Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832.An meine Guitarre. Guitarre, wie du hängst so traurig! Die Saiten tönen nimmermehr, Die längst zerrissnen wanken schaurig Im Abendwinde hin und her. Auch deine Saiten sind zerrissen, Es schweigt dein süßer Liederklang, Seit in des Busens Finsternissen Mir jede frohe Saite sprang. Mir sank der Freund voll Jugendblüthe Hinunter in die Todesfluth; Die meiner Lieb' entgegenglühte, Nun bei den kalten Todten ruht. Doch will ich euch nun frisch besaiten,
Dich, meine Leier, dich, mein Herz! Rückbannen die entflohnen Zeiten, Die alte Lust, den alten Schmerz! An meine Guitarre. Guitarre, wie du haͤngſt ſo traurig! Die Saiten toͤnen nimmermehr, Die laͤngſt zerriſſnen wanken ſchaurig Im Abendwinde hin und her. Auch deine Saiten ſind zerriſſen, Es ſchweigt dein ſuͤßer Liederklang, Seit in des Buſens Finſterniſſen Mir jede frohe Saite ſprang. Mir ſank der Freund voll Jugendbluͤthe Hinunter in die Todesfluth; Die meiner Lieb' entgegengluͤhte, Nun bei den kalten Todten ruht. Doch will ich euch nun friſch beſaiten,
Dich, meine Leier, dich, mein Herz! Ruͤckbannen die entflohnen Zeiten, Die alte Luſt, den alten Schmerz! <TEI> <text> <body> <div n="1"> <div n="2"> <pb facs="#f0110" n="96"/> </div> <div n="2"> <head> <hi rendition="#b">An meine Guitarre.</hi><lb/> </head> <milestone rendition="#hr" unit="section"/> <lg type="poem"> <lg n="1"> <l><hi rendition="#in">G</hi>uitarre, wie du haͤngſt ſo traurig!</l><lb/> <l>Die Saiten toͤnen nimmermehr,</l><lb/> <l>Die laͤngſt zerriſſnen wanken ſchaurig</l><lb/> <l>Im Abendwinde hin und her.</l><lb/> </lg> <lg n="2"> <l>Auch deine Saiten ſind zerriſſen,</l><lb/> <l>Es ſchweigt dein ſuͤßer Liederklang,</l><lb/> <l>Seit in des Buſens Finſterniſſen</l><lb/> <l>Mir jede frohe Saite ſprang.</l><lb/> </lg> <lg n="3"> <l>Mir ſank der Freund voll Jugendbluͤthe</l><lb/> <l>Hinunter in die Todesfluth;</l><lb/> <l>Die meiner Lieb' entgegengluͤhte,</l><lb/> <l>Nun bei den kalten Todten ruht.</l><lb/> </lg> <lg n="4"> <l>Doch will ich euch nun friſch beſaiten,</l><lb/> <l>Dich, meine Leier, dich, mein Herz!</l><lb/> <l>Ruͤckbannen die entflohnen Zeiten,</l><lb/> <l>Die alte Luſt, den alten Schmerz!</l><lb/> </lg> </lg> </div> </div> </body> </text> </TEI> [96/0110]
An meine Guitarre.
Guitarre, wie du haͤngſt ſo traurig!
Die Saiten toͤnen nimmermehr,
Die laͤngſt zerriſſnen wanken ſchaurig
Im Abendwinde hin und her.
Auch deine Saiten ſind zerriſſen,
Es ſchweigt dein ſuͤßer Liederklang,
Seit in des Buſens Finſterniſſen
Mir jede frohe Saite ſprang.
Mir ſank der Freund voll Jugendbluͤthe
Hinunter in die Todesfluth;
Die meiner Lieb' entgegengluͤhte,
Nun bei den kalten Todten ruht.
Doch will ich euch nun friſch beſaiten,
Dich, meine Leier, dich, mein Herz!
Ruͤckbannen die entflohnen Zeiten,
Die alte Luſt, den alten Schmerz!
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| Zitationshilfe: | Lenau, Nikolaus: Gedichte. Stuttgart, 1832, S. 96. In: Deutsches Textarchiv <https://www.deutschestextarchiv.de/lenau_gedichte_1832/110>, abgerufen am 10.08.2024. |


