Anmelden (DTAQ) DWDS     dlexDB     CLARIN-D

Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775.

Bild:
<< vorherige Seite
zur Prüfung des physiognomischen Genies.
R.
Ein ausgearbeitetes Profilporträt.

Das vorstehende Bild ist dem Urbilde sehr ähnlich; dennoch hat es von der Anmuth und Lieb-
lichkeit des Originals merklich verloren. Aus Furcht, ins Harte zu fallen, wollte es der Zeich-
ner, Herr Heinrich Pfenninger, nicht wagen, einige sehr bedeutsame Züge etwas bestimmter
und fester zu zeichnen. Es ist indeß hinlänglich kennbar, um uns zu einigen Beobachtungen die
gehörigen Dienste zu leisten. Wir werden aber auch das nicht unbemerkt lassen, was das Bley-
stift und die Nadel zurück gelassen haben mögen, und so werden wir so gar noch die, auch bey
der größten Sorgfalt, beynahe unausweichbaren Fehler benutzen können.

So viel ich aus dem Umgange mit diesem Manne, und aus dem mit dem meinigen voll-
kommen übereinstimmenden Urtheile andrer, die ihn genau kennen, -- mit völliger Zuverläßigkeit
schließen kann, hat er folgenden --

Character.

Ueberaus sanft, zärtlich, gütig, empfindsam, aufrichtig, bescheiden, und von Herzen de-
müthig -- frey von heftigen und stürmischen Leidenschaften; immer heiter, ruhig, guten Muths;
aufgeweckt, ohne lustig, ernsthaft, ohne traurig und niedergeschlagen zu seyn; unbeschreiblich
billig in allen seinen Urtheilen, und vorsichtig, durch sein Betragen, und seine Reden keinen Men-
schen zu beleidigen -- Ein angenehmer, unterhaltender, theilnehmender Gesellschafter -- Einfach
und geschmackvoll in seinem Aeußern und seiner Kleidung -- reinlich, mäßig, zufrieden, fröhlich
andächtig, fromm, voll einer nicht lauen und nicht schwärmerischen Liebe zum -- Heiland --
Eines der weisesten und angesehensten Mitglieder der mährischen Brüderschaft; aber ein, nicht blos
andre duldender, ein zärtlichliebender allgemeiner Menschenfreund; fern von allem ausschließen-
den Partheygeiste; -- billig genug, die Fehler seiner Parthey zu gestehen, und das Gute ihrer
Gegner hervorzuziehen, und bekannt zu machen -- Ein weiser -- nein nicht Vater, ein Bruder,
ein Freund aller Kinder; -- eine Freude aller, die ihn kennen; -- ein Kind voll Güte und Un-
schuld; -- klug, wie eine Schlange, und einfältig, wie eine Taube; fein, aber nur durch Liebe;
von der delicatesten Discretion -- schwerhörend, aber mit der ganzen Seele aufmerksam; Meister

seiner
E e 3
zur Pruͤfung des phyſiognomiſchen Genies.
R.
Ein ausgearbeitetes Profilportraͤt.

Das vorſtehende Bild iſt dem Urbilde ſehr aͤhnlich; dennoch hat es von der Anmuth und Lieb-
lichkeit des Originals merklich verloren. Aus Furcht, ins Harte zu fallen, wollte es der Zeich-
ner, Herr Heinrich Pfenninger, nicht wagen, einige ſehr bedeutſame Zuͤge etwas beſtimmter
und feſter zu zeichnen. Es iſt indeß hinlaͤnglich kennbar, um uns zu einigen Beobachtungen die
gehoͤrigen Dienſte zu leiſten. Wir werden aber auch das nicht unbemerkt laſſen, was das Bley-
ſtift und die Nadel zuruͤck gelaſſen haben moͤgen, und ſo werden wir ſo gar noch die, auch bey
der groͤßten Sorgfalt, beynahe unausweichbaren Fehler benutzen koͤnnen.

So viel ich aus dem Umgange mit dieſem Manne, und aus dem mit dem meinigen voll-
kommen uͤbereinſtimmenden Urtheile andrer, die ihn genau kennen, — mit voͤlliger Zuverlaͤßigkeit
ſchließen kann, hat er folgenden —

Character.

Ueberaus ſanft, zaͤrtlich, guͤtig, empfindſam, aufrichtig, beſcheiden, und von Herzen de-
muͤthig — frey von heftigen und ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften; immer heiter, ruhig, guten Muths;
aufgeweckt, ohne luſtig, ernſthaft, ohne traurig und niedergeſchlagen zu ſeyn; unbeſchreiblich
billig in allen ſeinen Urtheilen, und vorſichtig, durch ſein Betragen, und ſeine Reden keinen Men-
ſchen zu beleidigen — Ein angenehmer, unterhaltender, theilnehmender Geſellſchafter — Einfach
und geſchmackvoll in ſeinem Aeußern und ſeiner Kleidung — reinlich, maͤßig, zufrieden, froͤhlich
andaͤchtig, fromm, voll einer nicht lauen und nicht ſchwaͤrmeriſchen Liebe zum — Heiland
Eines der weiſeſten und angeſehenſten Mitglieder der maͤhriſchen Bruͤderſchaft; aber ein, nicht blos
andre duldender, ein zaͤrtlichliebender allgemeiner Menſchenfreund; fern von allem ausſchließen-
den Partheygeiſte; — billig genug, die Fehler ſeiner Parthey zu geſtehen, und das Gute ihrer
Gegner hervorzuziehen, und bekannt zu machen — Ein weiſer — nein nicht Vater, ein Bruder,
ein Freund aller Kinder; — eine Freude aller, die ihn kennen; — ein Kind voll Guͤte und Un-
ſchuld; — klug, wie eine Schlange, und einfaͤltig, wie eine Taube; fein, aber nur durch Liebe;
von der delicateſten Diſcretion — ſchwerhoͤrend, aber mit der ganzen Seele aufmerkſam; Meiſter

ſeiner
E e 3
<TEI>
  <text>
    <body>
      <div n="1">
        <div n="2">
          <pb facs="#f0315" n="213"/>
          <fw place="top" type="header"> <hi rendition="#b">zur Pru&#x0364;fung des phy&#x017F;iognomi&#x017F;chen Genies.</hi> </fw><lb/>
          <div n="3">
            <head> <hi rendition="#b"><hi rendition="#aq">R.</hi><lb/>
Ein ausgearbeitetes Profilportra&#x0364;t.</hi> </head><lb/>
            <p><hi rendition="#in">D</hi>as vor&#x017F;tehende Bild i&#x017F;t dem Urbilde &#x017F;ehr a&#x0364;hnlich; dennoch hat es von der Anmuth und Lieb-<lb/>
lichkeit des Originals merklich verloren. Aus Furcht, ins Harte zu fallen, wollte es der Zeich-<lb/>
ner, Herr Heinrich <hi rendition="#fr">Pfenninger,</hi> nicht wagen, einige &#x017F;ehr bedeut&#x017F;ame Zu&#x0364;ge etwas be&#x017F;timmter<lb/>
und fe&#x017F;ter zu zeichnen. Es i&#x017F;t indeß hinla&#x0364;nglich kennbar, um uns zu einigen Beobachtungen die<lb/>
geho&#x0364;rigen Dien&#x017F;te zu lei&#x017F;ten. Wir werden aber auch das nicht unbemerkt la&#x017F;&#x017F;en, was das Bley-<lb/>
&#x017F;tift und die Nadel zuru&#x0364;ck gela&#x017F;&#x017F;en haben mo&#x0364;gen, und &#x017F;o werden wir &#x017F;o gar noch die, auch bey<lb/>
der gro&#x0364;ßten Sorgfalt, beynahe unausweichbaren Fehler benutzen ko&#x0364;nnen.</p><lb/>
            <p>So viel ich aus dem Umgange mit die&#x017F;em Manne, und aus dem mit dem meinigen voll-<lb/>
kommen u&#x0364;berein&#x017F;timmenden Urtheile andrer, die ihn genau kennen, &#x2014; mit vo&#x0364;lliger Zuverla&#x0364;ßigkeit<lb/>
&#x017F;chließen kann, hat er folgenden &#x2014;</p><lb/>
            <div n="4">
              <head> <hi rendition="#b"> <hi rendition="#g">Character.</hi> </hi> </head><lb/>
              <p>Ueberaus &#x017F;anft, za&#x0364;rtlich, gu&#x0364;tig, empfind&#x017F;am, aufrichtig, be&#x017F;cheiden, und von Herzen de-<lb/>
mu&#x0364;thig &#x2014; frey von heftigen und &#x017F;tu&#x0364;rmi&#x017F;chen Leiden&#x017F;chaften; immer heiter, ruhig, guten Muths;<lb/>
aufgeweckt, ohne lu&#x017F;tig, ern&#x017F;thaft, ohne traurig und niederge&#x017F;chlagen zu &#x017F;eyn; unbe&#x017F;chreiblich<lb/>
billig in allen &#x017F;einen Urtheilen, und vor&#x017F;ichtig, durch &#x017F;ein Betragen, und &#x017F;eine Reden keinen Men-<lb/>
&#x017F;chen zu beleidigen &#x2014; Ein angenehmer, unterhaltender, theilnehmender Ge&#x017F;ell&#x017F;chafter &#x2014; Einfach<lb/>
und ge&#x017F;chmackvoll in &#x017F;einem Aeußern und &#x017F;einer Kleidung &#x2014; reinlich, ma&#x0364;ßig, zufrieden, fro&#x0364;hlich<lb/>
anda&#x0364;chtig, fromm, voll einer nicht lauen und nicht &#x017F;chwa&#x0364;rmeri&#x017F;chen Liebe zum &#x2014; <hi rendition="#fr">Heiland</hi> &#x2014;<lb/>
Eines der wei&#x017F;e&#x017F;ten und ange&#x017F;ehen&#x017F;ten Mitglieder der ma&#x0364;hri&#x017F;chen Bru&#x0364;der&#x017F;chaft; aber ein, nicht blos<lb/>
andre duldender, ein za&#x0364;rtlichliebender <hi rendition="#fr">allgemeiner</hi> Men&#x017F;chenfreund; fern von allem aus&#x017F;chließen-<lb/>
den Partheygei&#x017F;te; &#x2014; billig genug, die Fehler &#x017F;einer Parthey zu ge&#x017F;tehen, und das Gute ihrer<lb/>
Gegner hervorzuziehen, und bekannt zu machen &#x2014; Ein wei&#x017F;er &#x2014; nein nicht Vater, ein Bruder,<lb/>
ein Freund aller Kinder; &#x2014; eine Freude aller, die ihn kennen; &#x2014; ein Kind voll Gu&#x0364;te und Un-<lb/>
&#x017F;chuld; &#x2014; klug, wie eine Schlange, und einfa&#x0364;ltig, wie eine Taube; fein, aber nur durch Liebe;<lb/>
von der delicate&#x017F;ten Di&#x017F;cretion &#x2014; &#x017F;chwerho&#x0364;rend, aber mit der ganzen Seele aufmerk&#x017F;am; Mei&#x017F;ter<lb/>
<fw place="bottom" type="sig">E e 3</fw><fw place="bottom" type="catch">&#x017F;einer</fw><lb/></p>
            </div>
          </div>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
[213/0315] zur Pruͤfung des phyſiognomiſchen Genies. R. Ein ausgearbeitetes Profilportraͤt. Das vorſtehende Bild iſt dem Urbilde ſehr aͤhnlich; dennoch hat es von der Anmuth und Lieb- lichkeit des Originals merklich verloren. Aus Furcht, ins Harte zu fallen, wollte es der Zeich- ner, Herr Heinrich Pfenninger, nicht wagen, einige ſehr bedeutſame Zuͤge etwas beſtimmter und feſter zu zeichnen. Es iſt indeß hinlaͤnglich kennbar, um uns zu einigen Beobachtungen die gehoͤrigen Dienſte zu leiſten. Wir werden aber auch das nicht unbemerkt laſſen, was das Bley- ſtift und die Nadel zuruͤck gelaſſen haben moͤgen, und ſo werden wir ſo gar noch die, auch bey der groͤßten Sorgfalt, beynahe unausweichbaren Fehler benutzen koͤnnen. So viel ich aus dem Umgange mit dieſem Manne, und aus dem mit dem meinigen voll- kommen uͤbereinſtimmenden Urtheile andrer, die ihn genau kennen, — mit voͤlliger Zuverlaͤßigkeit ſchließen kann, hat er folgenden — Character. Ueberaus ſanft, zaͤrtlich, guͤtig, empfindſam, aufrichtig, beſcheiden, und von Herzen de- muͤthig — frey von heftigen und ſtuͤrmiſchen Leidenſchaften; immer heiter, ruhig, guten Muths; aufgeweckt, ohne luſtig, ernſthaft, ohne traurig und niedergeſchlagen zu ſeyn; unbeſchreiblich billig in allen ſeinen Urtheilen, und vorſichtig, durch ſein Betragen, und ſeine Reden keinen Men- ſchen zu beleidigen — Ein angenehmer, unterhaltender, theilnehmender Geſellſchafter — Einfach und geſchmackvoll in ſeinem Aeußern und ſeiner Kleidung — reinlich, maͤßig, zufrieden, froͤhlich andaͤchtig, fromm, voll einer nicht lauen und nicht ſchwaͤrmeriſchen Liebe zum — Heiland — Eines der weiſeſten und angeſehenſten Mitglieder der maͤhriſchen Bruͤderſchaft; aber ein, nicht blos andre duldender, ein zaͤrtlichliebender allgemeiner Menſchenfreund; fern von allem ausſchließen- den Partheygeiſte; — billig genug, die Fehler ſeiner Parthey zu geſtehen, und das Gute ihrer Gegner hervorzuziehen, und bekannt zu machen — Ein weiſer — nein nicht Vater, ein Bruder, ein Freund aller Kinder; — eine Freude aller, die ihn kennen; — ein Kind voll Guͤte und Un- ſchuld; — klug, wie eine Schlange, und einfaͤltig, wie eine Taube; fein, aber nur durch Liebe; von der delicateſten Diſcretion — ſchwerhoͤrend, aber mit der ganzen Seele aufmerkſam; Meiſter ſeiner E e 3

Suche im Werk

Hilfe

Informationen zum Werk

Download dieses Werks

XML (TEI P5) · HTML · Text
TCF (text annotation layer)
TCF (tokenisiert, serialisiert, lemmatisiert, normalisiert)
XML (TEI P5 inkl. att.linguistic)

Metadaten zum Werk

TEI-Header · CMDI · Dublin Core

Ansichten dieser Seite

Voyant Tools ?

Language Resource Switchboard?

Feedback

Sie haben einen Fehler gefunden? Dann können Sie diesen über unsere Qualitätssicherungsplattform DTAQ melden.

Kommentar zur DTA-Ausgabe

Dieses Werk wurde gemäß den DTA-Transkriptionsrichtlinien im Double-Keying-Verfahren von Nicht-Muttersprachlern erfasst und in XML/TEI P5 nach DTA-Basisformat kodiert.




Ansicht auf Standard zurückstellen

URL zu diesem Werk: https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente01_1775
URL zu dieser Seite: https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente01_1775/315
Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 1. Leipzig u. a., 1775, S. 213. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente01_1775/315>, abgerufen am 04.03.2021.