤchte Dir Ungluͤck. Du biſt doch wahrhaftig ſo weit, um die albernen Maͤdchen-Vorurtheile zu uͤberwinden. Einem unerfahrenen Kinde mag ſolch ein rothbackiger Junker ge- faͤhrlich werden, ſolch ein nuͤchterner, unkundiger Geſell! Was kann er Dir ſein, die Du mit Geiſtern verkehrſt! Wir brauchen einander, Schweidlerin, das iſt genug. Jch liebe Dich, Du wirſt mich lieben. Dies iſt unſer Heute und Morgen. Deine Hand zuckt!

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Zitationshilfe: Laube, Heinrich: Die Bernsteinhexe. Leipzig, 1846, S. 89. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_bernsteinhexe_1846/95>, abgerufen am 13.07.2024.