da oben soll entzückend sein, wir reiten eben vor- über, warum sollen wir nicht ein Stück Rindfleisch da oben essen? Auch soll die Lady eine schöne Tochter haben, man sagt's, denn von uns hat sie Niemand gesehn, die Alte kommt seit zehn Jahren nicht nach London."
Wir wurden in die große steinerne Halle zu Tisch geführt; ich denke hier fortwährend Walter Scotts, man sieht durch hohe Bogenfenster weit in's Meer hinaus, seitwärts auf grünes oder waldiges Bergufer. Das Schloß ruht von dieser Seite auf einem Felsen, der senkrecht aus dem Meere aufsteigt, das Wogenbrausen ist eine Tafelmusik des ewigen Elements, dessen Wellen ab und zu gehn zwischen den Erdtheilen dieses Planeten.
Die alte Lady ist eine hohe, vornehme Frau, höflich wie ein Buch, nicht mehr sprechend, als die strengste Censur einem Buche erlaubt hätte -- sie kam allein, wie wir erwartet hatten; wir waren sehr artig und bescheiden, und sprachen über Walter Scott und dessen Romane. Es ist reizend, wie viel unbefangen romantisches Jnteresse in diesen Englän- dern lebt, jede erfundene Person einer Geschichte,
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da oben ſoll entzuͤckend ſein, wir reiten eben vor- uͤber, warum ſollen wir nicht ein Stuͤck Rindfleiſch da oben eſſen? Auch ſoll die Lady eine ſchoͤne Tochter haben, man ſagt’s, denn von uns hat ſie Niemand geſehn, die Alte kommt ſeit zehn Jahren nicht nach London.“
Wir wurden in die große ſteinerne Halle zu Tiſch gefuͤhrt; ich denke hier fortwaͤhrend Walter Scotts, man ſieht durch hohe Bogenfenſter weit in’s Meer hinaus, ſeitwaͤrts auf gruͤnes oder waldiges Bergufer. Das Schloß ruht von dieſer Seite auf einem Felſen, der ſenkrecht aus dem Meere aufſteigt, das Wogenbrauſen iſt eine Tafelmuſik des ewigen Elements, deſſen Wellen ab und zu gehn zwiſchen den Erdtheilen dieſes Planeten.
Die alte Lady iſt eine hohe, vornehme Frau, hoͤflich wie ein Buch, nicht mehr ſprechend, als die ſtrengſte Cenſur einem Buche erlaubt haͤtte — ſie kam allein, wie wir erwartet hatten; wir waren ſehr artig und beſcheiden, und ſprachen uͤber Walter Scott und deſſen Romane. Es iſt reizend, wie viel unbefangen romantiſches Jntereſſe in dieſen Englaͤn- dern lebt, jede erfundene Perſon einer Geſchichte,
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da oben ſoll entzuͤckend ſein, wir reiten eben vor-
uͤber, warum ſollen wir nicht ein Stuͤck Rindfleiſch
da oben eſſen? Auch ſoll die Lady eine ſchoͤne
Tochter haben, man ſagt’s, denn von uns hat ſie
Niemand geſehn, die Alte kommt ſeit zehn Jahren
nicht nach London.“
Wir wurden in die große ſteinerne Halle zu
Tiſch gefuͤhrt; ich denke hier fortwaͤhrend Walter
Scotts, man ſieht durch hohe Bogenfenſter weit in’s
Meer hinaus, ſeitwaͤrts auf gruͤnes oder waldiges
Bergufer. Das Schloß ruht von dieſer Seite auf
einem Felſen, der ſenkrecht aus dem Meere aufſteigt,
das Wogenbrauſen iſt eine Tafelmuſik des ewigen
Elements, deſſen Wellen ab und zu gehn zwiſchen
den Erdtheilen dieſes Planeten.
Die alte Lady iſt eine hohe, vornehme Frau,
hoͤflich wie ein Buch, nicht mehr ſprechend, als die
ſtrengſte Cenſur einem Buche erlaubt haͤtte — ſie
kam allein, wie wir erwartet hatten; wir waren ſehr
artig und beſcheiden, und ſprachen uͤber Walter
Scott und deſſen Romane. Es iſt reizend, wie viel
unbefangen romantiſches Jntereſſe in dieſen Englaͤn-
dern lebt, jede erfundene Perſon einer Geſchichte,
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Laube, Heinrich: Das junge Europa. Bd. 3. Mannheim, 1837, S. 225. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/laube_europa03_1837/233>, abgerufen am 10.08.2024.
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