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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775.

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IX. Fragment. 8. Zugabe. Von der Harmonie
Achte Zugabe.
Der tiefste Grad der menschlichen Lasterhaftigkeit,
nach Hogarth.

VIIII. Tafel.

Fasse dich, Leser! Und du, weiser Vater oder du fromme Mutter, nimm deinen Sohn,
oder deine Tochter bey der Hand, und schau, und wenn eine Zähre dir ins Auge zit-
tert -- und sie dich fragen: warum weinest du? -- so zeig ihnen dieß Blatt -- und
sprich --

"Siehe! diese haben ihre Leiber durch sich selber geschändet, und die Herrlichkeit
"des anbethenswürdigen Schöpfers unter die Gestalt der Bestien erniedrigt" --

Das der Vervollkommnung fähigste aller Geschöpfe kann das allerunvollkommenste,
kann das herrlichste und kann das schrecklichste werden. Alle Creatur Gottes ist gut,
und nichts verwerflich!
Gott macht den Menschen schlecht und recht; Er aber sucht
Betrug und Arglist!

Soll ich von oben herab, soll ich von unten heraufsteigen -- etwas von dem
Greuel zu bemerken, der aus allen diesen Gesichtern, wie Blut aus der Wunde des Er-
mordeten, hervorquillt!

Rachgrimm! Hohngelächter der kraftlosesten Schadenfreude! oder hochverachtender,
Blut, wie Wein, dürstender Wuth! Gebrandmarkte Unzucht! Raubsucht, und Entsetzen
vor dem Gedanken, entdeckt zu werden! Doch ich übergehe die Verruchtheiten alle, und
bemerke nur noch mit Entsetzen den allerhöchsten Grad -- der Teufeley in dem Gesicht,
das einer flehenden Mutter mit einer namenlosen grimmighönischen Verachtung entgegen
trutzt! Wenn Hogarth dieß Gesichte gesehen und diese Stellung copirt hat, so ist das
Original -- ein Jnnbegriff von Teufeln! Hat er's erschaffen -- so ist Hogarth --
nein! Er hat's zusammengedichtet aus vorhandenen Gesichtern, und so ist er und das
Menschengeschlecht gerettet -- Doch! ach, Gott! ich habe schon Gesichter, Gebehrden

und
IX. Fragment. 8. Zugabe. Von der Harmonie
Achte Zugabe.
Der tiefſte Grad der menſchlichen Laſterhaftigkeit,
nach Hogarth.

VIIII. Tafel.

Faſſe dich, Leſer! Und du, weiſer Vater oder du fromme Mutter, nimm deinen Sohn,
oder deine Tochter bey der Hand, und ſchau, und wenn eine Zaͤhre dir ins Auge zit-
tert — und ſie dich fragen: warum weineſt du? — ſo zeig ihnen dieß Blatt — und
ſprich —

„Siehe! dieſe haben ihre Leiber durch ſich ſelber geſchaͤndet, und die Herrlichkeit
„des anbethenswuͤrdigen Schoͤpfers unter die Geſtalt der Beſtien erniedrigt“ —

Das der Vervollkommnung faͤhigſte aller Geſchoͤpfe kann das allerunvollkommenſte,
kann das herrlichſte und kann das ſchrecklichſte werden. Alle Creatur Gottes iſt gut,
und nichts verwerflich!
Gott macht den Menſchen ſchlecht und recht; Er aber ſucht
Betrug und Argliſt!

Soll ich von oben herab, ſoll ich von unten heraufſteigen — etwas von dem
Greuel zu bemerken, der aus allen dieſen Geſichtern, wie Blut aus der Wunde des Er-
mordeten, hervorquillt!

Rachgrimm! Hohngelaͤchter der kraftloſeſten Schadenfreude! oder hochverachtender,
Blut, wie Wein, duͤrſtender Wuth! Gebrandmarkte Unzucht! Raubſucht, und Entſetzen
vor dem Gedanken, entdeckt zu werden! Doch ich uͤbergehe die Verruchtheiten alle, und
bemerke nur noch mit Entſetzen den allerhoͤchſten Grad — der Teufeley in dem Geſicht,
das einer flehenden Mutter mit einer namenloſen grimmighoͤniſchen Verachtung entgegen
trutzt! Wenn Hogarth dieß Geſichte geſehen und dieſe Stellung copirt hat, ſo iſt das
Original — ein Jnnbegriff von Teufeln! Hat er's erſchaffen — ſo iſt Hogarth
nein! Er hat's zuſammengedichtet aus vorhandenen Geſichtern, und ſo iſt er und das
Menſchengeſchlecht gerettet — Doch! ach, Gott! ich habe ſchon Geſichter, Gebehrden

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[100/0140] IX. Fragment. 8. Zugabe. Von der Harmonie Achte Zugabe. Der tiefſte Grad der menſchlichen Laſterhaftigkeit, nach Hogarth. VIIII. Tafel. Faſſe dich, Leſer! Und du, weiſer Vater oder du fromme Mutter, nimm deinen Sohn, oder deine Tochter bey der Hand, und ſchau, und wenn eine Zaͤhre dir ins Auge zit- tert — und ſie dich fragen: warum weineſt du? — ſo zeig ihnen dieß Blatt — und ſprich — „Siehe! dieſe haben ihre Leiber durch ſich ſelber geſchaͤndet, und die Herrlichkeit „des anbethenswuͤrdigen Schoͤpfers unter die Geſtalt der Beſtien erniedrigt“ — Das der Vervollkommnung faͤhigſte aller Geſchoͤpfe kann das allerunvollkommenſte, kann das herrlichſte und kann das ſchrecklichſte werden. Alle Creatur Gottes iſt gut, und nichts verwerflich! Gott macht den Menſchen ſchlecht und recht; Er aber ſucht Betrug und Argliſt! Soll ich von oben herab, ſoll ich von unten heraufſteigen — etwas von dem Greuel zu bemerken, der aus allen dieſen Geſichtern, wie Blut aus der Wunde des Er- mordeten, hervorquillt! Rachgrimm! Hohngelaͤchter der kraftloſeſten Schadenfreude! oder hochverachtender, Blut, wie Wein, duͤrſtender Wuth! Gebrandmarkte Unzucht! Raubſucht, und Entſetzen vor dem Gedanken, entdeckt zu werden! Doch ich uͤbergehe die Verruchtheiten alle, und bemerke nur noch mit Entſetzen den allerhoͤchſten Grad — der Teufeley in dem Geſicht, das einer flehenden Mutter mit einer namenloſen grimmighoͤniſchen Verachtung entgegen trutzt! Wenn Hogarth dieß Geſichte geſehen und dieſe Stellung copirt hat, ſo iſt das Original — ein Jnnbegriff von Teufeln! Hat er's erſchaffen — ſo iſt Hogarth — nein! Er hat's zuſammengedichtet aus vorhandenen Geſichtern, und ſo iſt er und das Menſchengeſchlecht gerettet — Doch! ach, Gott! ich habe ſchon Geſichter, Gebehrden und

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775, S. 100. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente01_1775/140>, abgerufen am 04.03.2021.