etwas fetter geschmiert, und garstige Schönfärbereyen drüber hingekleckt, und also feucht der Fir- niß drüber gepinselt. Das Stück war so helle und gleißend geworden, daß man's kaum mehr kannte. Bald genug ward alles wieder eingesteckt, dem Vater ein Wink gegeben, der sich des wohlgelungenen Streichs herzinniglich freute -- dem aber doch in der Gallerie keinen Augenblick mehr wohl war.
Verloren gegangen war die edle Einfalt des Gesichts! der Ausdruck naiver Empfindsam- keit war in sinnliche Lust -- die größte Kraft in hoch sich aufblähenden Stolz, und das ganze Far- benspiel unter einen gelben Firniß versunken.
Nur wie die Sonne durch Wolken scheint, schien hin und wieder noch ein Zug des ersten Gesichtes durch.
Dem Vater ward die Nachricht gebracht, daß etwas an seinem Lieblingsstücke verändert und verdorben worden sey -- -- Hin eilte der wieder gegenwärtige Sohn, der's an des Vaters Seite vernahm, in sein Cabinet, das er sein Heiligthum nannte, und sah -- und stand, und sah und weinte -- "Das hat ein feindlicher Mensch gethan!" -- O Unschuld! Unschuld! -- du bist Laster geworden! So sollte meines Vaters Arbeit aussehen! und wenn ich mein Leben drüber verlieren und mich blind arbeiten müßte -- so soll's mein Vater nicht wieder sehen! -- Verruchter, der das that -- und meines Vaters Meisterstück so verdarb -- aus Neid und Eigennutz! Nein! sterben wollt' ich, eh du's haben sollst -- sterben, eh es also bleiben soll. Der edle Sohn, voll vom Genie seines Vaters, hatte das Geheimniß, den Firniß aufzulösen, und den aufgekleckten Quark von Farben wieder wegzubringen -- Allein man kann denken, wie viel vom ersten Originale sich mit wegriß -- Doch der Wust war weggearbeitet -- traurig stand der Sohn vor der verwüste- ten Unschuld -- aber im Vollgefühle seines Schmerzes und seines Genies, nahm er Pinsel und Farbe -- und arbeitete mit unbeschreiblicher Begeisterung, neue Kraft, neues Leben ins Ganze hinein -- Die ersten Grundzüge waren ihm immer noch sichtbar, waren ihm heilig -- er schwitzte bey der Arbeit -- Unschuld -- Unschuld -- du bist nicht mehr zurückzubringen -- aber ich will thun, was ich kann -- und es gelang ihm, daß er sich königlich freute seiner Arbeit -- Unwider-
bringlich
I. Abſchnitt. XII. Fragment. Eine Fabel.
etwas fetter geſchmiert, und garſtige Schoͤnfaͤrbereyen druͤber hingekleckt, und alſo feucht der Fir- niß druͤber gepinſelt. Das Stuͤck war ſo helle und gleißend geworden, daß man’s kaum mehr kannte. Bald genug ward alles wieder eingeſteckt, dem Vater ein Wink gegeben, der ſich des wohlgelungenen Streichs herzinniglich freute — dem aber doch in der Gallerie keinen Augenblick mehr wohl war.
Verloren gegangen war die edle Einfalt des Geſichts! der Ausdruck naiver Empfindſam- keit war in ſinnliche Luſt — die groͤßte Kraft in hoch ſich aufblaͤhenden Stolz, und das ganze Far- benſpiel unter einen gelben Firniß verſunken.
Nur wie die Sonne durch Wolken ſcheint, ſchien hin und wieder noch ein Zug des erſten Geſichtes durch.
Dem Vater ward die Nachricht gebracht, daß etwas an ſeinem Lieblingsſtuͤcke veraͤndert und verdorben worden ſey — — Hin eilte der wieder gegenwaͤrtige Sohn, der’s an des Vaters Seite vernahm, in ſein Cabinet, das er ſein Heiligthum nannte, und ſah — und ſtand, und ſah und weinte — „Das hat ein feindlicher Menſch gethan!“ — O Unſchuld! Unſchuld! — du biſt Laſter geworden! So ſollte meines Vaters Arbeit ausſehen! und wenn ich mein Leben druͤber verlieren und mich blind arbeiten muͤßte — ſo ſoll’s mein Vater nicht wieder ſehen! — Verruchter, der das that — und meines Vaters Meiſterſtuͤck ſo verdarb — aus Neid und Eigennutz! Nein! ſterben wollt’ ich, eh du’s haben ſollſt — ſterben, eh es alſo bleiben ſoll. Der edle Sohn, voll vom Genie ſeines Vaters, hatte das Geheimniß, den Firniß aufzuloͤſen, und den aufgekleckten Quark von Farben wieder wegzubringen — Allein man kann denken, wie viel vom erſten Originale ſich mit wegriß — Doch der Wuſt war weggearbeitet — traurig ſtand der Sohn vor der verwuͤſte- ten Unſchuld — aber im Vollgefuͤhle ſeines Schmerzes und ſeines Genies, nahm er Pinſel und Farbe — und arbeitete mit unbeſchreiblicher Begeiſterung, neue Kraft, neues Leben ins Ganze hinein — Die erſten Grundzuͤge waren ihm immer noch ſichtbar, waren ihm heilig — er ſchwitzte bey der Arbeit — Unſchuld — Unſchuld — du biſt nicht mehr zuruͤckzubringen — aber ich will thun, was ich kann — und es gelang ihm, daß er ſich koͤniglich freute ſeiner Arbeit — Unwider-
bringlich
<TEI><text><body><divn="1"><divn="2"><divn="3"><p><pbfacs="#f0131"n="103"/><fwplace="top"type="header"><hirendition="#b"><hirendition="#aq">I.</hi> Abſchnitt. <hirendition="#aq">XII.</hi> Fragment. Eine Fabel.</hi></fw><lb/>
etwas fetter geſchmiert, und garſtige Schoͤnfaͤrbereyen druͤber hingekleckt, und alſo feucht der Fir-<lb/>
niß druͤber gepinſelt. Das Stuͤck war ſo helle und gleißend geworden, daß man’s kaum mehr<lb/>
kannte. Bald genug ward alles wieder eingeſteckt, dem Vater ein Wink gegeben, der ſich des<lb/>
wohlgelungenen Streichs herzinniglich freute — dem aber doch in der Gallerie keinen Augenblick<lb/>
mehr wohl war.</p><lb/><p>Verloren gegangen war die edle Einfalt des Geſichts! der Ausdruck naiver Empfindſam-<lb/>
keit war in ſinnliche Luſt — die groͤßte Kraft in hoch ſich aufblaͤhenden Stolz, und das ganze Far-<lb/>
benſpiel unter einen gelben Firniß verſunken.</p><lb/><p>Nur wie die Sonne durch Wolken ſcheint, ſchien hin und wieder noch ein Zug des erſten<lb/>
Geſichtes durch.</p><lb/><p>Dem Vater ward die Nachricht gebracht, daß etwas an ſeinem Lieblingsſtuͤcke veraͤndert<lb/>
und verdorben worden ſey —— Hin eilte der wieder gegenwaͤrtige Sohn, der’s an des Vaters<lb/>
Seite vernahm, in ſein Cabinet, das er ſein <hirendition="#b">Heiligthum</hi> nannte, und ſah — und ſtand, und ſah<lb/>
und weinte —„Das hat ein feindlicher Menſch gethan!“— O Unſchuld! Unſchuld! — du biſt<lb/><hirendition="#b">Laſter</hi> geworden! So ſollte meines Vaters Arbeit ausſehen! und wenn ich mein Leben druͤber<lb/>
verlieren und mich blind arbeiten muͤßte —ſo ſoll’s mein Vater nicht wieder ſehen! — Verruchter,<lb/>
der das that — und meines Vaters Meiſterſtuͤck ſo verdarb — aus Neid und Eigennutz! Nein!<lb/>ſterben wollt’ ich, eh du’s haben ſollſt —ſterben, eh es alſo bleiben ſoll. Der edle Sohn, voll vom<lb/>
Genie ſeines Vaters, hatte das Geheimniß, den Firniß aufzuloͤſen, und den aufgekleckten Quark<lb/>
von Farben wieder wegzubringen — Allein man kann denken, wie viel vom erſten Originale ſich<lb/>
mit wegriß — Doch der Wuſt war weggearbeitet — traurig ſtand der Sohn vor der verwuͤſte-<lb/>
ten Unſchuld — aber im Vollgefuͤhle ſeines Schmerzes und ſeines Genies, nahm er Pinſel und<lb/>
Farbe — und arbeitete mit unbeſchreiblicher Begeiſterung, neue Kraft, neues Leben ins Ganze<lb/>
hinein — Die erſten Grundzuͤge waren ihm immer noch ſichtbar, waren ihm heilig — er ſchwitzte<lb/>
bey der Arbeit — Unſchuld — Unſchuld — du biſt nicht mehr zuruͤckzubringen — aber ich will<lb/>
thun, was ich kann — und es gelang ihm, daß er ſich koͤniglich freute ſeiner Arbeit — Unwider-<lb/><fwplace="bottom"type="catch">bringlich</fw><lb/></p></div></div></div></body></text></TEI>
[103/0131]
I. Abſchnitt. XII. Fragment. Eine Fabel.
etwas fetter geſchmiert, und garſtige Schoͤnfaͤrbereyen druͤber hingekleckt, und alſo feucht der Fir-
niß druͤber gepinſelt. Das Stuͤck war ſo helle und gleißend geworden, daß man’s kaum mehr
kannte. Bald genug ward alles wieder eingeſteckt, dem Vater ein Wink gegeben, der ſich des
wohlgelungenen Streichs herzinniglich freute — dem aber doch in der Gallerie keinen Augenblick
mehr wohl war.
Verloren gegangen war die edle Einfalt des Geſichts! der Ausdruck naiver Empfindſam-
keit war in ſinnliche Luſt — die groͤßte Kraft in hoch ſich aufblaͤhenden Stolz, und das ganze Far-
benſpiel unter einen gelben Firniß verſunken.
Nur wie die Sonne durch Wolken ſcheint, ſchien hin und wieder noch ein Zug des erſten
Geſichtes durch.
Dem Vater ward die Nachricht gebracht, daß etwas an ſeinem Lieblingsſtuͤcke veraͤndert
und verdorben worden ſey — — Hin eilte der wieder gegenwaͤrtige Sohn, der’s an des Vaters
Seite vernahm, in ſein Cabinet, das er ſein Heiligthum nannte, und ſah — und ſtand, und ſah
und weinte — „Das hat ein feindlicher Menſch gethan!“ — O Unſchuld! Unſchuld! — du biſt
Laſter geworden! So ſollte meines Vaters Arbeit ausſehen! und wenn ich mein Leben druͤber
verlieren und mich blind arbeiten muͤßte — ſo ſoll’s mein Vater nicht wieder ſehen! — Verruchter,
der das that — und meines Vaters Meiſterſtuͤck ſo verdarb — aus Neid und Eigennutz! Nein!
ſterben wollt’ ich, eh du’s haben ſollſt — ſterben, eh es alſo bleiben ſoll. Der edle Sohn, voll vom
Genie ſeines Vaters, hatte das Geheimniß, den Firniß aufzuloͤſen, und den aufgekleckten Quark
von Farben wieder wegzubringen — Allein man kann denken, wie viel vom erſten Originale ſich
mit wegriß — Doch der Wuſt war weggearbeitet — traurig ſtand der Sohn vor der verwuͤſte-
ten Unſchuld — aber im Vollgefuͤhle ſeines Schmerzes und ſeines Genies, nahm er Pinſel und
Farbe — und arbeitete mit unbeſchreiblicher Begeiſterung, neue Kraft, neues Leben ins Ganze
hinein — Die erſten Grundzuͤge waren ihm immer noch ſichtbar, waren ihm heilig — er ſchwitzte
bey der Arbeit — Unſchuld — Unſchuld — du biſt nicht mehr zuruͤckzubringen — aber ich will
thun, was ich kann — und es gelang ihm, daß er ſich koͤniglich freute ſeiner Arbeit — Unwider-
bringlich
Informationen zur CAB-Ansicht
Diese Ansicht bietet Ihnen die Darstellung des Textes in normalisierter Orthographie.
Diese Textvariante wird vollautomatisch erstellt und kann aufgrund dessen auch Fehler enthalten.
Alle veränderten Wortformen sind grau hinterlegt. Als fremdsprachliches Material erkannte
Textteile sind ausgegraut dargestellt.
Lavater, Johann Caspar: Physiognomische Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe. Bd. 4. Leipzig u. a., 1778, S. 103. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lavater_fragmente04_1778/131>, abgerufen am 26.09.2024.
Alle Inhalte dieser Seite unterstehen, soweit nicht anders gekennzeichnet, einer
Creative-Commons-Lizenz.
Die Rechte an den angezeigten Bilddigitalisaten, soweit nicht anders gekennzeichnet, liegen bei den besitzenden Bibliotheken.
Weitere Informationen finden Sie in den DTA-Nutzungsbedingungen.
Insbesondere im Hinblick auf die §§ 86a StGB und 130 StGB wird festgestellt, dass die auf
diesen Seiten abgebildeten Inhalte weder in irgendeiner Form propagandistischen Zwecken
dienen, oder Werbung für verbotene Organisationen oder Vereinigungen darstellen, oder
nationalsozialistische Verbrechen leugnen oder verharmlosen, noch zum Zwecke der
Herabwürdigung der Menschenwürde gezeigt werden.
Die auf diesen Seiten abgebildeten Inhalte (in Wort und Bild) dienen im Sinne des
§ 86 StGB Abs. 3 ausschließlich historischen, sozial- oder kulturwissenschaftlichen
Forschungszwecken. Ihre Veröffentlichung erfolgt in der Absicht, Wissen zur Anregung
der intellektuellen Selbstständigkeit und Verantwortungsbereitschaft des Staatsbürgers zu
vermitteln und damit der Förderung seiner Mündigkeit zu dienen.
Zitierempfehlung: Deutsches Textarchiv. Grundlage für ein Referenzkorpus der neuhochdeutschen Sprache. Herausgegeben von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 2024. URL: https://www.deutschestextarchiv.de/.