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Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776.

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XIV. Fragment. Menschenschädel.
der Nase etwas hervorstehend gewölbt, biegt es sich sanft und gerundet zu dem Fortsatze des
Oberkiefers und der Nasenbeine, mit denen es fest zusammengefügt ist -- herab. Die Sei-
tenbeine des Schädels ziehen sich rund und gleich gewölbt hinterwärts auf die Seiten, helfen
die Gestalt einer Kugel bilden, und stehen nicht weit vor den Schläfen heraus. Die Jochbeine,
die die Seitengegend unter den Augen ausmachen, sind nicht sehr flach, und neigen sich abwärts
gegen den Oberkiefer. Dieser ragt wenig hervor, hat unten einen beynahe halbmondförmigen
Rand, worinnen die Zähne fast senkrecht stehen, und biegt sich seitwärts gegen die Fortsätze des
Kinnbeines herum.

Das Stirnbein unterscheidet des Calmucken Schädel besonders von des Europäers
seinem. Wie platt 2. in der Mitte! gegen die Schläfe stark einwärts gebogen; die Stirne
flach, aber längst den Augenhöhlen sehr auswärts erhoben und höckricht. Ein Zeichen der innlie-
genden großen Schleimhöhlen. Jst sonst über der Augenhöhle nicht sehr hervorstehend, und zieht
sich mit seinem rundlichen, sehr dicken Rande gegen den äussern Augenwinkel herab. Zwischen
den Augenbraunen sehr aufgeschwollen, steigt es tief zwischen die Augen herunter, und macht da
einen merklichen breiten Höcker, mit welchem die schmalen, ziemlich scharfen und gleichsam nieder-
gedrückten Nasenbeine und die Fortsätze des Oberkiefers unter einem ziemlichen Winkel verbun-
den werden. Der Oberkiefer hat einen weitläuftigen Rand, steht auf beyden Seiten weit her-
aus; unter der Nasenöffnung und den Augen steil heruntergehend, ohne innliegende weite
Schleimhöhlen. Die Stelle für die Zähne geräumig, aber vornen in der Gegend der Schneide-
und Hundszähne ausserordentlich platt, so daß die Zähne schief vorwärts ragen.

Je flacher und niedriger des Calmucken 2.) Stirn war, desto höher und schärfer ist des
Aethiopiers 3.) seine, besonders an dem Orte, wo sonst die Nath war, und oben. Gegen ihre
Höhe ist sie ziemlich schmal, ragt zwischen den Augenbraunen nicht sonderlich hervor, sondern
krümmt sich sogleich gegen die Nasenbeine herab.

Die Backen sind nicht breit, sondern wie zusammengezogen, und wegen der niedern Lage
der Jochbeine wenig auswärts erhöhet. Von hinten bemerkt man, daß der Grund der Hirnschale
sehr tief liegt.

Auch

XIV. Fragment. Menſchenſchaͤdel.
der Naſe etwas hervorſtehend gewoͤlbt, biegt es ſich ſanft und gerundet zu dem Fortſatze des
Oberkiefers und der Naſenbeine, mit denen es feſt zuſammengefuͤgt iſt — herab. Die Sei-
tenbeine des Schaͤdels ziehen ſich rund und gleich gewoͤlbt hinterwaͤrts auf die Seiten, helfen
die Geſtalt einer Kugel bilden, und ſtehen nicht weit vor den Schlaͤfen heraus. Die Jochbeine,
die die Seitengegend unter den Augen ausmachen, ſind nicht ſehr flach, und neigen ſich abwaͤrts
gegen den Oberkiefer. Dieſer ragt wenig hervor, hat unten einen beynahe halbmondfoͤrmigen
Rand, worinnen die Zaͤhne faſt ſenkrecht ſtehen, und biegt ſich ſeitwaͤrts gegen die Fortſaͤtze des
Kinnbeines herum.

Das Stirnbein unterſcheidet des Calmucken Schaͤdel beſonders von des Europaͤers
ſeinem. Wie platt 2. in der Mitte! gegen die Schlaͤfe ſtark einwaͤrts gebogen; die Stirne
flach, aber laͤngſt den Augenhoͤhlen ſehr auswaͤrts erhoben und hoͤckricht. Ein Zeichen der innlie-
genden großen Schleimhoͤhlen. Jſt ſonſt uͤber der Augenhoͤhle nicht ſehr hervorſtehend, und zieht
ſich mit ſeinem rundlichen, ſehr dicken Rande gegen den aͤuſſern Augenwinkel herab. Zwiſchen
den Augenbraunen ſehr aufgeſchwollen, ſteigt es tief zwiſchen die Augen herunter, und macht da
einen merklichen breiten Hoͤcker, mit welchem die ſchmalen, ziemlich ſcharfen und gleichſam nieder-
gedruͤckten Naſenbeine und die Fortſaͤtze des Oberkiefers unter einem ziemlichen Winkel verbun-
den werden. Der Oberkiefer hat einen weitlaͤuftigen Rand, ſteht auf beyden Seiten weit her-
aus; unter der Naſenoͤffnung und den Augen ſteil heruntergehend, ohne innliegende weite
Schleimhoͤhlen. Die Stelle fuͤr die Zaͤhne geraͤumig, aber vornen in der Gegend der Schneide-
und Hundszaͤhne auſſerordentlich platt, ſo daß die Zaͤhne ſchief vorwaͤrts ragen.

Je flacher und niedriger des Calmucken 2.) Stirn war, deſto hoͤher und ſchaͤrfer iſt des
Aethiopiers 3.) ſeine, beſonders an dem Orte, wo ſonſt die Nath war, und oben. Gegen ihre
Hoͤhe iſt ſie ziemlich ſchmal, ragt zwiſchen den Augenbraunen nicht ſonderlich hervor, ſondern
kruͤmmt ſich ſogleich gegen die Naſenbeine herab.

Die Backen ſind nicht breit, ſondern wie zuſammengezogen, und wegen der niedern Lage
der Jochbeine wenig auswaͤrts erhoͤhet. Von hinten bemerkt man, daß der Grund der Hirnſchale
ſehr tief liegt.

Auch
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[160/0226] XIV. Fragment. Menſchenſchaͤdel. der Naſe etwas hervorſtehend gewoͤlbt, biegt es ſich ſanft und gerundet zu dem Fortſatze des Oberkiefers und der Naſenbeine, mit denen es feſt zuſammengefuͤgt iſt — herab. Die Sei- tenbeine des Schaͤdels ziehen ſich rund und gleich gewoͤlbt hinterwaͤrts auf die Seiten, helfen die Geſtalt einer Kugel bilden, und ſtehen nicht weit vor den Schlaͤfen heraus. Die Jochbeine, die die Seitengegend unter den Augen ausmachen, ſind nicht ſehr flach, und neigen ſich abwaͤrts gegen den Oberkiefer. Dieſer ragt wenig hervor, hat unten einen beynahe halbmondfoͤrmigen Rand, worinnen die Zaͤhne faſt ſenkrecht ſtehen, und biegt ſich ſeitwaͤrts gegen die Fortſaͤtze des Kinnbeines herum. Das Stirnbein unterſcheidet des Calmucken Schaͤdel beſonders von des Europaͤers ſeinem. Wie platt 2. in der Mitte! gegen die Schlaͤfe ſtark einwaͤrts gebogen; die Stirne flach, aber laͤngſt den Augenhoͤhlen ſehr auswaͤrts erhoben und hoͤckricht. Ein Zeichen der innlie- genden großen Schleimhoͤhlen. Jſt ſonſt uͤber der Augenhoͤhle nicht ſehr hervorſtehend, und zieht ſich mit ſeinem rundlichen, ſehr dicken Rande gegen den aͤuſſern Augenwinkel herab. Zwiſchen den Augenbraunen ſehr aufgeſchwollen, ſteigt es tief zwiſchen die Augen herunter, und macht da einen merklichen breiten Hoͤcker, mit welchem die ſchmalen, ziemlich ſcharfen und gleichſam nieder- gedruͤckten Naſenbeine und die Fortſaͤtze des Oberkiefers unter einem ziemlichen Winkel verbun- den werden. Der Oberkiefer hat einen weitlaͤuftigen Rand, ſteht auf beyden Seiten weit her- aus; unter der Naſenoͤffnung und den Augen ſteil heruntergehend, ohne innliegende weite Schleimhoͤhlen. Die Stelle fuͤr die Zaͤhne geraͤumig, aber vornen in der Gegend der Schneide- und Hundszaͤhne auſſerordentlich platt, ſo daß die Zaͤhne ſchief vorwaͤrts ragen. Je flacher und niedriger des Calmucken 2.) Stirn war, deſto hoͤher und ſchaͤrfer iſt des Aethiopiers 3.) ſeine, beſonders an dem Orte, wo ſonſt die Nath war, und oben. Gegen ihre Hoͤhe iſt ſie ziemlich ſchmal, ragt zwiſchen den Augenbraunen nicht ſonderlich hervor, ſondern kruͤmmt ſich ſogleich gegen die Naſenbeine herab. Die Backen ſind nicht breit, ſondern wie zuſammengezogen, und wegen der niedern Lage der Jochbeine wenig auswaͤrts erhoͤhet. Von hinten bemerkt man, daß der Grund der Hirnſchale ſehr tief liegt. Auch

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Zitationshilfe: Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 2. Leipzig u. a., 1776, S. 160. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente02_1776/226>, abgerufen am 10.05.2021.