Kein Auge kann's verbergen, Daß -- ja, wer's nennen könnt'! Der Herrgott steigt von den Bergen, Ueber's Thal die Ahnung rennt: Neuer Anfang kommt, neues End'!
Entsetzlich! Jch nahm das Lied mit hinauf zu Constantin, und las es ihnen beim Kaffee vor. Sie waren Beide eine lange Zeit ganz still, dann sagte Constantin: Beneidenswerther Mensch, Deinem Herzen kommt alles Blut, alle Wärme, alle Kraft wieder, Theil zu nehmen -- und zu Julie setzte er hinzu: wir bleiben allein verdammt. Sprich!
Was soll das Untersuchen! sagte sie, wir gehen weiter --
Wozu?
Hm!
Darauf winkte er ihr, und sie gingen in's Ne- benzimmer -- Julie ist wunderbar schön und voll- kommen geworden, blendend weiß, das große blaue Auge ist nur etwas gläsern.
Es mochte keine Viertelstunde vergangen sein, daß ich allein war, da hörte ich einen starken Schuß
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Kein Auge kann’s verbergen, Daß — ja, wer’s nennen koͤnnt’! Der Herrgott ſteigt von den Bergen, Ueber’s Thal die Ahnung rennt: Neuer Anfang kommt, neues End’!
Entſetzlich! Jch nahm das Lied mit hinauf zu Conſtantin, und las es ihnen beim Kaffee vor. Sie waren Beide eine lange Zeit ganz ſtill, dann ſagte Conſtantin: Beneidenswerther Menſch, Deinem Herzen kommt alles Blut, alle Waͤrme, alle Kraft wieder, Theil zu nehmen — und zu Julie ſetzte er hinzu: wir bleiben allein verdammt. Sprich!
Was ſoll das Unterſuchen! ſagte ſie, wir gehen weiter —
Wozu?
Hm!
Darauf winkte er ihr, und ſie gingen in’s Ne- benzimmer — Julie iſt wunderbar ſchoͤn und voll- kommen geworden, blendend weiß, das große blaue Auge iſt nur etwas glaͤſern.
Es mochte keine Viertelſtunde vergangen ſein, daß ich allein war, da hoͤrte ich einen ſtarken Schuß
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Kein Auge kann’s verbergen,
Daß — ja, wer’s nennen koͤnnt’!
Der Herrgott ſteigt von den Bergen,
Ueber’s Thal die Ahnung rennt:
Neuer Anfang kommt, neues End’!
Entſetzlich! Jch nahm das Lied mit hinauf zu
Conſtantin, und las es ihnen beim Kaffee vor. Sie
waren Beide eine lange Zeit ganz ſtill, dann ſagte
Conſtantin: Beneidenswerther Menſch, Deinem
Herzen kommt alles Blut, alle Waͤrme, alle Kraft
wieder, Theil zu nehmen — und zu Julie ſetzte er
hinzu: wir bleiben allein verdammt. Sprich!
Was ſoll das Unterſuchen! ſagte ſie, wir gehen
weiter —
Wozu?
Hm!
Darauf winkte er ihr, und ſie gingen in’s Ne-
benzimmer — Julie iſt wunderbar ſchoͤn und voll-
kommen geworden, blendend weiß, das große blaue
Auge iſt nur etwas glaͤſern.
Es mochte keine Viertelſtunde vergangen ſein,
daß ich allein war, da hoͤrte ich einen ſtarken Schuß
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Laube, Heinrich: Das junge Europa. Bd. 3. Mannheim, 1837, S. 177. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_europa03_1837/185>, abgerufen am 10.08.2024.
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